Montag, 23. Mai 2016
79
Sein und Existenz sind wie Gras, und ihre Gültigkeiten sind wie eine Blume auf dem Feld. Das Gras verdorrt und die Blume verwelkt (Jes 40,6). Ich selbst zehre daher eher von Erinnerungen an Wirklichkeitswahrnehmungen, als von den Wahrnehmung selbst. Als Erinnerung erscheinen Wahrnehmungen verklärt und permanent. Doch auch unsere Erinnerungen sind natürlich ein Haschen nach Wind (Koh 1,14). Sie verdorren und verwelken. Wie tröstlich. Selbst jene Erinnerungen, die sich beim besten Willen nicht verklären lassen und deren Permanenz uns belastet, können wir anschauen, als wären sie Nichts.
Donnerstag, 12. Mai 2016
78
Dem paulinischen Wagnis des Glaubens geht keine substanzielle Veränderung des Glaubenden voraus. Auch macht der Glaube keinen anderen oder gar neuen Menschen. Der Glaubende ist und bleibt so, wie er ist: gottlos, Sünder und insofern ganzheitlich in den tödlichen Mechanismus des Todes integriert.
Mittwoch, 11. Mai 2016
77
Paulinischer Glaube ist der Versuch, unsere Wirklichkeitsinterpretation von links auf rechts zu drehen: Paulus begreift die Weltwirklichkeit nicht als einen Ort des Lebens, sondern als einen Ort totaler Gottlosigkeit und insofern als einen Ort des Todes. Die Welt ist Sünde, der Mensch ist Sünder, als solche sind sie tot. Solange die Weltwirklichkeit ist, lässt sich daran nichts ändern. Paulus will aber auch gar nichts ändern. Die Weltwirklichkeit wird in ihrer Gottlosigkeit ohnehin vergehen. Der Tod des Todes ist unvermeidlich. Fraglich ist allein, wie die Weltwirklichkeit im Werden ihres Vergehens zu begreifen und zu handhaben ist.
Dienstag, 10. Mai 2016
76
In der säkularen Moderne haben wir uns daran gewöhnt, allein noch das für wirklich, gültig und relevant zu halten, was wir wahrnehmen oder mit technischen Hilfsmitteln wahrnehmbar machen können. Das Vernommene wird bezeichnet, kategorisiert und in unser Welterklärungsgebäude eingefügt. Soweit es sinnvoll und möglich erscheint, sind wir darum bemüht, das Wirkliche und seine Gültigkeiten (Gesetze) beherrschbar und uns dienstbar zu machen. In dieser Interpretations- und Nutzungsmechanik bleibt kein Raum mehr für eine andere, transzendente, nicht vernehmbare Wirklichkeit, die man Gott nennen und für bedeutsam erklären könnte.
Sonntag, 8. Mai 2016
75
Es ist ausgesprochen irritierend, wie sehr der Mensch geneigt ist, an seinen Wirklichkeitsinterpretationen auch gegen alle Erfahrung festzuhalten. Gerade unter christlich Religiösen lässt sich dieses Phänomen beobachten. Wie Sisyphos, so halten sie ihre Wirklichkeitshoffnungen dem Lauf der Dinge wieder und wieder entgegen. Es gelingt ihnen sogar, das tatsächlich Böse als Gut umzuinterpretieren. Ihr „religiöses Apriori“ (Bonhoeffer) hindert sie daran, sich auf Erfahrung und auf nüchterne Wirklichkeitsdiagnosen einzulassen. Ihr Apriori hindert sie aber vor allem daran, sich auf das einzulassen, was unter paulinischen Interpretationsbedingungen „Glaube“ genannt werden kann. Religiosität, auch in ihrer säkularen Erscheinungsform, ist der Feind des Glaubens.
