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Freitag, 13. Dezember 2019

558

Gestern eine dieser ritualisierten Jahresabschlussreden. Darin ein immer wiederkehrender Leitspruch, der dem Porzellanfabrikanten und Politiker Philip Rosenthal zugeschrieben wird: „Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.“
Der Absicht des Zitierten kaum entsprechend, wurde dieser Leitspruch gestern im Sinne einer eher schlichten Motivations- und Selbstoptimierungsformel aus dem Coaching-Handbuch verwendet. Wird der Ausspruch Rosenthals tatsächlich so verstanden, dann kann man durchaus sagen: Die tragische (gerade auch christlich provozierte) Verirrung abendländischer Kultur in einem Satz. Der Höhepunkt dieser Verirrung dann am Ende der Rede: Dem Aufruf zum unausgesetzten Fortschritt folgte die Klage über die Rastlosigkeit gegenwärtiger Gesellschaft, die Klage darüber, dass kein Advent, kein Ankommen mehr möglich sei.
Wie kann man, wenn man halbwegs intellektuell redlich bleiben will, einerseits den unausgesetzten, letztlich sinnentleerten Fortschritt predigen, zugleich aber Kultur und Gesellschaft beschuldigen, nicht mehr innehalten zu können?

Sonntag, 8. Dezember 2019

557

Kein Ruf, der an den Einzelnen ergeht, lässt sich universalisieren. Es lässt sich jedoch so etwas wie eine Universalität des Gerufenseins denken, eine Universalität des aufhebenden und überwindenden, des verungültigenden Gerufenseins der Einzelnen. Die weltwirklich entscheidende Frage lautet: Ist diese unmögliche Möglichkeit politisierbar?

556

Es gibt keinen Fortschritt im Denken. Es gibt lediglich einen Verlust möglicher Interpretationen.

Samstag, 7. Dezember 2019

555

Derzeit halte ich mich häufig an Bahnhöfen und Flughäfen auf. Dabei streife ich in Wartezeiten gerne durch die dort ansässigen Bücher- und Zeitschriftenläden. Beim Blick über die Buchtitel und Überschriften fällt mir auf: Die apokalyptischen Zuspitzungen und Überzeichnungen haben Konjunktur, gleichzeitig die dramaturgisch aufbereiteten Rezepte und Konzepte. Zeichen der Zeit. Wie lässt sich in diese Krisen- und Lösungshysterie die reservative, nachhaltig beruhigende Hoffnung hineintragen? Ich weiß es nicht. Für Reservation gibt es keine Rezepte, keine Konzepte. Reservation geschieht, ereignet sich. Oder eben auch nicht.

554

Es ist wieder – gerade im beruflichen Kontext – die Zeit für Rückblicke und Ausblicke. Es ist nicht zuletzt auch wieder die Zeit für motivierende Belobigungen (ein Schelm, wer ökonomische Absichten dahinter vermutet).
Man kann immer nur hoffen, dass beide Seiten – die Belobigenden und die Belobigten – sehr genau wissen, dass hier nicht mehr geschieht, als ein Ritual zu pflegen. Man kann nur hoffen, dass niemand dem Glauben aufsitzt, hier ginge es um etwas Substanzielles, dem irgendetwas Verbindliches anhaften würde oder das man als verbindlich, als verbindend wahrnehmen dürfte.

Donnerstag, 5. Dezember 2019

553

Was hat mir die reservative Haltung, die reservative Interpretation, den reservativen Glauben ermöglicht: Die erschütternde Erfahrung des unendlichen Aufschubs der innerwirklichen Erfüllung einer messianischen Verheißung. Dann aber auch die ernüchternde Erfahrung der Ungenießbarkeit, ja der Nichtigkeit dessen, was sich mir als weltwirklicher Ersatz, als Surrogat des Verheißenen angeboten hat.
Beiden Erfahrungen, in denen sich ja im Grunde genommen die beiden zentralen geschichtlichen Erfahrungen des Christentums widerspiegeln, habe ich mich gestellt, weder der einen noch der anderen bin ich ausgewichen, aus beiden Erfahrungen habe ich die interpretatorischen und lebenspraktischen Konsequenzen gezogen. Dies allerdings im Unterschied zum Christentum und seinem modernen Säkularisat. Dies auch im Unterschied zu vielen religiösen und säkular-religiösen Mitmenschen, die mir bekannt und zum Teil vertraut sind. Wer reservativ denken und leben will, der muss beides lassen, loslassen: die mögliche Weltwirklichkeit messianischer Verheißungen, aber auch die mögliche Zuflucht zu weltwirklichen Surrogaten – welcher Art diese auch immer sein mögen.

