Mittwoch, 20. Juli 2016
141
„Nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen“ (Bonhoeffer). Das meint reservative Freiheit: sich der Wirklichkeit nicht mehr durch Flucht in alternative, mögliche Wirklichkeiten entziehen müssen, sondern sich der Wirklichkeit aufhebend und überwindend, praktisch verungültigend stellen können.
140
Nachtrag zu 138: „Wir sollen Menschen und nicht Gott sein“ (Luther). Das ist richtig, kann aber zugleich in die Irre führen. Richtig ist: Luther zerreißt mit diesem Satz das in der christlichen Tradition geknüpfte seinsanalogische Band zwischen Gott und Mensch. Gott ist Gott, Mensch ist Mensch.
Dienstag, 19. Juli 2016
139
Eine nach-säkulare, nun wieder integrative Interpretation von Wirklichkeit, die nicht zurückfällt in die repräsentative Mechanik von Religion und Metaphysik, die aber auch nicht die reformatorische Spaltung Gottes aufleben lässt, findet sich heute weniger im deutschen Denken - eher in der französischen und italienischen Philosophie, hier insbesondere in jenem philosophischen Paulinismus der vergangenen zwei Jahrzehnte, der sich im Milieu jüdischen Denkens nach Auschwitz zu entwickeln beginnt. Was diesen Paulinismus allerdings daran hindert, eine postsäkulare (politische) Perspektive zu öffnen, ist sein strikter Materialismus, dann aber auch sein innerwirklicher Messianismus, der Letztes ins Vorletzte hineinzuziehen versucht und damit auf kommende Weltwirklichkeiten setzt, die im Weltwirklichen nie wirklich werden.
Montag, 18. Juli 2016
138
Was mich gerade noch einmal und verschärft beschäftigt: Was, wenn unsere Natur als Wirklichkeit so massiv Geltung beansprucht, dass wir im als ob nicht keinen Frieden mehr finden, dass wir uns keine reservative Distanz mehr verschaffen können zur Wirklichkeit unserer Natur? Was, wenn wir nicht mehr in der Freiheit zur Ruhe kommen können, wenn wir nicht mehr anders können, als nach Himmel und Erde zu fragen (Ps 73,25), und wenn uns gerade diese Frage aus dem Stand des Rufs herausreißen will (1 Kor 7,20)?
Donnerstag, 14. Juli 2016
137
Ich selbst verstehe Postsäkularität gewissermaßen als normativen Epochenbegriff – als eine der Wirklichkeitsentwicklung entnommene Aufforderung, interpretatorisch und praktisch in eine Epoche des Übergangs vorzudringen.
Mittwoch, 13. Juli 2016
136
Die Zeit scheint sich heute zu stauchen, und so ist es fast schon eine sportliche Angelegenheit geworden, in immer kürzeren Abständen neue Zeiten auszurufen und für die jeweils neue Zeit einen geeigneten Begriff zu erfinden. Epochen währen nicht mehr Jahrhunderte, sondern bestenfalls noch Jahrzehnte. Die spätmoderne Epochenbezeichnungs-Olympiade hat etwas Lächerliches, ist aber auch deutliches Symptom für unsere immer hilfloser werdenden Versuche, der rasanten Wirklichkeitsentwicklung verstehend hinterher- und beizukommen.
Dienstag, 12. Juli 2016
135
Nach den Wendejahren 1945 und 1989 setzt sich das politische Projekt der Moderne in einer durch die Wirklichkeitsentwicklung weiter aufgeklärten Fassung zunehmend durch. Der säkulare Rechtsstaat und die liberal-demokratische Regierungstechnik werden zum globalen politischen Ideal.
Montag, 11. Juli 2016
134
Wem es möglich ist, Ungültigkeitsglaube und Ungültigkeitsinterpretation links liegen zu lassen, der möge beides tatsächlich weiträumig umfahren. Es ist eines, diesen Glauben und diese Interpretation zu initiieren und dann rasch abzutreten. Etwas anderes ist es, diesen Glauben und diese Interpretation in unserer Gegenwart leben zu müssen, ein ganzes Menschenleben lang reservativ denkend und handelnd auszuharren. Der reformatorische Glaube hat etwas Bitteres, sagt Jochen Klepper. Reservativer Glaube ist auch in dieser Hinsicht Verschärfung und Vollendung der Reformation.
Calvin hat den reformatorisch Glaubenden in Frankreich stets empfohlen, auch unter Verfolgung in ihrem jeweiligen Stand zu bleiben und um des Messias willen zu leiden. Wem die Kraft nicht gegeben war, dieser Empfehlung zu folgen, dem hat Calvin jedoch den Exodus eröffnet. Wohl dem, der den Exodus wählen darf.
Samstag, 9. Juli 2016
133
Die säkulare Moderne nimmt den sichtbaren, den zwar transzendenten, durch Reflexion und Erfahrung jedoch zugänglichen Gott endgültig aus dem politischen Spiel. An seine Stelle treten Mensch und Menschliches als neue sichtbare Götter, als vermeintlich sichere Gründe und als vermeintlich sichere Verheißungen des Politischen.
Freitag, 8. Juli 2016
132
Deutschland ist gegen Frankreich im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft ausgeschieden. Schade eigentlich. Mehr aber auch nicht. Als kleiner Junge habe ich bei Spielen der Nationalmannschaft – es war die Zeit von Rainer Bonhof, Manfred Kaltz, Klaus Fischer und Karl-Heinz Rummenigge – vor dem Fernseher regelmäßig ganz still für den Sieg gebetet. Und ich war immer tief betroffen, wenn mein Gebet nicht erhört wurde. Gefühlt kam das viel zu oft vor (besonders dramatisch: die Schmach von Córdoba). Das waren meine ersten, noch ganz kindlichen Begegnungen mit dem sichtbaren Gott und seinen leeren Versprechungen. Die späteren Begegnungen waren substanzieller, die inneren Kämpfe wurden härter, aber grundsätzlich waren es stets die gleichen Ent-Täuschungen. Dabei habe ich mich mit dem üblichen religiösen Zirkel – Gott erhört Gebet, und wenn nicht, dann dient es zum Besten – nie anfreunden können.