Freitag, 8. Juli 2016
131
Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft. Die Hymnen werden gespielt. Eine meiner Töchter schüttelt irritiert den Kopf. „Was ich nicht verstehe“, sagt sie, „wie kann irgendjemand zu einen beliebigen Stückchen Land sagen: ‚Das gehört mir‘?“
Donnerstag, 7. Juli 2016
130
Die Reformation lässt sich als Versuch interpretieren, den unsichtbar werdenden, den in die Unsichtbarkeit verdrängten, den in die Unsichtbarkeit sich zurückziehenden Gott in der Weltwirklichkeit irgendwie im Spiel zu halten.
129
Ich kenne nicht wenige religiöse Menschen, die ihrem Gott ernsthaft treu sein wollen, die ihre Existenz ganz an ihren Gott hängen. Alles, was von diesem Gott abbringen will, wird als Zweifel verbucht, den es zu besiegen gilt. Und nach dem Sieg, so die Hoffnung, wird die existenzielle Bindung an Gott umso fester.
Mittwoch, 6. Juli 2016
128
Habe noch einmal Nietzsches „Fröhliche Wissenschaft“ zur Hand genommen. Dieses Buch war für mich zu Beginn des Studiums der Eintritt in eine neue aufregende Interpretationswelt. Gleichzeitig ereignet sich der Austritt aus der alten: durch die Begegnung mit Charles Haddon Spurgeons Kampf gegen die Arminianer und durch die Auseinandersetzung mit Max Webers Deutung der calvinistischen Prädestinationslehre als rationale Lösung der Theodizee. Nietzsche einerseits, Spurgeon und Weber andererseits, durch Spurgeon und Weber dann vor allem auch Calvin – für mich eine explosive Mischung, die rückblickend wesentlich zur Dekonstruktion repräsentativer Denk- und Lebensmuster beigetragen hat.
127
Lassen sich Kulturen wenden? Nein. Aber Kulturen wenden sich. Dekonstruktion ereignet sich. Dekonstruktion geschieht, nicht zuletzt im Gang des jeweiligen Sprachspiels. Wer hätte ahnen können, dass dem christlichen Sprachspiel und der mit ihm gegebenen Kultur die Säkularität, zuletzt der Nihilismus innewohnen? Vielleicht werden sich künftige Generationen rückblickend darüber wundern, wie man überhaupt repräsentativ denken und handeln konnte.
126
In postsäkularer Zeit bedarf es keiner (erneuten) Auseinandersetzung zwischen säkularen und religiösen Interpretationen. Es bedarf einer (neuen) Auseinandersetzung zwischen repräsentativen und reservativen Interpretationen. Wir müssen die Repräsentationen hinter uns lassen. Und in der Frage der Repräsentation sind sich Säkulare und Religiöse grundsätzlich einig. Hier kämpfen sie an der gleichen Front. Beide gilt es reservativ zu überwinden.
125
Religiöse Menschen sind nicht so, wie sie sind, weil sie religiös sind. Sie sind vielmehr religiös, weil sie so sind, wie sie sind. Sie sind religiös, weil sie ein Dach und eine Couch brauchen. Einen Ort der Sicherheit und einen Ort der Ruhe für Interpretation und Praxis. Gleiches gilt für Metaphysiker.
Dienstag, 5. Juli 2016
124
„Jeder Entscheidung, jeder sich ereignenden Entscheidung, jedem Entscheidungs-Ereignis wohnt das Unentscheidbare wie ein Gespenst inne, wie ein wesentliches Gespenst“ (Derrida). Jeder Schließung, jeder sich ereignenden (Ent-)Schließung, jedem Schließungs-Ereignis wohnen zahllose Öffnungen wie Gespenster inne, wie wesentliche Gespenster. Wirklichkeit ist nichts für Feiglinge.
Montag, 4. Juli 2016
123
Wenn wir global weder auf eine „Universaldespotie“ (Kant) noch auf einen Zustand des Krieges aller gegen alle zusteuern wollen (wobei das eine das andere zur Folge haben kann), dann werden wir in postsäkularer Zeit wohl eine veränderte Einheit von Wirklichkeitsinterpretation und Macht, von Glaube und Politik vorbereiten müssen. Erste Aufgabe wird es sein, die Gründung von Politik und politischer Gemeinschaft auf Gültigkeiten, gleichzeitig die Vorstellung von Politik und politischer Gemeinschaft als Repräsentation von Gültigkeiten zu überwinden. Zur Begründung einige vorläufige Andeutungen.
Freitag, 1. Juli 2016
122
Eine Juristin hat kürzlich einen meiner politisch-theologischen Texte besprochen. Mein Beitrag sei „poetisch-paränetisch“ und mache aus „juristischer Sicht […] ein wenig ratlos“. Nun ja. Es ist wohl so, dass jeder halbwegs pointiert formulierte politisch-theologische Text einem Juristen poetisch und paränetisch erscheinen muss. Ratlos macht mein Beitrag die Rezensentin wohl zunächst deshalb, weil er sich nicht mit den üblichen juristischen Prüfschemata fassen lässt. Vielleicht ist jedoch noch mehr geahnt: dass meine Politische Theologie, würde sie tatsächlich wirklichkeitsrelevant, das Ende der Juristenherrschaft einläuten würde.