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Donnerstag, 2. April 2020

616

Gestern die Frage, ob es überhaupt wünschenswert ist, dass von der gegenwärtigen Moralisierung etwas bleibt. Grundsätzlich neige ich zu der Annahme, dass Moral (also die mehr oder weniger bewusste Einigung darauf, in raum-zeitlichem Beieinandersein unter bestimmten Bedingungen gemeinsam das Gleiche zu tun) in wenig komplexen, überschaubaren und auf Dauer gestellten, langfristig stabilen Kontexten durchaus eine angebrachte Weise sein kann, mit diesem oder jenem Wirklichkeitsaspekt umzugehen, ihn zu handhaben.
In einer Weltwirklichkeit, wie wir sie heute (global) vorfinden, wie wir sie gerade auch durch unsere eigene moderne Moral mit hervorgebracht haben – also in einer hoch komplexen und hoch kontingenten Weltwirklichkeit –, hilft uns Moral kaum noch weiter. Im Gegenteil. Moral, die Verallgemeinerung und Automatisierung menschlicher Praxis in raum-zeitlichem Beieinandersein, scheint mir zunehmend die unangemessene, zuletzt immer auch dynamisierend und verschärfend wirkende Antwort auf Komplexität und Kontingenz des Wirklichen zu sein.
Wenn wir also derzeit eine natürliche, geradezu archaische Remoralisierung erleben, dann ist diese Bewegung als panischer Verzweiflungsakt in Überlebensabsicht durchaus verständlich. Wir dürfen in der Verzweiflungsmoral des Überlebens allerdings nicht allzu lange verharren. Sie darf schon gar nicht – was leider wahrscheinlich ist – in der einen oder anderen Form gerinnen und permanent werden.
Große Verantwortung lastet hier auf den Schultern der Politik. Allerdings hat nicht zuletzt auch die deutsche Politik auf die Corona-Bedrohung in ihrem ersten Zugriff wenig glücklich gewählt – und dies, obwohl doch gerade die deutsche Politik vor dem Hintergrund des föderalen Aufbaus des deutschen politischen Systems andere, angemessenere Antworten hätte finden können. Statt aber das Einzelne zu ermöglichen, statt dem Einzelnen Raum zu verschaffen, hat man – wie gewohnt, wie eingeübt – das Allgemeine, den universalen Hammer gewählt. Das ist nur zu verständlich, weil der allgemeine Schlag mit dem Hammer leichter zu rechtfertigen und leichter durchzusetzen ist (wer hätte nicht schon den allgemeinen Schrei nach Gerechtigkeit im Ohr). Jedoch: Das Einzelne geht unter diesem Schlag allzu leicht zu Bruch. Und ob wir als politische Kultur nach diesem Schlag – tanzend, wie manche annehmen – aus der nun geschaffenen Lage und Neigung wieder herausfinden, scheint mir wenig wahrscheinlich.

