Aber: Nicht wenige sehen sich derzeit vor Fragen gestellt,
die sie sich bislang noch nicht gestellt haben. Sie haben nicht vorgesorgt für Zeiten wie diese. Und nun fehlen ihnen Antworten,
ihnen fehlen sogar alle Mittel, sich halbwegs tragfähigen Antworten anzunähern.
Also geht man hektisch Hamstern in den Discountern populärer Meinungen.
Dienstag, 24. März 2020
609
Vor einigen Tagen mit einer guten Freundin telefoniert, Theologin
in Zürich. Wir waren uns einig: Nicht eine einzige theologische oder
philosophische, nicht eine einzige wirklichkeitsinterpretatorische Frage stellt
sich derzeit neu oder anders.
608
Ein Votum des Vizegouverneurs von Texas, Dan Patrick, machte heute die Runde. Er fordert von den älteren Bürgern (also von den durch die Corona-Pandemie besonders bedrohten Gruppen) die Bereitschaft, sich notfalls für das eigene Land zu opfern. Sich selbst schließt Patrick dabei ausdrücklich ein. Im deutschen Netzt erntet er für seine Forderung einen Aufschrei der Empörung.
Abgesehen davon, dass derartige Überlegungen unvermeidbar sind, sobald die Metapher des Krieges bemüht wird: Patricks Votum legt den Finger in das nervöse Zentrum der Lage, in die die Politik sich und uns nun hineinmanövriert hat. Vielleicht nicht jetzt, aber irgendwann werden wir vor der Wahl stehen: Wollen wir den Zusammenbruch des Systems riskieren, oder sind wir zur Sicherung des Systems bereit, auf eine (unproduktive und kostenträchtige) Minderheit zu verzichten? Der Befehl des absolutistischen Ökonomismus, unter dem wir existieren, ist an dieser Stelle eindeutig. Noch hält ein anderer, moralischer Absolutismus dagegen. Aber dieser Absolutismus hat in Zeiten des Toilettenpapiermangels eine verschwindend kurze Halbwertzeit.
Ich habe kürzlich (Nr. 600) formuliert, das Corona-Virus ließe sich nicht unmittelbar moralisieren. Das bedeutet nicht, dass es gar nicht möglich wäre. In den vergangenen Tagen ist dies sogar in atemberaubender Geschwindigkeit geschehen. Nicht diejenigen stehen nun am moralischen Pranger, die die Pandemie tatsächlich oder vermeintlich verschuldet haben (hier ist eine Identifizierung ja tatsächlich kaum möglich). Am Pranger stehen jene, die sich als politisch widerspenstig erweisen, die die Ausgangsbeschränkungen der Politik missachten: #staythefuckathome.
Von diesem nun ausgemachten Feind ist der Weg nicht weit zu jenem, der sich wider alle Massenvernunft nicht bereit zeigt, zum Zwecke des Überlebens und des Wohlstandes der Vielen die notwendigen Opfer zu bringen.
Montag, 23. März 2020
607
Der neu gewählte Vorsitzende des Sachverständigenrats, Lars Feld, weist gestern in einem Interview darauf hin, dass der gegenwärtige Zustand wirtschaftlich nicht länger als drei Monate durchzuhalten sei. Und dann ein folgenschwerer Satz zur kommenden medizinischen Strategie: „Irgendwann werden wir zu einer personalisierten Isolierung übergehen müssen“. Anders formuliert: Man wird die Infizierten in Lagern absondern müssen (wobei man für Lager sicher einen freundlicheren Begriff erfinden wird). Damit die Gesunden draußen überleben und weiter funktionieren können. Der Absolutismus des Überlebens kann sich nur als gnadenlos erweisen.
606
Kaum ein Text vermag uns deutlicher vor Augen zu führen, was künftig von uns gefordert sein könnte, als der gestern kurz zitierte Rechenschaftsbericht Bonhoeffers Nach zehn Jahren. Deshalb habe ich ihn hier nun in voller Länge hinterlegt.
Bonhoeffer schließt den Text mit der Frage: Sind wir noch brauchbar? Die Frage, die sich uns nun aufdrängt: Werden wir uns als brauchbar erwiesen haben?
Bonhoeffer schließt den Text mit der Frage: Sind wir noch brauchbar? Die Frage, die sich uns nun aufdrängt: Werden wir uns als brauchbar erwiesen haben?
Sonntag, 22. März 2020
605
Bonhoeffer in seinem Rechenschaftsbericht Nach zehn Jahren an der Wende zum Jahr 1943: „Die große Maskerade des Bösen hat alle ethischen Begriffe durcheinander gewirbelt. Daß das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist für den aus unserer tradierten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend; für den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Bestätigung der abgründigen Bosheit des Bösen.“
Abgründig sind vor allem jene Bösen, die das Gute zu exekutieren glauben. Wir werden in der nächsten Zeit begabte und mutige Apokalyptiker brauchen. Begabt sind nicht jene, die Katastrophen prophezeien und sich daran ergötzen. Begabt sind jene, die das Böse hinter dem Schleier des Guten zu entdecken und aufzudecken vermögen. Heute, in Zeiten globaler Infektion, verbirgt sich das Böse hinter dem Schleier des Überlebensnotwendigen.
