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Sonntag, 17. Mai 2026

1207

Im Urlaub auch noch einmal Zeit gefunden für den Besuch eines Buchladens. Beim Blick über die gleich-gültige Vielfalt der Publikationen unter den Rubriken Religion, Psychologie und Lebenshilfe ein kurzer Gedanke: Es sind nicht so sehr die zahllosen vereinzelten Erzählungen, in denen sich unsere Hilflosigkeit, unsere Ohnmacht Ausdruck verschafft. Die Vielfalt der kleinen Erzählungen ist kein neues Phänomen. Neu ist, dass diese Erzählungen eine Großerzählung als übergeordnete Referenz verloren haben. Und neu ist, dass dieser Verlust nicht mehr als solcher wahrgenommen wird. Unsere Hilflosigkeit äußert sich somit vor allem im fehlenden Bewusstsein für das, was fehlt. Unsere Ohnmacht ist nun eine wesentlich unbewusste. Diese wesentliche Bewusstlosigkeit ist zugleich Mitursache für die Hybris in unseren Kleinerzählungen.

1206

Eine weitere haarfeine Linie: jene zwischen Idealismus und Ideologie.

Sonntag, 3. Mai 2026

1205

Es ist nicht neu unter der Sonne: Während wir Technik gebrauchen, macht Technik Gebrauch von uns. Derzeit verschieben sich jedoch die Machtverhältnisse. Bislang waren wir es, die der Technik den Zweck gesetzt haben. Mittlerweile beraubt uns die Technik der Fähigkeit zur Zwecksetzung, zunehmend lässt sie bestimmte Zwecksetzungen notwendig, gar zwingend erscheinen. Ob Technik uns dereinst ihre eigenen Zwecke zu setzen in der Lage ist, steht dahin. Jedenfalls wird der Raum noch möglicher Selbstbestimmtheit stetig kleiner.

Sonntag, 19. April 2026

1204

In den vergangenen Wochen habe ich jede freie, aber auch jede unfreie Minute darauf verwendet, einen neuen Ansatz zu entwickeln. Ergebnis ist der Entwurf einer Ethik für Soldaten im Gefecht, einer Taktischen Kriegsethik (TKE). Dieser Entwurf müht sich nicht mehr darum, die traditionellen Ethiken der Tugend, der Pflicht oder des Nutzens im taktischen Raum zu verorten. Diese können und dürfen hier schlechtweg keinen Ort haben. Formal greife ich ausdrücklich auf Max Webers Vorbereitung einer Ethik der Gewalthandhabung, auf seine Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik zurück. Inhaltlich arbeite ich, ohne dies offen zu legen, im Anschluss an Jacques Derrida mit einer messianischen Begründungsstruktur, verorte mitten im Krieg eine Art dekonstruktiven Messianismus. Militärische Gewalt wird begründet und reguliert als Mittel zur Wahrung einer kommenden Möglichkeit, einer Möglichkeit im Kommen. Dieser Ansatz untergräbt alles, was sich bislang Militärethik nennt.
In den nächsten Tagen wende ich mich mit dem Entwurf an eine begrenzte, multidisziplinäre Öffentlichkeit ausgewählter Experten. Hier erwarte ich nach ersten Vorgesprächen große Offenheit und Unterstützung, vor allem aus dem Bereich der Kampftruppen. Die nächsten Schritte werden deutlich schwieriger, das etablierte militärische und politische System wird sich zur Wehr setzen. Ich bin sehr gespannt, wann und wo die Reise des Projekts enden wird.

Sonntag, 22. März 2026

1203

Das Wirkliche ist das ontisch Böse. Mit dieser Setzung ist jede Moral entmachtet.

1202

Wer nicht differenziert, der interpretiert im totalitären Schema.

1201

Zum Tod von Jürgen Habermas – angesichts der nostalgischen, teils sehnsüchtigen Gestimmtheit in den Feuilletons: Der 14. März 2026 markiert das Ende einer Epoche. Das unvermeidliche und notwendige Ende. Dem Ende der großen Erzählungen folgt das Ende der großen Erzähler. Das unvermeidliche und notwendige Ende.

Samstag, 7. März 2026

1200

Die messianische Haltung: klesische Äquidistanz zu allem Wirklichen.

1199

Das, was wir Leben nennen, ist kontingent und flüchtig. Es ist ungeschickt und unzuträglich, das Leben in seiner Eigenart durch törichte Entscheidungen zu bestärken.

Mittwoch, 25. Februar 2026

1198

Bücher waren und sind für mich immer so etwas wie Leitern. Sobald sie ihren Dienst verrichtet haben, lege ich sie beiseite. Ich benötige sie dann nicht mehr (siehe Nr. 461). Daher ist mein Bücherbestand auch überschaubar. Und die Bücher, die ich habe, habe ich allenfalls aus nostalgischen oder anderen, sachfremden Gründen. Das bedeutet auch: Mittlerweile lese ich nur noch Bücher, die sich unmittelbar als Leiter aufdrängen.