Mittwoch, 1. April 2020

615

Wenn Nietzsches These zur Genealogie der Moral grundsätzlich in die richtige Richtung deutet – und manches spricht dafür –, dann können wir annehmen, dass unsere Moral immer auch Ausdruck unserer Natur ist, dass sich in unserer Moral unsere natürlichen Verfasstheiten, unsere natürlichen Bedürfnisse Ausdruck verschaffen. Zugespitzter: Moral ist immer auch der Versuch, unsere natürlichen Bedürfnisse zu stillen, die Stillung unserer natürlichen Bedürfnisse zu sichern. Und unsre Moral wird umso vehementer und strikter, je deutlicher die Stillung unserer natürlichen Bedürfnisse gefährdet, bedroht ist.
Damit ist auch gesagt: Menschen neigen immer gerade dann zur Moral, wenn sie sich einer Wirklichkeitsmacht gegenüber sehen, die die Stillung ihrer natürlichen Bedürfnisse bedroht und von der sie annehmen, dass man sie auch und nicht zuletzt durch Moral in die Schranken verweisen kann. Vor diesem Hintergrund lassen sich der coronainduzierte Moralisierungsschub und der virale Solidarisierungsdruck, die derzeit zu beobachten sind, recht leicht erklären: Hier ereignet sich keine Besinnung auf in Vergessenheit geratene (religiöse, metaphysische) Werte und Praktiken. Hier kündigt sich keine lange ersehnte kulturelle Wende an. Es geschieht schlicht dies: Hier zucken und rücken Menschen zusammen, die um die Stillung ihrer Bedürfnisse (Überleben, Wohlstand) besorgt sind und die ihre Hoffnung darauf setzen, dass sie den Feind auch damit zurückdrängen können, dass sie alle gemeinsam das Gleiche tun. Menschen tun also im Angesicht der von Corona ausgehenden Gefährdung ihres Überlebens und ihres Wohlstandes gerade das, was bedrohte Menschen in raum-zeitlichem Beieinandersein schon immer getan haben. Und dabei sind jene besonders eifrig (und dies auch schon immer), die sich als besonders ohnmächtig empfinden und die annehmen, im schlechtesten Falle besonders viel zu verlieren. Also jene, die in besonderer Weise an der Weltwirklichkeit hängen – und natürlich an dem, was sie der Wirklichkeit mühsam abgerungen zu haben glauben.
In gewissem Sinne könnte man im Blick auf die durch Corona ausgelöste Bewegung von einer natürlichen Remoralisierung, einer natürlichen Resolidarisierung sprechen. Dieses Geschehen ist weder gut noch böse. Dieses Geschehen geschieht einfach. Ganz natürlich. Ob von diesem Geschehen etwas bleibt und was von ihm bleiben wird – das ist derzeit kaum absehbar. Und ob es überhaupt wünschenswert ist, dass von diesem Geschehen etwas bleibt – das ist eine Frage, die mit dem Geschehen selbst noch nicht beantwortet ist.

Sonntag, 29. März 2020

614

Jetzt, wo die Wirklichkeit unseren politischen Systemen noch einmal einen mächtigen Keil ins Getriebe geschlagen hat, stellt sich nicht zuletzt die Frage nach dem, was eigentlich Politik ist oder sein muss, was gar gute Politik genannt werden kann.
Offensichtlich ist: Politik kann und darf nicht auf dem Rat der (empirischen) Wissenschaften verzichten. Offensichtlich ist aber auch: Die (empirischen) Wissenschaften können und dürfen der Politik nicht sagen, was sie zu tun oder zu lassen hat.
Vor einiger Zeit habe ich einen (heftig kritisierten) Text zur Frage nach dem guten Soldaten publiziert. Dieser Text skizziert vor allem jenen Soldaten, der sich als politisch mitverantwortlich erweist, damit aber zugleich auch, was unter verantwortlicher Politik überhaupt vorgestellt werden kann.
Diese Skizze scheint mir nach wie vor recht treffend, daher stelle ich sie hier vollständig zur Verfügung.

Freitag, 27. März 2020

613

Im Corona-Ereignis werden, wenn ich die Wirklichkeitsentwicklungen richtig beobachte und abschätze, drei eng ineinander verschlungene Massenbewegungen noch einmal überdeutlich absehbar.

612

Bitte beachten: Alle geplanten Demonstrationen gegen die Beschränkungen äußerer Freiheit durch Ausgangsbeschränkungen fallen wegen der derzeitigen Ausgangsbeschränkungen bis auf Weiteres aus.