Samstag, 7. Mai 2016
74
Die heutige Tageslosung: „Ihr werdet am Ende doch sehen, was für ein Unterschied ist zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient“ (Mal 3,18). Über viele Jahre habe ich mich gegen alle Erfahrung an derartigen Verheißungen und damit am Gültigkeitsglauben meiner Herkunft festgehalten. Doch begriffen als Gültigkeitsaussage für eine kommende Weltwirklichkeit ist gerade die Ankündigung einer sichtbaren Unterscheidbarkeit von Gottesdienern und Weltdienern schlechtweg falsch.
Interessanterweise ist mein eigener Gültigkeitsglaube ausgerechnet nach der Auseinandersetzung mit dem Buch Maleachi an sein Ende gekommen – mit jenem Buch, dem in der christlichen Bibel das messianische Ereignis unmittelbar folgt.
Interessanterweise ist mein eigener Gültigkeitsglaube ausgerechnet nach der Auseinandersetzung mit dem Buch Maleachi an sein Ende gekommen – mit jenem Buch, dem in der christlichen Bibel das messianische Ereignis unmittelbar folgt.
Freitag, 6. Mai 2016
73
Was die paulinische Uminterpretation der Weltwirklichkeit zumutet und meint, lässt sich halbwegs andeuten mit Hilfe zweier Szenen aus dem ersten Teil der Matrix-Trilogie: der Spoon- und der Dojo-Szene.
Mittwoch, 4. Mai 2016
72
Paulus lässt sich selbstverständlich auch christlich deuten. Wer ihn nachchristlich in Anspruch nehmen will, darf nicht zimperlich sein, muss über viele vermeintlich christliche Formulierungen rücksichtslos hinwegschreiten und erst einmal nur dort verharren, wo Paulus seine alles entscheidenden Uminterpretationen vornimmt. Von hier ausgehend lässt sich möglicherweise der vermeintlich christliche Paulus insgesamt nachchristlich wenden. Mein eigenes nachchristliches Denken verdankt sich vor allem zwei paulinischen Uminterpretationen.
Montag, 2. Mai 2016
71
Im Verlauf der (Selbst-)Transformation des christlichen Gottes geht uns die zweite Dimension verloren, der Zugriff auf eine Interpretationsdimension „jenseits“ des chaotischen Stroms der Wirklichkeitsgeschehnisse. Damit wird uns zugleich die Möglichkeit genommen, auf sichere, unbedingt und allgemein gültige Wahrheiten des Denkens und Handelns zurückzugreifen und diese als Folie über die verwirrende Weltwirklichkeit zu legen. Die Weltwirklichkeit verliert ihren allgemeinen Sinn und lässt sich auch nicht mehr diesem Sinn gemäß anordnen. Gott hat seinen Platz geräumt.
Sonntag, 1. Mai 2016
70
Kaum eine (pseudo-)paulinische Denkfigur hat mich in den vergangenen Jahren mehr beschäftigt, als das kryptische Zu- und Ineinandern von Katechon (Aufhalter), Anomie (Gesetzlosigkeit) und Anomos (Gesetzloser) in 2 Thess 2,6–8. In Giorgio Agambens Römerbriefkommentar findet sich der spannende Hinweis, Katechon und Anomos könnten sich nach der letzten Entschleierung möglicherweise als ein und dieselbe Macht erwiesen haben. Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit läge dann darin, dass der, der zunächst aufzuhalten scheint, indem er als Gesetz und Gerechtigkeit auftritt, zuletzt als der enthüllt wird, der dem Gesetz und der Gerechtigkeit des Messias zutiefst zuwider ist, der sich (selbst an diese Lüge glaubend) machtvoll und eindrücklich an die Stelle des Messias setzt, durch die „Erscheinung seiner Ankunft“ und durch den „Hauch seines Mundes“ jedoch beseitigt und vernichtet wird. Mittlerweile meine ich sagen zu müssen, dass mit Katechon und Anomos nichts anderes gemeint sein kann, als das Christentum selbst.