Dienstag, 6. August 2019
518
Als Einzelne sind wir immer auch Phänomene, sind wir immer auch Symptome (des Allgemeinen) unserer Zeit. Ich selbst begreife mich mittlerweile auch als (vorauseilendes) postsäkulares Phänomen, als Symptom einer im gegenwärtigen Übergang der Epochen zumindest möglichen, vielleicht kommenden, vielleicht einzufordernden Postsäkularität.
Donnerstag, 25. Juli 2019
517
Kürzlich habe ich mich tatsächlich dazu durchgerungen, mich an einer kurzen Klimadebatte im kleinen Freundeskreis zu beteiligen. Warum bin ich hier üblicherweise sehr zurückhaltend?
Samstag, 20. Juli 2019
516
Wenn für den deutschen Soldaten vom Rückblick auf den 20. Juli 1944 etwas bleiben kann, dann ist es dies: Er muss bereit und fähig sein, unabhängig von der Zahl der Likes aus Gesellschaft und Politik das Richtige und Gute ausfindig zu machen und zu tun. Und alles andere zu lassen.
515
Es gibt Menschen, die halten sich für kritisch, weil sie unermüdlich und akribisch Unstimmigkeiten und Fehler im gesellschaftlichen und politischen System aufzudecken und anzuprangern versuchen. Kritik dieser Art, in der immer auch die geradezu diebische Freude des Kritisierenden an der eigenen Intelligenz und an der eigenen Moralität mitklingt, ist jedoch nichts anderes als Funktion des jeweils geltenden Allgemeinen. Mit Kritik im eigentlichen, etwa im Kantischen Sinne, hat diese Art von Kritik nichts zu tun.
514
Vor 75 Jahren scheitert der Versuch, Hitler zu töten. Eine Überlegung: Die historische Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Faschismus und der von ihm installierten Vernichtungsmaschinerie lässt sich mit guten Gründen behaupten. Und mit guten Gründen kann man fordern, sich der Einzigartigkeit des im Nationalsozialismus wirklich gewordenen Bösen zu erinnern.
Wenn allerdings diese Erinnerung in ihrer Perpetuierung gerinnt und wenn dabei die Erinnerung an das einzigartig Böse, selbst die Erinnerung an den Widerstand gegen das einzigartig Böse, zuletzt allein noch dem Zweck dient, das dem einzigartig Bösen Folgende als das einzigartig Gute zu behaupten und abzusichern, dann werden die Behauptung der Einzigartigkeit des Bösen und die Erinnerung daran selbst zur Gefahr. Weil sie den Blick auf das Böse im folgenden Guten verstellen, weil sie vor allem den Blick auf die natürliche und kulturelle Anfälligkeit verstellen, die sowohl das einzigartig Böse als auch das folgende, vermeintlich einzigartig Gute möglich gemacht hat.
Die natürliche und kulturelle Anfälligkeit der Deutschen ist der allzu leichtfertige Gehorsam gegenüber dem jeweils als gültig auftretenden Allgemeinen. Daran hat sich in den vergangenen 75 Jahren nur wenig geändert.
Eine Überlegung am Rande: Auch der deutsche militärische Widerstand rund um Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist bei der Planung des Tötungsversuchs einem Allgemeinen gefolgt, war mit dem Tötungsversuch auf ein Allgemeines aus – auf ein Allgemeines, das rückblickend glücklicherweise nicht wirklich geworden ist. Und damit stellt sich auch hier die alte normative Frage: Wenn man nicht will, worauf Menschen hinaus wollen, kann, darf man dann dennoch bewundern, was sie tun?
Freitag, 19. Juli 2019
513
In mir wirken drei jeweils stark ausgeprägte Unfähigkeiten, teils miteinander, teils gegeneinander: die Unfähigkeit, Gott zu lassen, die Unfähigkeit, Gott im Weltwirklichen wahrzunehmen oder ihn ins Weltwirkliche hineinzuinterpretieren, und schließlich die Unfähigkeit, Zuflucht zu finden in einer Gültigkeitsfiktion, in einem als ob des Göttlichen – es sei religiöser oder metaphysischer, theologischer oder philosophischer Natur.
Diese drei Unfähigkeiten sind gewissermaßen die natürlichen Bedingungen, die zumindest in Ansätzen gegeben sein müssen, um sich reservativer Interpretation und reservativer Wirklichkeitshaltung überhaupt annähern zu können.
Anmerkung: Angesichts meiner drei Unfähigkeiten ist es nicht verwunderlich, dass mich weder die reformatorische Theologie noch die (deutsche) idealistische Philosophie auf Dauer hat überzeugen und binden können.
Donnerstag, 18. Juli 2019
512
Subjekt, Person, Individuum – allzu gerne glauben wir, dass diese und ähnliche Begriffe, mit deren Hilfe, von denen ausgehend wir heute unsere (politische) Wirklichkeit zu konstruieren und zusammenzuhalten versuchen, tatsächlich eine mögliche Wirklichkeit sind, dass mit ihnen zumindest etwas mögliches Wirkliches bezeichnet ist.