Samstag, 21. März 2020
604
Zwei kurze Beobachtungen zu den öffentlichen Auftritten von Kirchenrepräsentanten in diesen Tagen.
Das stille Gebet dieser Repräsentanten scheint zu sein: Gott, erhalte mir mein Gottesbild! Und sorge bitte dafür, dass niemand merkt, wie dürftig dieses Bild doch im Grunde ist.
Und: Kirche und Kirchenrepräsentation sind tatsächlich nichts anderes mehr als Funktion. Man funktioniert mit. Wie alle anderen auch.
603
In der NZZ mittlerweile online verfügbar: der Kommentar Agambens zur Lage in Italien (hier hinter Paywall) Der Text formuliert – bei aller Frag- und Kritikwürdigkeit – einige meiner eigenen Anfragen, gerade an das, worauf wir nun politisch und gesellschaftlich zusteuern. Daher gebe ich ihn hier ungekürzt wieder:
Freitag, 20. März 2020
602
Heute zwei kurze Gedanken – unmittelbar vor den nun doch beschlossenen Ausgangsbeschränkungen in Bayern.
Zunächst: Man mag die übereilte politische Eskalation der vergangenen Tage befragen, man mag sie sogar als totalitären Akt begreifen. Und doch gilt es in diesem Moment, die nun not-wendige Rolle zu spielen und in der not-wendigen Rolle auszuharren. Derzeit verlangt die ins Totalitäre abkippende Politik ja lediglich, vorübergehend in unseren Wohnräumen zu verbleiben.
Dann: Von allen Seiten wird nun Solidarität eingefordert. Repräsentativ aufgeladene Begriffe wie dieser sind mir fremd. Reservatives Füreinanderdasein im Hier und Jetzt meint etwas anderes. Dazu habe ich hier schon Vieles angedeutet. In unserer konkreten Lage meint reservative Praxis vor allem, die eigene Existenz der Existenz des Anderen nicht zur Last werden zu lassen, den anderen Existierenden, soweit unter Wirklichkeitsbedingungen möglich, nicht durch die eigene Existenz zu belästigen. Das gilt für die Begegnung im öffentlichen Raum, noch viel mehr aber wohl für die Begegnung im eigenen Wohnraum – dort, wo wir jetzt alle mehr oder weniger zusammengepfercht sind.
Donnerstag, 19. März 2020
601
Nachtrag zu Nr. 593: In der NZZ kürzlich (hier hinter Paywall) eine treffende Replik Slavoj Žižeks auf den Totalitarismus-Vorwurf Giorgio Agambens gegenüber der italienischen Corona-Politik. Mit guten Gründen klagt Žižek notwendige Differenzierungen ein. Das ist richtig und wichtig. Genauso richtig und wichtig, wie der Verzicht auf voreilige Böswilligkeitsannahmen. Aber: Wir müssen uns künftig sorgfältiger denn je davor hüten, uns an die schützend-kuscheligen Behaglichkeiten totalitärer Politik zu gewöhnen.
600
Der wahre Feind der offenen, gerade auch der ins Globale hinaus offenen Gesellschaft: das sind nicht jene, die uns heute wieder an muffige Gültigkeiten binden wollen, die keine Bindungskraft mehr haben und deren Verbindlichkeiten wir gar nicht mehr wollen können. Gegen die Stumpfheit dieses Feindes haben wir geeignete Mittel in der Hand.
Erster Nachgedanke: Der neu zu beobachtende Versuch der Religiösen, in der gegenwärtigen Krise Parallelen herzustellen zur frommen Pest-Literatur des Mittelalters, kann heute nicht mehr verfangen. Wir können nicht mehr anders, als die Corona-Ausbreitung als tatsächliche Kausalität wahrzunehmen. Nicht als metaphysische.
Der wahre Feind der offenen Gesellschaft: das ist das unsichtbar bedrohlich Unverfügbare, das der Wirklichkeit als Natur innewohnt, das uns, wenn es erscheint, in unserer Hilflosigkeit zusammenzucken und in übertriebene, weil schutzverheißende Schließungen zurückweichen lässt. Besonders gefährlich sind jene Unverfügbarkeiten, die sich nicht unmittelbar moralisieren lassen – wie einst das HI-Virus. Hier fehlt uns selbst die normative Handhabe.
Erster Nachgedanke: Der neu zu beobachtende Versuch der Religiösen, in der gegenwärtigen Krise Parallelen herzustellen zur frommen Pest-Literatur des Mittelalters, kann heute nicht mehr verfangen. Wir können nicht mehr anders, als die Corona-Ausbreitung als tatsächliche Kausalität wahrzunehmen. Nicht als metaphysische.
Zweiter Nachgedanke: Zweifellos werden wir Idee und Praxis global geöffneter Gesellschaften überdenken müssen. Das Jenseits darf aber keine wieder geschlossene Gültigkeitsgesellschaft sein. Anempfehlen können sich möglicherweise neue, quasi-nomadische Existenzformen, neue Überschaubarkeiten und Beweglichkeiten (siehe auch Nr. 339). Mit allen Wohlfahrts- und Wohlstandsverlusten, die damit verbunden sein werden (was sich aus der Behaglichkeit unserer eigenen Lage allzu leicht anschauen und zumuten lässt).