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Freitag, 7. April 2023

927

Was meint das lateinische Präfix post in der Sprache des Denkens: undenkbar ohne das Vorhergehende, zugleich in ein Jenseits des Vorhergehenden vordringend. In gewissem Sinne bleibt also jedes Denken unter dem Präfix post in der Spur. Es spurt, es verlässt nicht die Spur, tritt nicht aus ihr heraus.

926

Unter meinen eigenen religiösen Voraussetzungen stand ich im Grunde genommen über Jahrzehnte im Bann von Idealen, die ich selbst als Verheißung begriffen habe. Dies bis zu jenem Moment meines Lebens, in dem sich so etwas wie eine post-kantische kopernikanische Wendung ereignet hat, in dem ich alle Verheißungen und Ideale habe fahren lassen (müssen). Im Moment einer interpretatorischen Wendung vom religiösen und metaphysischen als ob hin zum post-religiösen und post-metaphysischen als ob nicht. Einer Wendung, die in einer prä-kulturellen Pointierung ihre letzte Aufklärung erfährt (siehe Nr. 740, 743, 744, 793, 798).
Heute stelle ich mir bisweilen die selbstprovozierende Frage, was wäre, wenn die als Verheißung begriffenen Ideale künftig doch noch weltwirklich würden. Würde sich dann die mittlerweile verworfene religiöse oder metaphysische Interpretation nachträglich doch noch als wahr erweisen?

Gedanke am Rande: Die kopernikanischen Wendungen, die uns Kant im Wissen, im Tun und im Hoffen zumutet, lassen sich mit guten Gründen als Umdeutungen religiöser Motive begreifen. Kants Wendungen wirken immer entzaubernd und aktivierend zugleich. Dabei ist kaum eine andere Wendung so wirkungsreich, wie die Wendung der religiösen Verheißung zur regulativen Idee.

Sonntag, 2. April 2023

925

Vor einigen Tagen habe ich die Begutachtung einer Bachelorarbeit zu moralischen Verletzungen abgeschlossen. Das Phänomen moral injury wird gerade auch in militärischen Kontexten zunehmend relevant. Auch dieses Phänomen ist symptomatisch für die Lage der Generation, die bald genötigt sein wird, öffentliche Verantwortung zu übernehmen. Einige kurze diagnostische Andeutungen.

Samstag, 1. April 2023

924

Gelegentlich teste ich jene vermeintliche Intelligenz, die derzeit so viel Aufmerksamkeit erregt: die OpenAI ChatGPT.

923

Vorsicht bei der Handhabung jener, die das jeweils gegenwärtig Modische im Raum des Öffentlichen in den Raum des Verborgenen hineinziehen, die nicht zwischen Mittelbarem und Unmittelbarem, zwischen Vermittelbarem und Unvermittelbarem zu unterscheiden wissen, die dem Allgemeinen auch im Einzelnen Folge leisten. Vorsicht aber auch bei der Handhabung jener, die sich im Verborgenen, im Unmittelbaren, im Einzelnen zum Auf- und Widerstand gegen das jeweils modische Öffentliche, das Vermittelbare, das Allgemeine zusammenrotten. Schließe Freundschaft weder mit den einen noch mit den anderen.

Samstag, 25. März 2023

922

Nachhaltigkeit – einer dieser janusköpfigen Gültigkeitsbegriffe, deren Gaukeleien wir gegenwärtig so gerne auf den Leim gehen. Nachhaltigkeit verspricht uns so etwas wie Freiheit: Freiheit vom gefährlichen Massenverbrauch des Wirklichen. Hinter dem Schein der Freiheit zielt dieser moraltriefende Begriff jedoch auf eine Weltgefangenschaft, deren wirkliche Wirkung allenfalls eine scheinbare Verzögerung, nicht aber eine Unterbindung oder gar Überwindung des Wirklichkeitsverbrauchs sein kann (siehe auch Nr. 388).

Freitag, 24. März 2023

921

Kürzlich der Hinweis eines väterlichen Freundes auf eine Neuerscheinung: Sebastian Kleinschmidts Kleine Theologie des Als ob. Die Lektüre hat meine Erwartungen, oder treffender: meine Befürchtungen bestätigt. In der Annahme, einen neuen, womöglich hilfreichen Gedanken zu formulieren, demonstriert der Essayist letztlich bloß, wie unbedarft er theologisch eigentlich ist. Er weiß offenbar nicht, an welchem Ort des theologischen Denkens er mit seinem Essay überhaupt steht.

Donnerstag, 23. März 2023

920

Dem Allgemeinen sind wir als Einzelne immer bloß statistische Größe.

919

Die gegenwärtig nachwachsenden Generationen verstehen sich selbst als außergewöhnlich wach, als in besonderem Maße wachsam. Wenn ich allerdings auf die Ausprägungen und Ausmaße ihres Wirklichkeitsgehorsams blicke, dann scheinen mir diese Generationen tiefer zu schlafen und irreführender zu träumen, als sämtliche Generationen zuvor.

Mittwoch, 22. März 2023

918

Vor gut 45 Jahren hat sich in meinem Leben das ereignet, was ein Arztbericht kürzlich als „erworbene Deformität der Nase“ bezeichnet hat.