Als ob nicht
Fragmente einer messianischen Erzählung des Wirklichen
Sonntag, 20. September 2026
1227
Ein schwerwiegender und folgenschwerer Irrtum des Christentums und seiner Säkularisate: die Annahme, unsere Erzählungen könnten uns heilen oder gar retten. Keine unserer Erzählungen vermag uns zu erlösen. Auch nicht die messianische.
1226
Das messianische als ob nicht ermöglicht keine Entscheidungen in dem Sinne, dass es als eine Art Kriterium zur Verfügung stünde. Es ermöglicht Entscheidungen insofern, als es von allen Kriterien scheidet. Es ist (kantisch formuliert) insofern Bedingung der Möglichkeit von Entscheidung überhaupt, als es eine begründete Wahl unmöglich macht.
Sonntag, 23. August 2026
1225
Die nachwachsende Generation neigt auch deshalb zur Depression, weil sie nichts anderes mehr kennt als Authentizität. Sie hat nicht mehr gelernt, ein wie auch immer begründetes und geartetes Ich unabhängig vom natürlichen Ich auszubilden.
1224
Schwer wiegt die Last: Verkaufe alles, was Du hast. Ungleich schwerer wiegt jedoch: Verkaufe alles, was Du gerne gehabt hättest.
Donnerstag, 20. August 2026
1223
Ein christliches Gebet: Gott, gib mir die Gnade, mit Gelassenheit Dinge hinzunehmen, die sich nicht ändern lassen, den Mut, Dinge zu ändern, die geändert werden sollten, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Ein messianisches Gebet: Mein Glaube bewirke in mir die Einsicht, dass ich Wirkliches nicht befehlen kann, die Freiheit, mir vom Wirklichen nicht befehlen zu lassen, und die Wachsamkeit, weder meiner Einsicht noch meiner Freiheit auf den Leim zu gehen.
Sonntag, 16. August 2026
1222
Unsere Ängste sind letztlich Bemühungen des – allzu oft in Menschengestalt auftretenden – Wirklichen, uns Befehle zu erteilen. Befehle, denen wir uns nur selten entziehen können oder wollen – und wenn doch, dann allenfalls unzureichend und immer bloß flüchtig. Wer messianisch lebt, der lässt davon ab, den Befehlen des Wirklichen zu folgen. Der lässt ab von Ängsten, insbesondere von jenen, die durch Menschen ausgelöst werden.
Sonntag, 9. August 2026
1221
Unsere Erwartungen sind letztlich Bemühungen darum, dem Wirklichen – allzu oft in Menschengestalt – Befehle zu erteilen. Befehle, die das Wirkliche nur selten befolgen kann oder will – und wenn doch, dann allenfalls unzureichend und immer bloß flüchtig. Wer messianisch lebt, der lässt davon ab, dem Wirklichen Befehle zu erteilen. Der lässt ab von Erwartungen, insbesondere von jenen, die sich an Menschen richten.
1220
Man muss es aushalten können und wollen, messianisch innezuhalten. Beides, Können und Wollen, fehlt unserer Kultur. Weil wir Christen sind.
Donnerstag, 16. Juli 2026
1219
Die Flucht ins unmittelbar Augenscheinliche ist nichts anderes als eben dies: Flucht.
1218
Zu Nr. 1213, 1211, 1204: Ich habe noch einmal zu bestimmen versucht, was ich unter dem Begriff der Taktischen Kriegsethik eigentlich entwickelt habe. Es wäre wohl treffend, diesen Entwurf als Surrogat zu bezeichnen, als positives Surrogat des messianischen als ob nicht. Mit diesem Surrogat gehe ich interpretatorisch zurück an die Grenze des mir selbst noch Zumutbaren. Aber jenen, denen ich damit etwas zu eröffnen versuche, komme ich längst nicht weit genug entgegen.