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Freitag, 1. Januar 2021

681

Mir sitzt die evangelikale theologia gloriae meiner Kindheit und Jugend nach wir vor wie ein Dämon unter der Haut. Manche Prägungen wird man schlechterdings nicht los. Man muss unausgesetzt und lebenslang bereit bleiben, sie auf immer wieder frischer Tat zu ertappen.

Mittwoch, 30. Dezember 2020

680

Auf der Suche nach tröstlichen und ermutigenden Gehalten reservativen Glaubens steht mir in den vergangenen Tagen noch einmal Paulus vor Augen. Seine spezifische Variante einer messianischen Wirklichkeitsanschauung ist auf dem Boden jüdischer Denktradition entwickelt, lässt diese aber auch nachdrücklich hinter sich. Oder vielleicht besser: Sie geht reformatorisch und aufklärend zugleich hinter sie zurück und über sie hinaus.

Samstag, 26. Dezember 2020

679

WhatsApp-Status einer lieben Freundin: „Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert.“ Letzte Worte Karl Barths.
Für derartige Ermutigungen bin ich durchaus empfänglich. Sie lassen sich ja auch reservativ denken und sprechen. Es muss aber bewusst gehalten werden: Gemeint sind diese Worte als kontrafaktische Wahrheit eines auf eine nicht-wirkliche Wirklichkeit sich abstützenden Glaubens. Ein qualitatives Kriterium, das angeben könnte, was diese Wahrheit von einer bloßen positivistischen Fiktion unterscheidet, ist uns heute nicht mehr zuhanden. Und: Ganz im calvinischen Sinne meint die Glaubenswahrheit Barths ausdrücklich nicht eine existenzielle Schonung, ein existenzielles Herausgenommensein des Glaubenden. Vom nicht-wirklich Regierenden regiert zu werden meint vielmehr totale existenzielle Mitbetroffenheit im Prozess des Aufgerolltwerdens des Wirklichen (siehe Nr. 346). So gesehen neigt die Ermutigung Barths unausgesetzt dazu, in eine Zumutung umzuschlagen. Dem muss der Glaubende sich auszusetzen bereit sein.

Montag, 21. Dezember 2020

678

Was bleibt im Denken nach einem Jahr radikaler äußerer Umbrüche und Zumutungen? Nicht viel mehr als eine unbestimmte Intuition geistiger Betäubung, eine beunruhigende Sorge vor heraufziehender geistiger Lähmung.

Nach wie vor mühe ich mich um fragmentarische Auffrischung und Anregung. Zunächst ein wenig Nietzsche, dann Heidegger, jetzt eine erste Annäherung an Cassirer. Alles zweifellos zuträglich, aber doch bloß im Sinne einer eher passiven Differenzwahrnehmung und Abgrenzung. Was mir vor allem fehlt, ist die aktive Beobachtung und Ausformulierung meines Eigenen. Mein eigenes Denken bleibt mir ein weitgehend unentdecktes und vor allem unbestelltes Land. Die eigene Interpretation als Brache.

Und über allem steht und bleibt das alte Wort des Predigers: Auch das ist eitel. Also iss und trink und sei guten Mutes bei allem Mühen, das du dir machst unter der Sonne dein Leben lang, das Gott dir gibt. Denn das ist dein Teil.

Dienstag, 24. November 2020

677

Der Lackmustest für jedes Denken: Trägt es die Kraft in sich, im uferlosen Strom des Wirklichen sowohl Floß als auch Ruder zu sein? Wenn nicht, dann geh weiter und schüttle den Staub von Deinen Füßen.

Samstag, 21. November 2020

676

Es ist nicht eins: Glück an sich und Glück für mich. Glück für mich kann durch einen existenziellen Riss vom Glück an sich geschieden sein. Mitten im Glück an sich, vom Glück an sich umfangen, kann ich für mich selbst leer ausgehen, kann ich mit meiner Glücklosigkeit hadern. Was man begehrt ist nicht notwendig das, was mein Herz begehrt. Man spricht da gerne von Undankbarkeit. Ich selbst für mich eher von verzweifelter Hoffnung.

Donnerstag, 19. November 2020

675

Von Menschen, die Menschen führen sollen, erwarten wir üblicherweise, dass sie Menschen führen wollen, dass sie dies natürlicherweise können und dass sie diese Kunst durch Erfahrung und Methode verfeinern. Für diesen Ansatz sprechen gute Gründe. Allerdings: So vorgestellte Menschenführung ist kaum mehr als Funktion der jeweils gegebenen Natur, der jeweils gegebenen Interpretation und deren technischer Perfektionierung.

Meine Behauptung, gestützt auch auf eingehende Beobachtung: Niemand kann Menschen gut führen, es sei denn, er kann sich selbst gut führen. Dem Anspruch, andere zu führen, muss der Anspruch der Selbstführung vorausgehen. Streng genommen dürfen wir Menschen nur der Führung jener Menschen anvertrauen, die willens und fähig sind, ihre je eigene Natur und ihre je eigenen Interpretationen durch den wilden Strom der Wirklichkeit hindurch zu leiten. Dies gilt insbesondere im Kontext des Politischen und des Militärischen, im Kontext potenzieller Gewaltsamkeit.

Sonntag, 15. November 2020

674

Selbst ausgewachsene UniversitätsprofessorInnen tappen gerne in die Pubertätsfalle. Sie halten das, was sie wahrnehmen und interpretierend wiedergeben, für neu und einzigartig. Das ist es aber nur für sie. Nicht an sich.

673

Selbstbeobachtung: Dekadenz kann ich besser ertragen als Dummheit.

Mittwoch, 11. November 2020

672

Es ist hilfreich, sich gelegentlich an die Herkunft der modernen Wissenschaft zu erinnern. Sie ist auch und gerade geboren aus dem Bemühen, der schwächelnden (christlichen) Religion aufzuhelfen. Darin ist sie gescheitert. Stattdessen hat sie den Platz der Religion eingenommen. Geblieben ist ihr eine strukturelle Ähnlichkeit: Sie ist bestrebt (wie einstmals die Religion), dem Wirklichen das Wahre zu entnehmen, die Wahrheit aus dem Wirklichen herauszulesen.