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Dienstag, 28. April 2020

636

Gott – das Nichts, das das Nichtige nichtet. Die jüdisch-christliche Tradition hat zwei passende Begriffe, die andeuten können, was damit gesagt sein soll: Heiligkeit und Licht. „Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth“ (Jes 6,3). „Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis“ (1 Joh 1,5). Die Begriffe Heiligkeit und Licht als Bezeichnungen Gottes, als Bezeichnungen für – wenn man so will – Eigenschaften Gottes, bleiben als solche besser ungefüllt, leer. Sobald sie repräsentativ gefüllt werden, eröffnen sie irreführende Analogien, verlieren sie unmittelbar das, was sie zum Ausdruck bringen können.

Montag, 27. April 2020

635

Not lehrt beten? Wer in der Not betet, hat keine Not. Er hat ja noch oder wieder neu oder erstmalig einen sichtbaren Gott. Wem die Not auch jedes Gebet von den Lippen und aus dem Herzen reißt, wem die Not jede Zuflucht zu einem sichtbaren Gott versperrt, der hat Not. Not lehrt nicht beten, sondern verstummen, schweigen.

Sonntag, 26. April 2020

634

Denken im eigentlichen Sinne ist Nichts-Denken, Denken des Nichts, Denken im Ab-Grund des Nichts (Nr. 544). Es ist das Mutige und Eindrückliche der Roaring Twenties des 20. Jahrhunderts, sich dem Schrecken des Nichts und damit dem Schrecken des eigentlichen Denkens noch einmal gestellt zu haben. An diesem Schrecken entzündet sich etwa die Theologie Karl Barths, vor allem aber auch die Philosophie Martin Heideggers (wobei hier Entzündung durchaus mehrsinnig begriffen werden darf).

Montag, 20. April 2020

633

Die Beobachtung eines lieben Freundes bewegt mich zu einer kleinen Zwischenbemerkung: Dieser Blog ist kein öffentliches Tagebuch, er ist so etwas wie ein fragmentarisches Denk-Notizbuch. Dieser Blog ist nicht der Ort, an dem ich meine Befindlichkeiten vor der Welt ausbreite. Er ist der Ort, an dem ich mich (auch vor dem Hintergrund meiner Befindlichkeiten) im Denken aufzuklären, zu orientieren und zu befestigen versuche. Dieser Blog ist also nicht Ausdruck von Festigkeit, in ihm äußert sich vielmehr ein möglicher Selbstbefestigungsversuch mitten in einer komplexen und kontingenten Wirklichkeit, mitten im ungeheuren chaotischen „Strom von Geschehnissen, der sich durch die Zeit dahinwälzt“ (Max Weber).

632

In den ersten Wochen des Jahres habe ich noch einmal ein wenig mit Nietzsche zu denken versucht, in den vergangenen Corona-Wochen lese ich vor allem Heidegger. Hier wie dort entdeckt sich mir wenig Neues, schon gar nichts Wegweisendes. Auseinandersetzungen wie diese helfen aber immer und immer neu bei der Konturierung des eigenen Denkens.

Sonntag, 19. April 2020

631

Die Massenbewegungen, die wir gerade in westlichen Gesellschaften beobachten können, haben auch sehr viel zu tun mit dem, was in den einschlägigen sozialwissenschaftlichen Diskursen unter dem Begriff des Postheroismus verhandelt wird. Unter postheroischen Bedingungen (die in aller Regel wohlständige Bedingungen sind) gilt es als irrational, bedingungslos für etwas einzustehen, was nicht unmittelbar materialisierbar ist, was nicht unmittelbar als dem Leben und der Wohlständigkeit des Lebens zweckdienlich begriffen werden kann. Kaum jemand ist noch bereit, sich für eine Idee, für einen Glauben, für eine Interpretation zu opfern, gar zu sterben. Opferbereitschaft an sich, vor allem aber der Gedanke eines stellvertretenden Opfers sind fremd geworden, gelten geradezu als dekadent.

