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Mittwoch, 1. Juni 2022

839

München – eine Stadt, die man eigentümlich distanziert annehmen kann. In ihr kann man sein, ohne von ihr zu sein.

Freitag, 20. Mai 2022

838

Die vergangenen Wochen waren weltpolitisch ereignisreich. Russlands Kriegsgeschrei, Russlands Krieg schlägt insbesondere die Staaten der Nordhalbkugel in seinen Bann.

837

Die Arbeit an 2 Thess 2 hat mich in meiner Interpretation noch einmal nachdrücklich geklärt und stabilisiert. Dabei eine Selbstbeobachtung: Je sicherer ich mir meines Denkens und dessen Praxis werde, desto schwächer wird mein Mitteilungs- und Überzeugungsbedürfnis. So etwas wie missionarischen Eifer nehme ich in mir gar nicht mehr wahr.
Ich vermute einen Zusammenhang. Eine Dimension dieses Zusammenhangs könnte sein: Je klarer mir die Struktur meines Denkens vor Augen steht, desto geringer will mir die Wahrscheinlichkeit erscheinen, dass andere je ähnlich denken könnten. Mein Denken ist schlechtweg existenzbedingt. Und so bleiben zuletzt allein Stille und stille Praxis.


Freitag, 13. Mai 2022

836

Mein Unbehagen in der Mikrokultur, in der ich mich lebensgeschichtlich gerade aufhalten muss: Ihre Eigentümlichkeit, ihr Wesensmerkmal ließe sich vielleicht als distanzlose Beziehungslosigkeit beschreiben. Damit fehlen dem menschlichen Miteinander hier gerade jene zwei Eigenschaften, die gegeben sein müssen, wenn so etwas wie soziales Wohlbefinden werden soll.

835

Bei Welzer einen schlichten aber folgenreichen Satz entdeckt, der wiedergibt, was ich an mir selbst beobachte: „Wissenschaft hat mich nur so lange interessiert, wie ich auf der Suche nach einer Antwort auf eine Frage war“. Wozu also noch Wissenschaft, wenn die Frage beantwortet ist? Wozu Wissenschaft, wenn sie für mich bloß noch blutleere Funktion sein kann?

Randbemerkung zu Welzers Versuch zu einer Kultur des Aufhörens: Es will mir so scheinen, als liege Welzers Interesse am Aufhören darin, dass er durch Aufhören Raum schaffen möchte für Neues, Anderes. Welzers Aufhören ist also nicht zweckfrei. Damit bleibt es letztlich im Schema der modernen Rastlosigkeit.

Samstag, 23. April 2022

834

Wie immer, so habe ich auch meinen Text zu 2 Thess 2 schon im Vorfeld der Publikation einigen Freundinnen und Freunden zugeschickt. Ihre Rückfragen und Anmerkungen, auch die dadurch angestoßenen Diskussionen helfen mir immer sehr. Vorhin habe ich die kritische und ermutigende E-Mail eines Freundes beantwortet. Was ich in meiner Reaktion formuliert habe, kann ich auszugsweise hier hinterlegen, weil sich darin – ohne, dass man Hintergründe und Details kennen müsste – einige wichtige Grundlinien meines Denkens zumindest andeuten.

Freitag, 15. April 2022

833

Karfreitag. Noch einmal drängt sich die mich unablässig begleitende Frage nach einem fragmentarischen Leben in den Vordergrund (siehe Nr. 746, 790, 811). Was fragmentarisches Leben nicht sein kann, nicht sein darf: der verzweifelte Versuch, ein Ganzes zusammenzustückeln, der defaitistische Rückzug in das Fragment einer asketischen Identität, der immer flüchtige Sprung zwischen den Fragmenten.
Fragmentarisch leben meint wohl vor allem: die Nicht-Ganzheit der Existenz praktisch anerkennen, der Nicht-Identität aller und aller einzelnen Existenzfragmente praktisch standhalten. Konkreter, positiver kann ich es noch nicht fassen.

Sonntag, 10. April 2022

832

Lese gerade den Selbstnachruf von Harald Welzer, Buchgeschenk eines lieben mitdenkenden Freundes. Darin, grob gesagt, der Versuch, eine Kultur des Aufhörens vom Tod, vom Nichts her zu begründen. Ich empfinde große Sympathie für diesen Ansatz, so, wie ich auch große Sympathie empfinde für Agambens eschatologisch begründete Politik der Stilllegung.
Und doch will mir der jeweils angebotene Grund für Aufhören oder Stilllegung nicht wirklich überzeugend, nicht wirklich schlagend erscheinen. Von einem wie auch immer begriffenen Ende her denkend eröffnen sich grundsätzlich zwei Wege: der Weg der Askese und der Weg des Exzesses. Aber weder der eine noch der andere Weg (oder eine wie auch immer geartete Mischform) scheint mir vom Ende her unbedingt geboten zu sein. Welchen Weg wir präferieren und beschreiten, hängt wohl nicht zuletzt an unserer intellektuellen und emotionalen Gestimmtheit. Und nebenbei bemerkt: Auch diejenigen, die vom Ende her gedacht aufzuhören oder stillzulegen versuchen, bleiben letztlich doch negativ abhängig von dem, wovon sie eigentlich frei werden wollen: von der Welt selbst.
Nach wie vor bleibe ich daher bei meiner Annahme, dass das Nichts nicht ausreicht, um uns aus unserer funktionalistischen Weltgebanntheit herauszulösen. Wir brauchen die Fiktion einer zweiten Wirklichkeit (die nicht die christliche sein darf), eine Fiktion, auf die Welzer (und natürlich auch Agamben) ausdrücklich verzichten.

831

Das Übel jener Zeit, die wir in der christlichen Dramaturgie als Endzeit begreifen, ist weniger der Krieg, ist weniger das Kriegsgeschrei. Kriege und Kriegsgeschrei hat es immer und überall gegeben. Das Übel dieser Zeit liegt vielmehr in einer totalen Weltgebanntheit der Massen – ein Übel, für das in der spezifischen okzidentalen Erscheinungsform vor allem auch das Christentum selbst verantwortlich ist.

Montag, 28. März 2022

830

Jede Gleich-Gültigkeit frisst früher oder später ihre Kinder.

In jedem Recht, Individuum zu sein, verbirgt sich die Pflicht, anders zu sein, als andere.

In jeder Pflicht, anders zu sein, als andere, verbirgt sich das Verbot, so zu sein, wie andere.

Noch verbietet uns unsere Gleich-Gültigkeit lediglich die kulturelle Aneignung. Doch das ist erst der Anfang. Früher oder später wird sie versuchen, uns die individuelle Aneignung zu verbieten.

Spätestens dann werden wir nicht mehr wissen, was wir noch dürfen.

Das Recht auf Individualität entpuppt sich als das, was es im Kern ist: Seinsverbot.