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Dienstag, 15. März 2016

30

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Diese frühe Intuition Bonhoeffers, formuliert in seiner Habilitationsschrift „Akt und Sein“ (1930), kann zunächst ganz traditionell christlich gedeutet werden. Selbstverständlich weiß die gesamte christliche Theologie, dass Gott (auch) anders ist, dass er in der Weltwirklichkeit nicht aufgeht. Insofern „gibt“ es ihn nicht einfach. Auch kennt das christliche Denken breite und einflussreiche Strömungen negativer Theologie, in denen die Annäherung an Gott gerade in der Betonung seines Anderssein versucht wird.

Montag, 14. März 2016

29

Manchmal muss man das Kind mit dem Bade ausschütten, um es vor dem Ertrinken zu retten.

28

Eine erste psychoanalytische Aufklärung: Aufgewachsen bin ich in einem durchaus schillernden frommen Milieu, das man im weitesten Sinne als evangelikal bezeichnen kann. Die frühe bewusste Zeit meines Lebens habe ich in einem christlichen Freizeit- und Ferienheim verbracht, dessen Aufbau und Leitung mein Vater übernahm, als ich knapp zwei Jahre alt war. Das Heim lag auf einem leichten einsamen Hügel, umgeben von herrlich weitläufigen Wiesen und Wäldern. Etwas abgesetzt im Tal gab es ein kleines 250-Seelen-Dorf.

Sonntag, 13. März 2016

27

Der alles entscheidende Augenblick, in dem sich der sichtbare Gott endgültig entzieht, ist unübertroffen simuliert in der berühmten Construct-Szene des ersten Teils der Matrix-Trilogie. Ihr ist das Symbol meines Blogs entnommen. Neo kann der Wahrheit nicht länger ausweichen, dass seine bisherigen Wirklichkeitswahrnehmungen und -interpretationen pure Illusion sind. Die reale Realität ist erschreckende Finsternis: „Welcome to the Desert of the Real.“
Dieser Augenblick, der Jahre währen kann, ist gefährlich. Es drohen Verzweiflung, mystische Uminterpretation oder der totale Verfall an die Götter der Scheinwirklichkeit. In diesem Augenblick entscheidet sich, ob das alte Wort vom Kreuz verwässert, verworfen oder vollmächtig wird. Fromme Selbsttäuschung, Sklaverei oder Glaube und Kampf.
In der Kälte dieses Augenblicks hilft nur eine gehörige Portion reformatorischen Starrsinns: „Lieber noch ein wenig zähneklappern, als Götzen anbeten“ (Nietzsche).

Samstag, 12. März 2016

26

Zwischen Luther und Calvin brechen die Epochen. Für Luther ist die Weltwirklichkeit noch religiös aufgeladen. Im Streit der sichtbaren und unsichtbaren Mächte, die in ihm und um ihn herum wirken, ist er zutiefst besorgt, wie er sich Gott nähern und in seiner Nähe halten kann. Luther sucht nach dem gerechten Gott, dem er selbst gerecht werden kann, findet allerdings den rechtfertigenden Gott, dem kein Mensch gerecht ist – dem aber auch niemand gerecht werden muss, weil er selbst gerecht macht. In dieser reformulierten Verhältnisbestimmung von Transzendenz und Immanenz halten sich noch zahlreiche religiöse Interpretationsmuster, aber es ist erstaunlich, wie viel Christentum darin bereits verabschiedet und wie viel paulinischer Messianismus zurückgewonnen ist.

Freitag, 11. März 2016

25

Alle Zeiten haben ihre eigenen Weltanschauungen und Weltgestaltungsversuche. Immer gibt es auch Skeptiker oder Abweichler, aber insgesamt erweisen sich bestimmte Weltanschauungen und entsprechende Weisen, die sich stellenden Probleme zu lösen, zum jeweils gegenwärtigen Zeitpunkt als erfolgreich, akzeptiert und dominant.

Donnerstag, 10. März 2016

24

Seit etwa drei Jahrzehnten wird in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine „Wiederkehr der Religion“ beobachtet und bearbeitet.

Mittwoch, 9. März 2016

23

Alles Denken, alles Reflektieren ist der Versuch, sich in Raum und Zeit zu orientieren und möglichst zu befestigen.

22

Gestern Abend: großer Organspende- und Transplantationsabend auf SAT 1. Dazu der Film "Zwei Leben. Eine Hoffnung", vollgestopft mit sogenannten ethischen Dilemmata. Gemeint sind ausweglose Pflichtenkollisionen, in denen die eine wie die andere Entscheidung als gut oder als böse, als richtig oder als falsch wahrgenommen werden kann - abhängig davon, welche Perspektive eingenommen wird. In seiner Botschaft ist der Film allerdings eindeutig: Organspendeausweis besorgen und ausfüllen. Nun ja - wenn diese elenden Pflichtenkollisionen nicht wären...

Dienstag, 8. März 2016

21

Spätestens seit 1945 hat das Abendland damit begonnen, die Welt nach modernen politischen Vorstellungen einzurichten. Als Ideale gelten der säkular-liberale Rechtsstaat und die demokratische Regierungstechnik. Mit dem Ende des Kalten Krieges scheinen die letzten totalitären Systeme überwunden, und bloß noch ein paar wild gewordene Islamisten bereiten Probleme. Wenn diese jedoch eingefangen sind, dann könnten alle weltpolitischen Konflikte grundsätzlich gelöst und das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) könnte gekommen sein.