Dieser Glaube ist eine quasi-religiöse Annahme, die durch nichts Wirkliches gestützt werden kann. Die in den Begriffen Subjekt, Person oder Individuum angenommene Möglichkeit formaler oder substanzieller Einheit, Unteilbarkeit, Stabilität entspricht keiner wirklichen und auch keiner möglichen Wirklichkeit. Was das letztlich für die mögliche Einheit, Unteilbarkeit und Stabilität unserer (politischen) Wirklichkeitskonstruktionen bedeutet, lässt sich leicht vorstellen. Auf Sand gebaut.
Anmerkung: Die gesamte Kantische Transzendentalphilosophie steht und fällt mit der quasi-religiösen Annahme, Behauptung, Forderung, dass das, was als Bedingung Wirklichkeit überhaupt erst möglich macht, eben darum gültig und damit wirklich sein muss. Der alte religiöse Handstreich also, lediglich in säkularisierter, konsequent verdiesseitigter Fassung.
Nachbemerkung: Die hier angedeutete Kritik schließt nicht aus, dass wir auf dem Weg hinein in ein Jenseits der Gültigkeiten durchaus vorläufig auf Gültigkeitsfiktionen wie Subjekt, Person oder Individuum setzen können. Vermutlich müssen wir das sogar. Es muss uns allerdings bewusst sein und bleiben, was wir da tun.
Nachbemerkung: Die hier angedeutete Kritik schließt nicht aus, dass wir auf dem Weg hinein in ein Jenseits der Gültigkeiten durchaus vorläufig auf Gültigkeitsfiktionen wie Subjekt, Person oder Individuum setzen können. Vermutlich müssen wir das sogar. Es muss uns allerdings bewusst sein und bleiben, was wir da tun.
511
Was der Fromme nicht glaubt: Er glaubt nicht, dass seine Interpretationen, seine Empfindungen und sein Praxis sehr viel mit seiner Natur, seiner Erziehung und seinem kulturellen Herkunftskontext zu haben – nur sehr wenig aber oder auch gar nichts mit Gott. Er glaubt nicht, dass er gerade in dem, worin er sich Gott nahe wähnt, Gott ausgesprochen fern ist.
Der Fromme glaubt nicht an die eigene Gottlosigkeit, an die Gottlosigkeit der Weltwirklichkeit in der eigenen Person. Sie ist ihm unerträglich. Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen der Unfähigkeit, die Gottlosigkeit der Welt zu ertragen, und religiöser Musikalität.
Anmerkung: Säkular gewendet gibt es selbstverständlich auch einen positiven Zusammenhang zwischen der Unfähigkeit, den Nihilismus, die Nichtigkeit des Wirklichen zu ertragen, und metaphysischer Musikalität. Also der Neigung, Ideen und Idealen, metaphysischen Erzählungen unterschiedlichster Art anzuhängen.
Montag, 15. Juli 2019
510
Heute auf der Autobahn einen Reisebus überholt. Auf der Motorhaube im Heck stand in großen geschwungenen Lettern zu lesen: Make Today So Awesome That Tomorrow Gets Jealous.
Besorgniserregend ist nicht der Satz an sich. Als solcher lässt er sich ja durchaus als lächerlicher Einfall eines überspannten Werbetexters beiseite schieben. Besorgniserregend ist dieser Satz als Symbol. Als Symbol für eine nicht unerhebliche generationsübergreifende Zahl von Menschen in modernen Gesellschaften, die mit eben dieser Erwartung an die Wirklichkeit herantreten und die die Welt mit eben dieser Erwartung auszukaufen versuchen: Das Leben als unendliches und sich selbst unausgesetzt überbietendes Spektakel.
Samstag, 13. Juli 2019
509
Gegenwärtig wollen die okzidentalen Gesellschaften und Politiken gleichzeitig (und dies in globaler Dimension), was nicht gleichzeitig zu haben ist: Sie wollen den (spät)modernen Menschen, die ihm zuträglichen Formgebungen, die mit ihm gegebenen, vor allem materiellen Segnungen. Zugleich wollen sie die Begrenzung, gar Überwindung der dem (spät)modernen Menschen eigentümlichen Deformierungen und des mit ihm zugleich gegebenen, vor allem ökonomischen und ökologischen Unheils. Das geht nicht zusammen. Wer den (spät)modernen Menschen mit seinen Errungenschaften will, der muss zugleich auch dessen Abgründe und Katastrophen wollen. Die Idee einer sensibilisierten, reflexiven Moderne ist eine nette aber gefährliche Gaukelei. Diese Gaukelei zügelt nichts, die hält nichts auf, sie verhindert nichts.
Nachgedanke: Die gegenwärtige Panik vor den unvermeidlichen Abgründen des (spät)modernen Menschen, die damit einhergehende, teils dramatische Durchmoralisierung und Vergesetzlichung aller Lebensbereiche okzidentaler Gesellschaften (insbesondere in Deutschland) – eine säkular-religiöse, geradezu mittelalterliche Angst vor der Verfehlung oder gar dem Verlust des Heils, verbunden mit verzweifelten Selbstentlastungs- und Selbstrechtfertigungsbemühungen.