Dienstag, 3. Dezember 2019

552

Wenn ich eine erste, nachdrückliche Erinnerung aus dem mitnehme, was nun meine Aufgabe ist, dann ist es wohl diese: Unser Wissen ist immer Bruchstück, ist immer Fragment. Nicht zuletzt unser Wissen über Menschen. Menschen sind wie die Wirklichkeit selbst: Sie bergen zahllose Überraschungen in sich. Manche Überraschungen sind erfreulich, viele aber auch erschreckend. Das bedeutet: Nicht nur unser Wissen, sondern damit zugleich auch unsere Urteile (über Menschen) sind immer bloß Bruchstück, können nie mehr sein.

Sonntag, 24. November 2019

551

Vermehrt denke ich derzeit darüber nach, wie Menschen sein, wie sie beschaffen, wozu Menschen in der Lage sein müssen, die unter gegenwärtigen Bedingungen politische oder politisch relevante Positionen besetzen. Zweifellos brauchen wir hier mehr denn je Menschen der Entscheidung und Tat. Letztlich zählt gerade auch politisch nur dies: die Tat. Dringender denn je brauchen wir jedoch in politischen oder politisch relevanten Positionen Menschen, deren Entscheidung und Tat ein Warten ist. Wir brauchen Menschen, deren Entscheidungen und Taten nicht bloß Funktionen ihrer selbst oder des politischen Systems sind. Wir brauchen politische Menschen, die fähig sind, zu sich selbst und zu den Funktionen des politischen Systems innerlich (interpretatorisch) auf maximale Distanz zu gehen, aus dieser Distanz heraus zu entscheiden – und dann das und nur das zu tun, was Not tut, alles andere jedoch zu lassen. Wir brauchen Menschen der politischen Entscheidung und Tat, die sich allem, was nicht Not tut, kraftvoll verweigern können.
Was dem entgegen steht: Menschen dieser Beschaffenheit sind selten. Und: Nahezu alle politischen Auslesesysteme, die wir etabliert haben, spülen Menschen auf politische oder politisch relevante Positionen, die anders beschaffen sind. Menschen, die so beschaffen sind, dass sie möglichst perfekt den Mechanismen des politischen Systems entsprechend funktionieren.

Samstag, 23. November 2019

550

Kein Allgemeines vermag das Einzelne aufzunehmen. Und kein Einzelnes vermag sich in ein Allgemeines einzufügen. Das ist die Unmöglichkeit, die unter anderem das Politische zu überwinden versucht. Dieser Versuch des Politischen ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Was wir im Politischen wollen, ist grundsätzlich unmöglich. Der bescheidene Ansatz jedes Politischen muss daher sein: das Unmögliche halbwegs handhaben.

549

„Man kann und darf das letzte Wort nicht vor dem vorletzten sprechen“ (Dietrich Bonhoeffer). Zunächst ein Satz wie ein banaler Kalenderspruch, zur beliebigen Interpretation freigegeben. Tatsächlich aber eine bittere Diagnose: Im Weltwirklichen haben wir nur vorletzte Worte. Das letzte Wort ist kein Wirklichkeitswort, kein Wort, das wirklich sein könnte. Im Wirklichen steht uns kein letztes Wort zur Verfügung. Noch nicht einmal am offenen Grab.
Das ist das Nichts, mit dem sich auch Karl Barth konfrontiert sah. Seine (ganz moderne) Antwort: Konstruktion einer positiven Als-ob-Religion. Formulierung eines fiktiven letzten Wortes, damit überhaupt etwas Positives, etwas Gültiges zu sagen bleibt. Barth hätte die Unsagbarkeit des Letzten besser noch eine Weile schweigend und leidend erduldet. Er war dem Wort der Ungültigkeit wieder sehr nahegekommen (Römerbriefkommentar). Und seine Zeit hätte des Ungültigkeitswortes dringend bedurft.