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Sonntag, 9. August 2026

1221

Unsere Erwartungen sind letztlich Bemühungen darum, dem Wirklichen – allzu oft in Menschengestalt – Befehle zu erteilen. Befehle, die das Wirkliche nur selten befolgen kann oder will – und wenn doch, dann allenfalls unzureichend und immer bloß flüchtig. Wer messianisch lebt, der lässt davon ab, dem Wirklichen Befehle zu erteilen. Der lässt ab von Erwartungen, insbesondere von jenen, die sich an Menschen richten.

1220

Man muss es aushalten können und wollen, messianisch innezuhalten. Beides, Können und Wollen, fehlt unserer Kultur. Deshalb sind wir Christen.

Donnerstag, 16. Juli 2026

1219

Die Flucht ins unmittelbar Augenscheinliche ist nichts anderes als eben dies: Flucht.

1218

Zu Nr. 1213, 1211, 1204: Ich habe noch einmal zu bestimmen versucht, was ich unter dem Begriff der Taktischen Kriegsethik eigentlich entwickelt habe. Es wäre wohl treffend, diesen Entwurf als Surrogat zu bezeichnen, als positives Surrogat des messianischen als ob nicht. Mit diesem Surrogat gehe ich interpretatorisch zurück an die Grenze des mir selbst noch Zumutbaren. Aber jenen, denen ich damit etwas zu eröffnen versuche, komme ich längst nicht weit genug entgegen.

1217

Philosophieren, sich interpretierend über das Wirkliche orientieren, heißt nicht: sterben lernen. Es heißt: des Wirklichen als des Gestorbenen gewahr werden und als Gestorbene im Gestorbenen leben lernen.

Mittwoch, 15. Juli 2026

1216

Man kann nicht zwei Herren zugleich dienen (Mt 6,26). Auch dieser Satz darf nicht moralisch, muss vielmehr ontologisch interpretiert und aktiviert werden.

Dienstag, 14. Juli 2026

1215

Rückblick auf die vergangenen Monate. Warum ich derzeit den messianischen Gedanken nicht weiterdenken kann. Warum mir die messianischen Worte fehlen.

Donnerstag, 9. Juli 2026

1214

Gedanke beim Besuch eines kleinen, aber feinen Museums für moderne Kunst: Wer aus der Zeit fällt, der wird unzeitgemäß. Der bleibt hinter seiner Zeit zurück oder ist seiner Zeit voraus. Was aber wird, wer aus der Wirklichkeit fällt? Unwirklichkeitsgemäß?

Mittwoch, 17. Juni 2026

1213

Zu Nr. 1211: Ethik im üblichen Verstande des Begriffs ist aus der Perspektive meines eigenen Denkens immer eine Form der Wiederverzauberung des Wirklichen. So gesehen kann ich selbst keine Ethik entwickeln oder vertreten, so gesehen bin ich dankbar, wenn ich nicht mit irgendeiner Ethik in Verbindung gebracht werden.
Wenn mir nun dessen ungeachtet eine Ethik abverlangt wird, so nötigt man mich damit zu einem durchaus spannenden, spannungsreichen Entgegenkommen. Nach reiflicher Überlegung, erscheint mir dieses Entgegenkommen unter drei Bedingungen als noch zumutbar: Zunächst begreife ich Ethik (negativ) als kritisch-distanzierende Reflexion aller möglichen Sollensansprüche. Dann gebe ich Ethik die Form der Verantwortung im Sinne Max Webers, setze dabei zugleich Webers Wirklichkeitsverständnis voraus. Und schließlich fülle ich Ethik mit der Substanz eines dekonstruktiven Messianismus im Sinne Jacques Derridas, aktiviere und reguliere alles Wollen und Handeln also durch ein immer im Kommen Begriffenes, durch ein nie und nirgendwo Gegenwärtiges.
Zugegeben: Diese Bedingungen befriedigen das Bedürfnis, das sich in Ethik Ausdruck verschafft, nur unzureichend und scheinen insofern zu überfordern. Mit ihnen gehe ich jedoch an die Grenze der Redlichkeit. Und natürlich auch an die Grenze dessen, was mir gerade noch verantwortbar erscheint.

Donnerstag, 4. Juni 2026

1212

Und jedem Anfang wohnt eine Verführung inne, die uns betrügt und die uns hindert, frei zu sein.