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Donnerstag, 16. März 2017

258

Zwei weitere Intuitionen bei der Weber-Lektüre: Die Entdeckung ist immer wieder schrecklich ernüchternd, dass mein vermeintliches Ich, meine vermeintliche Identität und die ihr eigentümlichen interpretatorischen und praktischen Rationalitäten wenig mit individueller Authentizität oder gar mit Wahrheit zu tun haben. Sie sind in hohem, vielleicht in überwiegendem Maße Kulturprodukt. Mein Kontext schafft mich zu seinem Bilde.
Und eine zweite Entdeckung ist immer wieder schrecklich ernüchternd: Dort, wo das reservativ begriffene Evangelium die geronnenen Interpretationen und Praktiken durchbricht (Paulus, Luther), wird es sogleich vom übermächtigen Strom der Kulturentwicklung erfasst, transformiert und den Gesetzen der Weltwirklichkeit dienstbar gemacht. Das dämpft alle Hoffnungen für ein kommendes postsäkulares Zeitalter.

257

Wer auch nur einen ersten Zugang zu Max Webers (in politischer Absicht vorgenommener) Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik finden will, der darf Webers Wirklichkeitsinterpretation nicht übersehen.

Mittwoch, 15. März 2017

256

In der "Protestantischen Ethik" eine wunderbare Fußnote wiederentdeckt - Webers Vorstoß in das Zeitalter der Interpretation: "'Irrational' ist etwas stets nicht an sich, sondern von einem bestimmten 'rationalen' Gesichtspunkte aus. Für den Irreligiösen ist jede religiöse, für den Hedoniker jede asketische Lebensführung 'irrational', mag sie auch, an ihrem letzten Wert gemessen, eine 'Rationalisierung' sein. Wenn zu irgend etwas, so möchte dieser Aufsatz dazu beitragen, den nur scheinbar eindeutigen Begriff des 'Rationalen' in seiner Vielseitigkeit aufzudecken."

255

Es gibt Menschen, und vielleicht nimmt ihre Zahl zumindest im Okzident ab, denen der Mantel der Religion oder Metaphysik von Natur aus zu passen scheint, weil sie von Natur aus religiöse oder metaphysische Wesen sind. Sie tragen ein religiöses oder metaphysische a priori in sich. Das macht sie immun gegen jede Entzauberung.

Dienstag, 14. März 2017

254

Die Erneuerung konstruktiv-messianischer Energien in der säkularen Aufklärungsphilosophie lässt sich durchaus als Antwort begreifen auf die reformatorische Entzauberung der Weltwirklichkeit. Sie lässt sich vergleichen mit der religiösen Antwort des Christentums auf die paulinischen Entzauberungen. Hier wie dort trifft, ganz im Sinne Max Webers, die Zumutung des Glaubens auf die Existenz. Und die Existenz erweist sich als unfähig, der Zumutung standzuhalten. Der Glaube wird transformiert zur weltheilenden Lehre, Praxis des Glaubens wird heilende Weltumgestaltung.

253

Warnung für alle, die reservativ geneigt sind: Grund und Verheißung, Herkunft und Zukunft als Weltwirklichkeiten – das ist der Preis, der für reservatives Leben zu zahlen ist. „Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach“ (Mk 10,21). Wer dazu nicht bereit ist, wer nicht das Letzte auch noch loslassen will als ob nicht, der lässt es besser ganz. Der ist vielleicht eher für die Religion gemacht.

Montag, 13. März 2017

252

Liebe unter Gültigkeitsbedingungen, unter Bedingungen repräsentativer Interpretation, ist immer nur Instrumentalisierung des Anderen im Dienste der eigenen Gültigkeiten (was durchaus als beeindruckende Selbstlosigkeit erscheinen kann).

251

Am vergangenen Wochenende bin ich noch einmal nach dem Warum des als ob nicht gefragt worden. Dahinter steht die Frage nach Grund und Verheißung der Ungültigkeitsinterpretation, nach ihrem Wirklichkeitsfundament und ihrem Wirklichkeitsversprechen.

Samstag, 11. März 2017

250

Paulus interpretiert die Weltwirklichkeit so, als wäre sie aufgehoben und überwunden, als wäre sie ungültig, als ob nicht. Die paulinische Ungültigkeitsuniversalität gilt für die Weltwirklichkeit überhaupt, auch für alle wirklichen Menschen, auch für alle Menschen als Wirklichkeit – und dies gleichermaßen.
Und doch fordert Paulus im wirklichen Miteinander von Menschen so etwas wie ein Ungültigkeitsgefälle: Der Mensch soll sich selbst gegenüber anderen Menschen gewissermaßen als ungültiger begreifen. Der Einzelne hat vor allem und insbesondere sich selbst dem Gesetz des Messias, dem als ob nicht zu stellen, zu unterstellen, zu unterwerfen. Den Anderen soll der Einzelne demgegenüber gewissermaßen als weniger ungültig begreifen. In Gültigkeitsbegriffen formuliert: „In Demut achte einer den Anderen höher als sich selbst“ (Phil 2,3). Vielleicht ist dieser Gedanke einer der Schlüssel zum Verständnis der paulinischen Ekklesia als Ungültigkeitsgemeinschaft, als Gemeinschaft von Ungültigen.

249

Noch ein kurzer Gedanke zu Weber: Wenn er sagt, der Einfall ersetze nicht die Arbeit, dann gilt dieser Satz wohl auch (oder noch viel mehr) umgekehrt. Keine Arbeit kann den Einfall, die Intuition ersetzen. Die geistes- und sozialwissenschaftliche Wissenschafts- und Publikationsindustrie der Gegenwart ich zweifellos beeindruckend. Aber sie ist auch erschreckend einfallslos, intuitionslos.