Passt auf Euch auf.
#wirbleibenzuhause

Donnerstag, 26. März 2020

611

Ich will nicht ausschließen, will es sogar hoffen, dass das Corona-Ereignis in Einzelnen ein Bewusstsein dafür weckt, dass etwas nicht stimmt mit der Wirklichkeit, dass etwas nicht stimmt mit unserer wirklichen Existenz, mit unserer Existenz im Wirklichen.
Ich will nicht ausschließen, will es sogar hoffen, dass Einzelne sich auf die Suche machen nach einer veränderten Interpretation des Wirklichen, nach einer neuen inneren Unabhängigkeit vom Wirklichen und seinen Verheißungen, nach einer veränderten Handhabung des Wirklichen.

Als Massenerscheinung sehe ich diese Bewegung jedoch nicht. Obwohl das Corona-Ereignis als solches durchaus eine günstige, weil irritierende Atmosphäre geschaffen hat. Unser großes spätmodernes Projekt globaler Vergesellschaftung, globaler Politik und globalen Wirtschaftens ist unübersehbar in Frage gestellt. Vorstellung und Praxis globalen Lebens sind sichtlich infiziert. Alles, wirklich alles hatten wir darauf ausgerichtet, global zusammenzurücken, uns global engmaschig zu vernetzen. Und nun werden wir plötzlich auseinander getrieben wie eine Herde Schafe, die keinen Hirten hat und unter die der Wolf gefahren ist wie der Leibhaftige. Babel lässt grüßen.
Von der momentan durch Medien und Netze grassierenden, oft allzu wichtigtuerisch und selbstverliebt zur Schau gestellten Solidarisierung darf man sich nicht täuschen lassen. Eine bloß virtuelle und bloß flüchtige Erscheinung.

Mittwoch, 25. März 2020

610

Man kann Corona durchaus als Ereignis willkommen heißen. Im Netz kursieren nicht wenige Texte, die die Zeit danach zu antizipieren versuchen und dabei auf einen fundamentalen gesellschaftlichen Wandel, gar auf eine kulturelle Wende hoffen.

Inzwischen in zahlreichen Portalen hinterlegt und vielfach geteilt wird etwa eine kleine Erzählung des Zukunftsforschers (was auch immer das sein mag) Matthias Horx. Er erprobt den zukünftigen Blick zurück und bezeichnet die gegenwärtige Krise als historischen Moment. Wir werden uns wundern, so nimmt er an, wie viele neue Möglichkeitsräume uns Corona eröffnet haben wird: neue Räume der Wertschätzung, der Nähe, der Höflichkeit, der Kommunikation. An die Stelle des Technikglaubens wird eine neue Menschlichkeit getreten sein. Horx wertet Corona als eine Art Evolutionsbeschleuniger: der Kollaps als Potenzial. Wir werden uns durch die Krise hindurch weiter, höher entwickeln. „Könnte es sein“, so Horx, „dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?“ Das Leben, die Natur, die Wirklichkeit – in hoffnungsfrohen Narrativen, wie sie uns von Horx und anderen Zeichendeutern gerade erzählt werden, treten sie in guter mythischer Tradition wieder als personalisierte Größen auf, die es letztlich gut mit uns meinen, die uns zu neuer Aufmerksamkeit zwingen und uns, einer neuen Harmonie entgegen, zu sich empor führen.

Abgesehen davon, dass ich die Kosmologien, von denen derartige Erzählungen getragen werden, für überkommen und durchaus für gefährlich halte: Alle jetzt, alle im Angesicht des Corona-Ereignisses formulierten Vorstellungen vom möglichen Anbruch einer neuen Zeit hüpfen zu schnell und zu kurz. Die vorausgesetzten Annahmen über den Gang von Menschen und Menschenmassen sind fragwürdig, illusionsgesättigt, ebenso die Vorstellung, Kulturen könnten sich spontan wenden, seien geradezu zu Sprüngen fähig. Und was grundsätzlich allen Hoffnungserzählungen gemeinsam zu sein scheint: Sie bleiben gefangen im modernen Fortschrittsoptimismus (christlicher Herkunft). Eigentlich, so die Grundidee, können wir so weitermachen wie bisher, eben nur ein bisschen anders, ein bisschen reflektierter, bewusster, zurückhaltender, entschleunigter. Das aber ist gerade jener zukunftsfixierte Idealismus, das ist das Existenzschema, das unsere Kultur an den traurigen Ort geführt hat, an dem wir inzwischen angekommen sind.

