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Sonntag, 31. Mai 2026

1211

Zu Nr. 1204: Das Projekt hat noch nicht einmal die erste institutionelle Hürde genommen. Man hat es aufgehalten, weil angesichts der Radikalität des Ansatzes zu viel auf dem Spiel steht, vor allem zu viel von dem, was geworden, gewohnt und dadurch geheiligt ist. Aber natürlich auch persönliche, militärische und politische Beziehungen und Karrieren.
Der unmittelbare Widerstand des Systems war erwartbar, ist durchaus amüsant, im Blick auf die Sache und die betroffenen Menschen in Uniform aber natürlich tragisch.
Das Projekt ist tot, der Gedanke aber wohl nicht. Er hat zumindest das Potenzial, sich subversiv zu verselbständigen.

1210

Unsere Sprachspiele sind nicht deshalb belanglos, weil sie nicht mehr sind als das, was sie sind: Sprachspiele. Sie sind alles, was wir haben. Und sie haben Wirkungen. Daher müssen wir sie spielen, und dies mit Bedacht. Wir müssen bedenken, welche Sprachspiele wir überhaupt noch intellektuell redlich spielen können, und wir müssen bedenken, welche Folgen sie absehbar haben.

Montag, 25. Mai 2026

1209

Jedes Sollen setzt eine vertikale, eine metaphysische oder religiöse Begründungs- und Argumentationsstruktur voraus. Fällt mit Metaphysik und Religion diese Struktur, so fällt auch jedes Sollen. Jenseits des Sollens bleibt dann allein noch das Wollen (Nietzsche). Nun stellt sich – modern formuliert – nicht mehr die Frage, was ich vernünftigerweise tun soll. Es stellt sich vielmehr die Frage, was ich authentischerweise wollen kann. Gerade hier setzt die jesuanische Formel ein, die gerade nicht das ist, was das Christentum gerne daraus gemacht hat: ein ethisches Kriterium, ein moralischer Imperativ (siehe Nr. 1038).

Sonntag, 24. Mai 2026

1208

Ein Habitus, der sich erkennbar überträgt aus den Sozialen Medien hinein in die soziale Realität: hysterische Selbstrepräsentation. Zunehmend sind wir von überlauten Menschen umgeben, die nicht verstehen oder nicht wahrnehmen, dass ihr reales soziales Umfeld ihnen gar nicht folgen will.

Sonntag, 17. Mai 2026

1207

Im Urlaub auch noch einmal Zeit gefunden für den Besuch eines Buchladens. Beim Blick über die gleich-gültige Vielfalt der Publikationen unter den Rubriken Religion, Psychologie und Lebenshilfe ein kurzer Gedanke: Es sind nicht so sehr die zahllosen vereinzelten Erzählungen, in denen sich unsere Hilflosigkeit, unsere Ohnmacht Ausdruck verschafft. Die Vielfalt der kleinen Erzählungen ist kein neues Phänomen. Neu ist, dass diese Erzählungen eine Großerzählung als übergeordnete Referenz verloren haben. Und neu ist, dass dieser Verlust nicht mehr als solcher wahrgenommen wird. Unsere Hilflosigkeit äußert sich somit vor allem im fehlenden Bewusstsein für das, was fehlt. Unsere Ohnmacht ist nun eine wesentlich unbewusste. Diese wesentliche Bewusstlosigkeit ist zugleich Mitursache für die Hybris in unseren Kleinerzählungen.

1206

Eine weitere haarfeine Linie: jene zwischen Idealismus und Ideologie.

Sonntag, 3. Mai 2026

1205

Es ist nicht neu unter der Sonne: Während wir Technik gebrauchen, macht Technik Gebrauch von uns. Derzeit verschieben sich jedoch die Machtverhältnisse. Bislang waren wir es, die der Technik den Zweck gesetzt haben. Mittlerweile beraubt uns die Technik der Fähigkeit zur Zwecksetzung, zunehmend lässt sie bestimmte Zwecksetzungen notwendig, gar zwingend erscheinen. Ob Technik uns dereinst ihre eigenen Zwecke zu setzen in der Lage ist, steht dahin. Jedenfalls wird der Raum noch möglicher Selbstbestimmtheit stetig kleiner.