So gesehen, nebenbei bemerkt, ist es erstens nicht verwunderlich, dass die traditionelle christliche Erzählung vom stellvertretenden Opfer Jesu unter postheroischen Bedingungen kaum noch Gehör und Verständnis findet. Und es ist zweitens nicht verwunderlich, dass die postheroischen Kirchenführer unserer Tage gerade in der gegenwärtigen Krise so schweigsam sind. Nicht zuletzt auch in Deutschland. Im Beamtenstatus erscheint es so irrational, für religiöse Fiktionen den Kopf hinzuhalten. Allenfalls für die Behauptung einer wie auch immer gearteten Systemrelevanz will man sich noch erheben – also letztlich für nichts anderes mehr als für die Behauptung und Verteidigung des eigenen Status.

630

In Bedrängnis, in Angst versetzt neigen wir zur Komplexitätsreduzierung. Dann wird die Bedrohung sichtbarer, griffiger. Auch die Rettung scheint uns dann sichtbarer, griffiger. Und die Feinde der Rettung selbstverständlich auch.

Montag, 13. April 2020

629

Was ich im Corona-Phänomen mitgefangen denkend bewege – insbesondere im Blick auf möglicherweise kommende politische Folgekausalitäten, gerade auch im Blick auf mögliche Slippery-Slope-Effekte. Einige zusammenfassende Stichsätze.

Sonntag, 12. April 2020

628

Wie dürftig und gefährlich doch die christlich überlieferte Hoffnung bei näherem Hinsehen ist. Karfreitag – auf die eine oder andere Erzählweise Ereignis und Ermöglichungsgrund einer moralischen Läuterung, eines moralischen Neubeginns. Ostern – auf die eine oder andere Erzählweise Ereignis und Ermöglichungsgrund einer heilenden Wirklichkeitstransformation: Das Gute ist im Werden, das Beste kommt zum Schluss. Diese Hoffnung ist dürftig, weil sie das Gehoffte immer ins Kommende verschiebt. Diese Hoffnung ist aber auch gefährlich, weil sie alles auf Moralisierung setzt und zugleich in einer unendlichen Fortschrittsdynamik gefangen setzt.

Erste Anmerkung: Weil die Verschiebung des Gehofften ins Kommende unerträglich ist, haben die verschiedenen Christentümer zahlreiche Mittel gefunden, ihres Gottes und damit des Gehofften schon jetzt irgendwie habhaft zu werden – je nach religiöser Bedürftigkeit angesiedelt irgendwo im Spektrum zwischen magischer (sakramentaler) Realpräsenz und schlichter (rationaler) Symbolik.

Zweite Anmerkung: Die jesuanische, paulinische, messianische Hoffnung ist im Unterschied zur christlichen paradox reich (ein nicht-repräsentativer Begriff für das, was ich sagen will, steht mir leider nicht zur Verfügung). Indem sie die Weltwirklichkeit schon im Hier und Jetzt als eine (fiktiv – nicht wirklich, glaubend – nicht schauend) aufgehobene und überwundene zu begreifen ermutigt, ist sie eine im Hier und Jetzt immer schon gegenwärtige, von der realen Habhaftigkeit des Gehofften völlig unabhängige Hoffnung. Zugleich befreit sie den Hoffenden zu einer angemessen und behutsamen, nicht moralisch verengten und nicht fortschrittsverpflichteten Handhabung des Weltwirklichen.

627

Die religiöse Frömmigkeit (es ist auch eine nicht-religiöse Frömmigkeit denkbar), die uns gerade in besonderem Maße über unsere Rechner und Smartphones belästigt, erinnert mich noch einmal an Bultmanns kaum zu überbietendes Diktum des Glaubens: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“ Man kann nicht – intellektuell redlich – via Facebook, Twitter oder Instagram die Botschaft Jesus ist auferstanden verbreiten und gleichzeitig die historische Tatsächlichkeit dieses Ereignisses behaupten (siehe dazu erläuternd etwa Nr. 23 und 30).