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Sonntag, 24. Mai 2026

1208

Ein Habitus, der sich erkennbar überträgt aus den Sozialen Medien hinein in die soziale Realität: hysterische Selbstrepräsentation. Zunehmend sind wir von überlauten Menschen umgeben, die nicht verstehen oder nicht wahrnehmen, dass ihr reales soziales Umfeld ihnen gar nicht folgen will.

Sonntag, 17. Mai 2026

1207

Im Urlaub auch noch einmal Zeit gefunden für den Besuch eines Buchladens. Beim Blick über die gleich-gültige Vielfalt der Publikationen unter den Rubriken Religion, Psychologie und Lebenshilfe ein kurzer Gedanke: Es sind nicht so sehr die zahllosen vereinzelten Erzählungen, in denen sich unsere Hilflosigkeit, unsere Ohnmacht Ausdruck verschafft. Die Vielfalt der kleinen Erzählungen ist kein neues Phänomen. Neu ist, dass diese Erzählungen eine Großerzählung als übergeordnete Referenz verloren haben. Und neu ist, dass dieser Verlust nicht mehr als solcher wahrgenommen wird. Unsere Hilflosigkeit äußert sich somit vor allem im fehlenden Bewusstsein für das, was fehlt. Unsere Ohnmacht ist nun eine wesentlich unbewusste. Diese wesentliche Bewusstlosigkeit ist zugleich Mitursache für die Hybris in unseren Kleinerzählungen.

1206

Eine weitere haarfeine Linie: jene zwischen Idealismus und Ideologie.

Sonntag, 3. Mai 2026

1205

Es ist nicht neu unter der Sonne: Während wir Technik gebrauchen, macht Technik Gebrauch von uns. Derzeit verschieben sich jedoch die Machtverhältnisse. Bislang waren wir es, die der Technik den Zweck gesetzt haben. Mittlerweile beraubt uns die Technik der Fähigkeit zur Zwecksetzung, zunehmend lässt sie bestimmte Zwecksetzungen notwendig, gar zwingend erscheinen. Ob Technik uns dereinst ihre eigenen Zwecke zu setzen in der Lage ist, steht dahin. Jedenfalls wird der Raum noch möglicher Selbstbestimmtheit stetig kleiner.

Sonntag, 19. April 2026

1204

In den vergangenen Wochen habe ich jede freie, aber auch jede unfreie Minute darauf verwendet, einen neuen Ansatz zu entwickeln. Ergebnis ist der Entwurf einer Ethik für Soldaten im Gefecht, einer Taktischen Kriegsethik (TKE). Dieser Entwurf müht sich nicht mehr darum, die traditionellen Ethiken der Tugend, der Pflicht oder des Nutzens im taktischen Raum zu verorten. Diese können und dürfen hier schlechtweg keinen Ort haben. Formal greife ich ausdrücklich auf Max Webers Vorbereitung einer Ethik der Gewalthandhabung, auf seine Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik zurück. Inhaltlich arbeite ich, ohne dies offen zu legen, im Anschluss an Jacques Derrida mit einer messianischen Begründungsstruktur, verorte mitten im Krieg eine Art dekonstruktiven Messianismus. Militärische Gewalt wird begründet und reguliert als Mittel zur Wahrung einer kommenden Möglichkeit, einer Möglichkeit im Kommen. Dieser Ansatz untergräbt alles, was sich bislang Militärethik nennt.
In den nächsten Tagen wende ich mich mit dem Entwurf an eine begrenzte, multidisziplinäre Öffentlichkeit ausgewählter Experten. Hier erwarte ich nach ersten Vorgesprächen große Offenheit und Unterstützung, vor allem aus dem Bereich der Kampftruppen. Die nächsten Schritte werden deutlich schwieriger, das etablierte militärische und politische System wird sich zur Wehr setzen. Ich bin sehr gespannt, wann und wo die Reise des Projekts enden wird.

Sonntag, 22. März 2026

1203

Das Wirkliche ist das ontisch Böse. Mit dieser Setzung ist jede Moral entmachtet.

1202

Wer nicht differenziert, der interpretiert im totalitären Schema.

1201

Zum Tod von Jürgen Habermas – angesichts der nostalgischen, teils sehnsüchtigen Gestimmtheit in den Feuilletons: Der 14. März 2026 markiert das Ende einer Epoche. Das unvermeidliche und notwendige Ende. Dem Ende der großen Erzählungen folgt das Ende der großen Erzähler. Das unvermeidliche und notwendige Ende.

Samstag, 7. März 2026

1200

Die messianische Haltung: klesische Äquidistanz zu allem Wirklichen.

1199

Das, was wir Leben nennen, ist kontingent und flüchtig. Es ist ungeschickt und unzuträglich, das Leben in seiner Eigenart durch törichte Entscheidungen zu bestärken.