Dienstag, 24. März 2020

609

Vor einigen Tagen mit einer guten Freundin telefoniert, Theologin in Zürich. Wir waren uns einig: Nicht eine einzige theologische oder philosophische, nicht eine einzige wirklichkeitsinterpretatorische Frage stellt sich derzeit neu oder anders.
Aber: Nicht wenige sehen sich derzeit vor Fragen gestellt, die sie sich bislang noch nicht gestellt haben. Sie haben nicht vorgesorgt für Zeiten wie diese. Und nun fehlen ihnen Antworten, ihnen fehlen sogar alle Mittel, sich halbwegs tragfähigen Antworten anzunähern. Also geht man hektisch Hamstern in den Discountern populärer Meinungen.

608

Ein Votum des Vizegouverneurs von Texas, Dan Patrick, machte heute die Runde. Er fordert von den älteren Bürgern (also von den durch die Corona-Pandemie besonders bedrohten Gruppen) die Bereitschaft, sich notfalls für das eigene Land zu opfern. Sich selbst schließt Patrick dabei ausdrücklich ein. Im deutschen Netzt erntet er für seine Forderung einen Aufschrei der Empörung.
Abgesehen davon, dass derartige Überlegungen unvermeidbar sind, sobald die Metapher des Krieges bemüht wird: Patricks Votum legt den Finger in das nervöse Zentrum der Lage, in die die Politik sich und uns nun hineinmanövriert hat. Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann werden wir vor der Wahl stehen: Wollen wir den Zusammenbruch des Systems riskieren, oder sind wir zur Sicherung des Systems bereit, auf eine (unproduktive und kostenträchtige) Minderheit zu verzichten? Der Befehl des absolutistischen Ökonomismus, unter dem wir existieren, ist an dieser Stelle eindeutig. Noch hält ein anderer, moralischer Absolutismus dagegen. Aber dieser Absolutismus hat in Zeiten des Toilettenpapiermangels eine verschwindend kurze Halbwertzeit.

Ich habe kürzlich (Nr. 600) formuliert, das Corona-Virus ließe sich nicht unmittelbar moralisieren. Das bedeutet nicht, dass es gar nicht möglich wäre. In den vergangenen Tagen ist dies sogar in atemberaubender Geschwindigkeit geschehen. Nicht diejenigen stehen nun am moralischen Pranger, die die Pandemie tatsächlich oder vermeintlich verschuldet haben (hier ist eine Identifizierung ja tatsächlich kaum möglich). Am Pranger stehen jene, die sich als politisch widerspenstig erweisen, die die Ausgangsbeschränkungen der Politik missachten: #staythefuckathome.
Von diesem nun ausgemachten Feind ist der Weg nicht weit zu jenem, der sich wider alle Massenvernunft nicht bereit zeigt, zum Zwecke des Überlebens und des Wohlstandes der Vielen die notwendigen Opfer zu bringen.

Montag, 23. März 2020

607

Der neu gewählte Vorsitzende des Sachverständigenrats, Lars Feld, weist gestern in einem Interview darauf hin, dass der gegenwärtige Zustand wirtschaftlich nicht länger als drei Monate durchzuhalten sei. Und dann ein folgenschwerer Satz zur kommenden medizinischen Strategie: „Irgendwann werden wir zu einer personalisierten Isolierung übergehen müssen“. Anders formuliert: Man wird die Infizierten in Lagern absondern müssen (wobei man für Lager sicher einen freundlicheren Begriff erfinden wird). Damit die Gesunden draußen überleben und weiter funktionieren können. Der Absolutismus des Überlebens kann sich nur als gnadenlos erweisen.