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Freitag, 18. Januar 2019

436

Frei nach Luther: Weltwirklicher Erfolg ist eine Gunst Gottes für jene, die im Weltwirklichen an das Weltwirkliche verloren sind.

Nachgedanke: Im Weltwirklichen an das Weltwirkliche verloren sind nicht selten gerade die Frommen im Lande. Nicht etwa nur die Frommen, die fromm sind aus niederen Beweggründen. Gerade auch die Frommen, die fromm sind aus religiöser Überzeugung. Von Herzen. Mit Hingabe.

Donnerstag, 17. Januar 2019

435

Eine der tiefsten Kränkungen, die das Denken zufügt, ist die unausweichliche Depotenzierung und Relativierung des Selbst.

Mittwoch, 16. Januar 2019

434

Luftballon-Nena, das durchgeknallte Streifenhörnchen meiner Jugendzeit, macht jetzt Werbung für Penny – als (Vorsicht: Marketing-Sprech) Nachhaltigkeits-Testimonial. Früher oder später assimiliert das System Jede und Jeden. Oder richtiger: Früher oder später offenbart sich, dass Jede und Jeder immer schon Funktion des Systems ist. Auch jene, die sich gerne als das Andere verstehen und präsentieren. Sie integriert das System, indem es ihnen den Platz eines vermeintlich Anderen zuweist und sie damit ruhig stellt. Dieses Andere steht aber gar nicht außerhalb des Systems, sondern ist lediglich eine seiner Funktionen. Im Fall Nena ist das vermeintlich Andere die Natürlichkeit, vermeintlich realisierbar durch das vermeintlich Andere der Nachhaltigkeit.

Sonntag, 13. Januar 2019

433

Der nächste Bestimmungsversuch. Eine wesentliche Eigentümlichkeit des jesuanischen, noch mehr des paulinischen, noch viel mehr des reservativen Messianismus: Er hält dazu an und befähigt dazu, auf nichts mehr hinaus zu wollen. Mehr noch: Er hält dazu an und befähigt dazu, mit dem auf nichts mehr hinaus zu wollen auf nichts mehr hinaus zu wollen.

Donnerstag, 10. Januar 2019

432

Heute früh, kurz nach sechs. Knapp 30 Zentimeter Neuschnee. Beim Schneeschaufeln Begegnung mit dem Nachbarn, einem älteren Herrn. Wie es so üblich ist – ich lasse eine erstaunte Bemerkung zur Schneemenge fallen. Der Mann brummt leise. „Das war früher ganz normal“, sagt er und geht zurück ins Haus.
Einen Moment überlege ich, was der Mann wohl denkt, wie alt ich sei, und natürlich – was meint er mit früher? Vor allem aber: Was wollen (ältere) Menschen wie er anderen (jüngeren) Menschen mit solchen Sätzen eigentlich sagen? Dass früher alles besser war? Oder schlechter? Dass man früher mehr zu lachen hatte? Oder mehr zu leiden? Jedenfalls scheint sich in solchen Sätzen eine Art Selbstbefestigung auszudrücken, verbunden mit einem deutlichen Impuls zur Selbstabgrenzung, nicht selten wohl auch zur (romantisierenden) Selbstüberhebung.

Dienstag, 8. Januar 2019

431

Am vergangenen Wochenende Wintereinbruch in Südbayern. Es soll auch in den kommenden Tagen weiter schneien.

Sonntag, 6. Januar 2019

430

Hiobs Theologie: Gott gibt sich selbst dadurch die Ehre, dass er es den Zumutungen der Weltwirklichkeit (und ihrer Götter) nicht gestattet, den Glauben Hiobs zu überwinden. Sein und Existenz sind theatrum gloriae dei. Max Weber bezeichnet diese Theologie als rationale Lösung des Theodizee-Problems. Tatsächlich hat diese Theologie ihre ganz eigene Rationalität. Allerdings eine Rationalität, die zu maximaler Entselbstung herausfordert – begriffen als maximale Unabhängigkeit vom natürlichen Selbst.

Dienstag, 1. Januar 2019

429

Angenehm an Festtagen und -zeiten ist mir vor allem die nachträgliche Beseitigung ihrer Spuren. Die Rückkehr zur Schlichtheit und Selbstverständlichkeit des Alltäglichen.
Unangenehm an Festtagen und -zeiten ist mir vor allem die nachträgliche Unsichtbarkeit ihrer Spuren. Ihre Restlosigkeit angesichts der Banalität und Mechanik des Alltäglichen.

Sonntag, 23. Dezember 2018

428

Kaum zu glauben, aber ich habe durchaus auch einen Zugang zum Traditionellen, sogar zum Ästhetischen. Baum und Krippe, beides schmückt auch in unserer Familie alljährlich zu Weihnachten das Wohnzimmer. Weniger aus symbolischen, eher aus traditionellen und ästhetischen Gründen. Allerdings stehe ich auch dafür, die Brüchigkeit dieser Gründe bewusst zu halten, Brüche in diese Gründe bewusst einzufügen.

Samstag, 22. Dezember 2018

427

Aldi-Einkauf. Während ich meinen Einkaufswagen auf den Eingang zuschiebe, verlässt ein Mann mittleren Alters den Discounter. Phänotypisch erinnert er stark an Slavoj Žižek. Seine äußere Erscheinung lässt intuitiv vermuten, dass er die vergangene Nacht im Schlafsack unter irgendeiner Brücke verbracht hat und dass er nach seinem Einkauf dorthin zurückkehren wird. Er trägt ein hellblaues T-Shirt mit weißer Aufschrift: „Denken ist wie saufen. Nur krasser.“ Der Mann ist mir spontan sympathisch und vertraut. Er trägt sein Shirt wohl kaum aus modischen oder humoristischen Gründen. Eher ist der weiße Satz auf blauem Grund ein geradezu existenzielles Bekenntnis. Wahrheit und Hilferuf zugleich. Mit der Flut möglicher Analogien, die sich darin verbergen, ließen sich viele Seiten füllen. Denken – mehr noch als saufen ein aus Verzweiflung geborener Sturz in den Ab-Grund. Und manchmal hilft allein der kalte Entzug.