Mittwoch, 25. Februar 2026

1198

Bücher waren und sind für mich immer so etwas wie Leitern. Sobald sie ihren Dienst verrichtet haben, lege ich sie beiseite. Ich benötige sie dann nicht mehr (siehe Nr. 461). Daher ist mein Bücherbestand auch überschaubar. Und die Bücher, die ich habe, habe ich allenfalls aus nostalgischen oder anderen, sachfremden Gründen. Das bedeutet auch: Mittlerweile lese ich nur noch Bücher, die sich unmittelbar als Leiter aufdrängen.


1197

Die subtile Pointe des Bilderverbots, des Verbots religiöser oder metaphysischer Fiktionen: Es verhindert zugleich die Flucht aus und vor dem Wirklichen. Das Bilderverbot nötigt dazu, sich dem Wirklichen unverstellt zu stellen.


Sonntag, 15. Februar 2026

1196

Gewalt als Beruf: Mit der Legitimität des Zweckes ist nicht zugleich die Legitimität des notwendigen Mittels festgestellt. Zumindest nicht in der Wahrnehmung dessen, der von diesen Mitteln Gebrauch machen muss. Der Soldat als Instrument der Gewaltsamkeit, der Soldat als legitimierter Gewalttäter wird von den üblichen Erzählungen unserer politischen Philosophien und Ethiken nicht erreicht. Er schwebt in einer legitimatorischen Aporie. Damit ist er gefährdend und gefährdet zugleich.

Sonntag, 25. Januar 2026

1195

Nun habe ich mir einen Eindruck verschafft vom Störungsbild der Moralischen Verletzung vor allem im militärischen Kontext, vor diesem Hintergrund dann mein Verständnis moralischer Resilienz näher bestimmt und die grundsätzliche Vorstellung eines entsprechenden moralphilosophischen, näherhin ethischen Beitrages entwickelt. Dabei lag es nahe, weiter zu konkretisieren, was ich selbst im Raum des Begriffs Ethik eigentlich vertrete.

Sonntag, 11. Januar 2026

1194

Hätte Luther geahnt, dass seine gegen den Gott an sich gerichtete Behauptung eines Gottes für mich, sein gegen den Gott des Allgemeinen postulierter Gott des Einzelnen auf verschlungenen ideen- und kulturgeschichtlichen Wegen mitverantwortlich sein würde für die spätmoderne Eskalation der Selbstbehauptungen – er hätte spätestens 1521 vor dem Reichstag zu Worms widerrufen (siehe Nr. 279).

1193

Mein nächstes größeres Projekt: die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Phänomen moralischer Verletzungen im militärischen Kontext, mit dem Stand der klinisch-psychologischen Forschung und vor allem mit den präventiven Bemühungen um die Entwicklung von so etwas wie moralischer Resilienz.
Schon die ersten Lektüren sind – zumindest im Blick auf mein eigenes Fachgebiet – ähnlich ernüchternd wie die Lektüren der vergangenen Monate überhaupt. Gegen alles, was wir heute wissen können, wird hier nach wie vor und noch einmal neu auf überkommene Konzepte wie Charakter und Tugend gesetzt. Und dies weniger in der eher nüchternen stoischen, sondern vielmehr in der substantialistischen oder essentialistischen aristotelischen Variante – dies nicht selten verborgen hinter der Maske moderner positiver Psychologie. Starke repräsentativ-normative Begriffe üben offenbar gerade auch in militärischen Kreisen nach wie vor eine gewisse Anziehungskraft aus. Auch gegen den militärischen Aristotelismus hilft allein unermüdliche, geradezu protestantische Aufklärung.

Dienstag, 6. Januar 2026

1192

Habe mich zuletzt ein wenig im moralpsychologischen Diskurs orientiert, mir auch einen groben Überblick verschafft über das, was man mittlerweile unter dem Dach einer empirischen Ethik oder einer experimentellen Philosophie betreibt.

Sonntag, 4. Januar 2026

1191

Gedanken zum Begriff einer enthaltsamen Ethik (Nr. 1165): Wenn ich überhaupt etwas vertrete, das Ethik genannt werden kann (unter Gültigkeitsbedingungen kann ich dieser Erwartung kaum entgehen), dann lässt sich als Proprium dieser Ethik vielleicht angeben, dass hier die Frage danach, was ich tun soll, unbeantwortet bleibt. Ethik kann und darf kein Sollen setzen. Ethik ist vielmehr Fundamentalkritik allen Sollens.
Bekanntlich versteht Niklas Luhmann Ethik als Reflexionstheorie der Moral. Ich selbst setze grundsätzlicher und breiter an. Ich verstehe Ethik als kritischen Vorbehalt gegenüber jedem beliebigen Sollen. Gegenüber jedem Sollen, das mir von außen zugemutet wird, aber auch gegenüber jedem Sollen, das in mir selbst wirksam oder mächtig ist. Man könnte auch sagen: Ethik ist die Distanzierung von allen inneren und äußeren normativen Geltungsansprüchen, die mit der Erwartung des Gehorsams auftreten. Absicht dieser Distanznahme ist die Beförderung eines Zustandes relativer Unabhängigkeit als Bedingung der Möglichkeit nicht dessen, was ich im Allgemeinen oder im Besonderen tun soll, sondern dessen, was ich angesichts des Wirklichen hier und jetzt tun will.