Donnerstag, 9. Juni 2016
100
Wenn ein religiöses oder metaphysisches Etwas unrettbar verloren ist, an dem wir uns festmachen könnten, das uns entlasten und das uns (miteinander) verbinden könnte, wenn die nihilistische Gleich-Gültigkeit aller Gültigkeiten heraufzieht, wenn die Selbstmächtigkeit des Menschen fragwürdig und die Eigenmacht der Weltwirklichkeit bedrohlich wird, dann bleibt uns allein noch der unbedingte „Wille zur Macht“ (Nietzsche), um uns über uns selbst, über andere und über den Strom der chaotischen Wirklichkeitsgeschehnisse zu erheben, um uns der Weltwirklichkeit insgesamt zu bemächtigen.
Mittwoch, 8. Juni 2016
99
Große religiöse oder metaphysische Erzählungen, repräsentative Systeme des Denkens und Handelns sind letztlich unhaltbar und sogar gefährlich.
Dienstag, 7. Juni 2016
98
Eine Theologie der Ungültigkeit füllt keine Bibliotheken. Sie
lässt sich auf eine einzige Aussage reduzieren: Gott wird so geglaubt, dass in ihm
die Welt als ungültig angenommen werden darf. Theologie der Ungültigkeit ist damit
eine postsäkulare, aufgeklärte Behauptung jener alten Gewissheit, die sich bereits
in der Hiob-Erzählung findet: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ (Hiob
19,25). Die Theologie dieser Gewissheit nenne ich reservativ. Reservativ nenne
ich aber vor allem auch Denken und Handeln, Interpretation und Praxis, die sich
dieser Theologie entnehmen.
Sonntag, 5. Juni 2016
97
Eine Theologie der Ungültigkeit ist von ihren eigenen Begriffen bedroht. Üblicherweise sind Begriffe für uns allgemein anerkannte Formen, die allgemein anerkannte Substanzen erfassen. Für die Bewältigung des Alltäglichen, für das alltägliche Leben ist dieses Verständnis von Begriffen auch durchaus angebracht (wenngleich wir wissen, dass allgemeine Formen und allgemeine Substanzen bloß Fiktionen sind und Begriffe daher lediglich Fiktionen repräsentieren).
Samstag, 4. Juni 2016
96
Nach 95 Einträgen (Achtung: nominalistische Symbolik) habe ich vorhin auf meiner universitären Homepage einen Link zu meinem Blog gesetzt. Ein erster Schritt in die öffentliche Auffindbarkeit.
Freitag, 3. Juni 2016
95
Wenn wir die glaubend als ob angenommene Gotteswirklichkeit Gott nennen und wenn wir Gott mit Begriffen näher bestimmen, dann ist das zunächst ein nominalistischer, vor allem aber ein pragmatischer Akt.
Donnerstag, 2. Juni 2016
94
Inwiefern kann die Gotteswirklichkeit "Gott" genannt werden? Wie lässt sich "Gott" begreifen?
Mittwoch, 1. Juni 2016
93
Als Interpretierender aufmerksam zu existieren und zugleich als Existierender aufmerksam zu interpretieren – diese Spannung ist nahezu unerträglich, fordert den ganzen Menschen. Deshalb neigen nicht wenige dazu, die Spannung einseitig aufzulösen. Die einen werden belanglose Schachspieler des Denkens, die anderen werden bedauernswerte Funktionäre des Lebens.
92
Der Ungültigkeitsglaube ist form- und substanzloser Glaube. Er greift auf keine vorgegebene Form und auf keine vorgegebene Substanz zurück (z.B. auf einen form- oder substanzstiftenden göttlichen Willen), und er lässt sich auch nicht auf eine bestimmte Form (z.B. ein bestimmtes Rechtssystem, eine bestimmte Intitutionalisierung) oder Substanz (z.B. eine bestimmte Kultur, eine bestimmte Moral, bestimmte Werte) festlegen. In der Weltwirklichkeit vorgefundene Formen und Substanzen gebraucht der Glaubende als ob nicht. Er bleibt also in dem jeweils gegebenen „Stand“ (im Sinne einer „Berufung“), ohne sich diesem „Stand“ zu unterwerfen (1 Kor 7,20–23). Im Ungültigkeitsglauben macht der Glaubende in der Weltwirklichkeit mit, er macht zugleich aber doch nicht mit. Er nimmt jede beliebige Form und Substanz hin und an, instrumentalisiert Form und Substanz aber zugleich im Dienste seines Glaubens. Wenn es sein muss, setzt er sich sogar über jede Form und Substanz hinweg.
Zu formulieren, was das für Haltung und Praxis des Einzelnen und für Haltung und Praxis von Gemeinschaften bedeutet, empfinde ich als besonders große Herausforderung – gerade auch in Abgrenzung zur christlichen Haltung und Praxis. Aber bei Paulus gibt es dazu ja einige hilfreiche Vorüberlegungen.
91
Calvin bezeichnet die Weltwirklichkeit als theatrum gloriae Dei, als Schauplatz zur Ehre Gottes. Es gibt kaum einen treffenderen Namen. Allerdings will uns der Glaube nur quer hinunter, dass Aufhebung und Überwindung von Sein und Existenz, dass die Verungültigung der Weltwirklichkeit der Ehre Gottes dienen sollen. Und warum Sein und Existenz überhaupt noch sind, warum das Werden des Vergehens der Weltwirklichkeit unserem Vernehmen und Interpretieren nach so lange dauert – diese Frage lässt sich schlechtweg nicht beantworten (eine Frage, die sich allerdings allein in der Weltwirklichkeit stellt).
Was sich jedoch vor diesem Hintergrund sagen lässt: Die unbedingte Verpflichtung auf das „Leben“, die sich etwa im katholischen oder auch im evangelikalen Denken finden lässt (konkretisiert in Fragen der Abtreibung, der Empfängnisverhütung oder der Sterbehilfe), dient gerade nicht der Ehre Gottes. Sie dient der Ehre der Götter der Weltwirklichkeit. Wir tun weder uns noch Gott einen „Gefallen“, wenn wir uns unbedingt an das weltwirkliche Sein und die weltwirkliche Existenz hängen.