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Donnerstag, 21. November 2024

1061

Der Begriff der Differenz scheint mir angemessener zu sein als Begriff der Vielfalt. Weil hier die immer auch enttäuschende Entzauberung des Anderen als unpassendes Anderes einbegriffen ist. Und weil der Begriff der Vielfalt immer auch kosmologischen Charakter hat, weil mit ihm immer auch die harmonisierende Idee möglicher Einheit behauptet ist.

1060

Der marxistische Begriff der Entfremdung geht aus von einer möglichen, aber gestörten Identität von Produzierendem und Produkt. Über die sogenannte Generation Z ließe sich sagen, dass in ihr der Prozess der Entfremdung gewissermaßen zum Höhepunkt und Abschluss kommt. Allerdings wird hier die Entfremdung nicht mehr als schmerzhaft, sondern vielmehr als Befreiung empfunden. Das Band zwischen Produzierendem und Produkt wird in selbstentlastender Absicht bewusst durchtrennt.
Anders gewendet könnte man allerdings auch sagen, dass in dieser Generation die Entfremdung durch eine neue Identität von Produzierendem und Produkt aufgehoben ist. Dies, indem der Produzierende sich selbst zum Produkt macht. Das Produkt des Produzierenden der Generation Z ist allein noch sein Selbst.

Samstag, 19. Oktober 2024

1059

Das wesentliche Merkmal der sogenannten Generation Z ist wohl nicht ihre Neigung zum Müßiggang. Ihr wesentliches Merkmal ist ihre Existenz unter dem Diktat der Authentizität. Unter diesem Diktat verliert sie die Fähigkeit, in den für den Fortbestand unserer Kultur und ihrer ausdifferenzierten Sachbereiche notwendigen Rollen zu funktionieren. Bei Max Weber galt noch: „Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, – wir müssen es sein.“ Heute gilt: Wir müssen noch Berufsmenschen sein, – die uns folgende Generation kann es nicht mehr sein. Wenn man eine große diagnostische Linie ziehen wollte, dann müsste man wohl sagen: Das Christentum frisst heute seine säkularisierten Kinder.

1058

Selbstbehauptung oder Selbstaufklärung. Entweder – Oder. Beides ist nicht zugleich zu haben.

Freitag, 11. Oktober 2024

1057

Eine Notiz zu Joker: Folie à Deux. Der Film ent-täuscht im besten Sinne des Begriffs. Als Realität entspricht er nicht den Bildern, die man sich von ihm entworfen hat.
Was an dieser Ent-Täuschung amüsiert: Gerade sie ist das, was der Film bezeichnet. Die ent-täuschende Differenz zwischen Sein und Schein. Der Film zeigt den Wahn dessen, was wir Liebe nennen. Er inszeniert den Zwang des Scheins, den die Liebe erzeugt. Und er inszeniert den Zwang zum Schein, dem uns die Liebe unterwirft. Wir lieben nie das Sein selbst, sondern immer nur unser Bild des Seins. Und wenn das Bild verweht, wenn es sich auflöst und die Realität erscheint, dann verweht zugleich die Liebe. Das Reale jenseits der Bilder kann man nicht lieben.
Als ent-täuschender Film ist Joker: Folie à Deux schlechtweg großartig. Großartig als Ent-Täuschende sind vor allem auch Joaquin Phoenix und Lady Gaga. Unerbittlich demaskieren sie die Liebe. Und unerbittlich demaskieren sie zugleich das ent-täuschte Publikum.

Freitag, 4. Oktober 2024

1056

Wenn wir annehmen, Wirklichkeit sei eine Mannigfaltigkeit unausgesetzt sich wandelnder Relationen (siehe Nr. 1013, 1017), dann stellt sich vor allem auch die Frage nach der geeigneten Handhabung des Wirklichen noch einmal neu und anders.
Es mag dann durchaus nach wie vor entlastend und entängstigend erscheinen, wenn wir uns Zuverlässigkeiten entwerfen, wenn wir in Denken und Praxis Behausungen errichten und aufsuchen. Es muss uns allerdings bewusst sein und bleiben, dass alle erschaffenen Beständigkeiten und Stabilitäten immer schon im Vergehen begriffen sind. Was wir in Denken und Praxis haben, können wir immer nur noch so haben, als hätten wir es nicht.

Samstag, 21. September 2024

1055

Es ist auch unser Freiheitsbegriff, der uns irreführt und im Wirklichen abträglich wirkt. Mit Kant nehmen wir nach wie vor an, Freiheit sei das Vermögen, einen Zustand, damit zugleich auch eine Reihe von Begebenheiten oder Folgen schlechthin von selbst anzufangen. Wir glauben daran, dass unser Wille unbewirkte, erste Ursache sein kann. Dieser Freiheitsbegriff ist noch durchtränkt von der religiösen Annahme einer göttlichen creatio ex nihilo, zugleich von der christlich-theologischen Annahme einer Analogie zwischen Gott und Mensch, zwischen Schöpfer und Geschöpf.
Dieser Freiheitsbegriff ist in mehrfachem Sinne ein überheblicher. Mit ihm gaukeln wir uns vor allem vor, unser Bewusstsein sei etwas der Natur Enthobenes, etwas den Bedingtheiten des Wirklichen Entrücktes. Abgesehen davon, dass diese Gaukelei mittlerweile längst als solche durchschaut ist: Sie reizt uns einerseits zwar zu beeindruckenden schöpferischen Akten (wobei wir tatsächlich nichts aus dem Nichts erschaffen, sondern bloß natürlich funktionieren), sie reizt uns damit aber zugleich auch zu unausgesetzter, aggressiver Wirklichkeitsdestruktion (alles Neue ist immer Destruktion des Vorhandenen).
Es gilt, einen veränderten Freiheitsbegriff ausfindig zu machen, einen demütigen und demütigenden Freiheitsbegriff, der als bloß uneigentliche Bezeichnung begriffen wird und der uns nicht länger destruktiv durch das Wirkliche hindurchtreibt. Weniger destruktiv wäre etwa ein messianischer Freiheitsbegriff. Messianische Freiheit ließe sich vielleicht als Vermögen begreifen, im kontingenten und paradoxen Dickicht unablässig sich wandelnder Relationen des Wirklichen das eigene, selbst immer als bewirkte Ursache begriffene Wollen und Entscheiden durch aufmerksame Interpretation und Selbsterinnerung so zu prägen und auszurichten, dass im unmittelbar von Wollen und Entscheiden betroffenen Wirklichkeitsraum die regulären, erwartbaren Kausalitäten unterbrochen, also in ihrer Dynamik abgefedert und gedämpft werden, dass der durch Wollen und Entscheiden immer auch aufgebaute, destruktive Druck abgefangen, aufgefangen, umgeleitet und abgeleitet wird.


Freitag, 13. September 2024

1054

In der Fiktion des Ewigen ist das Wirkliche nicht manifestiert. Es ist darin vielmehr aufgehoben und überwunden.

1053

Leben ist das, was im Vergehen begriffen ist, während wir es zu realisieren versuchen.

Donnerstag, 12. September 2024

1052

Es gibt Hoffnungsverwirklichungen, über die man sich kaum noch freuen, für die man kaum noch Dankbarkeit empfinden kann. Weil die Kosten des Wartens so hoch sind.