Donnerstag, 9. Mai 2019
469
Der homo oeconomicus ist ein undankbares und insofern unfreies Wesen. Als solches schafft er sich seine eigenen, immer neuen Bedürfnisse, auf deren Befriedigung er nicht mehr verzichten will, nicht mehr verzichten kann. In seiner Bewegung der Undankbarkeit verstrickt er sich immer tiefer in die vermeintlichen oder tatsächlichen Notwendigkeiten der Weltwirklichkeit.
Mittwoch, 8. Mai 2019
468
Eine Beobachtung und eine Empfehlung: Menschen, die Wirklichkeit nur durch das Allgemeine hindurch anschauen, können sich kaum auf das jeweils Einzelne einlassen, ziehen sich gerne vor dem, was im Einzelnen gefordert ist, ins Allgemeine zurück. Menschen, die Wirklichkeit nur durch das Einzelne hindurch anschauen, können sich kaum dem jeweils Allgemeinen unterwerfen, neigen zu destruktiver oder gar revolutionärer Ignoranz.
Wer in die Wirklichkeitsschlacht zieht, der umgibt sich besser weder mit Allgemeinen noch mit Einzelnen. Die einen brechen im Schildwall leicht nach hinten, die anderen leicht nach vorne aus. In der Wirklichkeitsschlacht hat man am besten jene neben sich im Wall, die Allgemeines wie Einzelnes gleichermaßen kennen und anerkennen, die Allgemeines wie Einzelnes zugleich handhaben können. Entschlossen und unerbittlich.
467
Gesprochenes oder geschriebenes Wort hören und lesen wir nie authentisch. Allenfalls ist die Interpretation unserer eigenen Interpretation des Gehörten oder Gelesenen authentisch. Und selbst das ist bloß eine Annahme, eine Hoffnung.
Montag, 6. Mai 2019
466
In seinem Buch Individuum und Kosmos in der Philosophie der Renaissance versucht Cassirer sich auch an einer geeigneten Bestimmung des Verhältnisses von Freiheit und Notwendigkeit. Um nichts anderes als um dieses Verhältnis geht es zuletzt in allem praktischen Denken. Die Frage nach Freiheit und Notwendigkeit ist das nervöse Zentrum jedes auf Praxis sich richtenden Interpretierens. An dieser Frage entscheidet sich alles.
465
Gelegentlich erstaunt und beruhigt mich zugleich, wenn ich die wesentlichen Entwicklungen und Sprünge in meinem eigenen Denken im Denken anderer wiederfinde. Es gibt strukturelle Analogien zwischen Existierenden, ihren Interpretationen und ihrer Praxis – bei aller qualitativen und inhaltlichen Differenz.
464
Jede Erzählung kann auch anders erzählt werden. Jede
Erzählung zeitigt auch Folgen, die dem Erzähler, hätte er sie gekannt oder
zumindest geahnt, wohl frühzeitig den Mund verschlossen hätten.
463
Der Tod des Märtyrers befreit diesen immer auch von der Last, mit seiner Interpretation über die volle Distanz gehen, eine ganze Lebenslänge an seinem Glauben festhalten und diesen praktisch demonstrieren zu müssen.
Manche Märtyrer mussten sichtlich zu früh abtreten. Ihnen wurde die Möglichkeit genommen, die eigenen Interpretationen noch einmal kritisch befragen und die Dinge auch anders anschauen zu lernen.
Sonntag, 5. Mai 2019
462
Unter (protestantischen) Pfarrern, unter Theologen erinnert man sich gelegentlich scherzhaft daran, dass man im Beamtenstatus mit A14-Besoldung kaum als Prophet auftreten könne. Das ist nicht ganz falsch. Die priesterliche Wahrheit des Allgemeinen verträgt sich nicht mit der prophetischen Wahrheit des Einzelnen.
Samstag, 4. Mai 2019
461
Seinen Tractatus will Wittgenstein ganz ähnlich begriffen und gebraucht wissen, wie Jesus seine Gleichnisse (siehe Nr. 83). Die Gleichnisse Jesu können helfen aufzuklären, dass die Wirklichkeit, die sie vermeintlich bezeichnen und repräsentieren, mit Sprache, ja, mit Symbolen überhaupt, gar nicht bezeichnet und repräsentiert werden kann. Dass ein ganz anderer, nicht auf Bezeichnung und Repräsentation hinauslaufender Wirklichkeitszugang aufgesucht werden, dass die Wirklichkeit anders angeschaut und anders gebraucht werden muss.
Mittwoch, 1. Mai 2019
460
Wenn ich mich Benjamin, Cassirer, Heidegger und Wittgenstein, wenn ich mich den philosophischen Zauberern der roaring twenties denkend stelle, dann bin ich noch nicht einmal versucht, mich mit ihnen zu messen. Das wäre höchst vermessen. Selbst der Versuch, mich auf die Schultern ihres Denkens zu stellen, um von hier aus besser und weiter sehen zu können, erscheint mir völlig abwegig.
Mich den Zauberern denkend zu stellen, meint in meinem Falle: eine Tür aufstoßen zur Dankbarkeit für die eigenen Begrenzungen. Gerade meine Begrenzungen eröffnen mir die Möglichkeit, die Wirklichkeit auch anders sehen, sie auch anders handhaben zu können. Talente, gerade auch Talente des Denkens, setzen ja immer auch in je spezifischen Gehäusen des Denkens und Lebens gefangen.