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Mittwoch, 11. Juli 2018

394

Messianische, paulinische, reservative Mündigkeit ist nicht jene Mündigkeit, die uns gegenwärtig als solche vorgeführt wird: Mündigkeit im Sinne von Authentizität, von Identität mit sich selbst. Reservative Mündigkeit meint vielmehr maximale Inauthentizität, maximale Selbstentfremdung, maximale Differenz zu sich selbst, zur eigenen Natur, zur Natur an sich – von Jesus beispielhaft demonstriert an der Überwindung des ius talionis und an der praktischen Feindesliebe (Mt 5,38–48), von Paulus beispielhaft demonstriert an der Rücksichtnahme auf die Schwäche der Schwachen (1 Kor 8 und 10,23–33).
Reservativ mündig ist nicht, wer Selbst ist, wer seiner Natur oder der Natur an sich Folge leistet. Mündig ist auch nicht, wer sich normativen (Kultur-) Systemen der Selbstdifferenzierung unterwirft. Mündig ist, wer weder mit sich selbst noch mit normativen Systemen identisch sein muss, wer sich selbst und normative Systeme vielmehr reservativ zu handhaben vermag.

Anmerkung 1: Es gibt eine Authentizität, die den Anschein der Mündigkeit erwecken kann. Natürliche Feigheit und natürliche Harmoniesucht lassen sich angesichts ihrer sichtbaren Konsequenzen durchaus als Feindesliebe interpretieren.

Anmerkung 2: Mir will die reservative Mündigkeit momentan überhaupt nicht schmecken, ich liege mit ihr im Streit. Wie gerne wäre ich derzeit schlicht unmündig, schlicht kindisch, schlicht authentisch, schlicht ich selbst. Dann würden Feinde und Schwache zumindest nicht unbelästigt den (vermeintlichen) Sieg davon tragen. Das Unbehagen an reservativer Mündigkeit hat viel mit Ohnmachtserfahrung zu tun. Die Macht reservativer Mündigkeit kann in einer Weltwirklichkeit der Gültigkeiten kaum als solche wahrgenommen werden.

Dienstag, 3. Juli 2018

393

In vertrauter Kommunikation unterläuft mir gelegentlich der immer gleiche Fehler: Ich gehe davon aus, dass mein Gegenüber genauso an Selbstaufklärung, an Aufklärung über sich selbst interessiert ist, wie ich es bin. Ich gehe davon aus, dass man nicht allein Teilnehmer seiner selbst, sondern immer zugleich auch Beobachter seiner selbst sein will, sich selbst halbwegs durchschauen will.
Aber das ist tatsächlich eine höchst naive Annahme. Und so kann es leicht vorkommen, dass ein gerade noch vertrautes Gespräch kippt. Dass sich mein Gegenüber plötzlich, durch irgendeine analytische Bemerkung, aufgeklärt fühlt, obwohl es gar nicht aufgeklärt werden will. Die Folge: Abbruch der Vertrautheit. Es gibt nicht viele, denen man die Gleichzeitigkeit von Teilnahme und Beobachtung zumuten kann.

Mittwoch, 6. Juni 2018

392

Im Netz bin ich heute auf eines dieser anregenden Interviews mit Slavoj Žižek gestoßen. Žižek trug dabei wieder einmal ein T-Shirt mit dem ihn und sein Denken repräsentierenden Motto Bartlebys: „I would prefer not to“. Ich habe viel Verständnis für dieses kritische politische Statement, und es kommt meinem eigenen, reservativen Statement durchaus nahe. Und doch gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen Žižeks prefer not to und meinem paulinischen als ob nicht. Das als ob nicht meint nicht (selbst)destruktive revolutionäre Verweigerung. Es meint vielmehr ein nicht-teilnehmendes Teilnehmen, ein nicht-mitmachendes Mitmachen, ein nicht-dabeiseiendes Dabeisein. Es meint Annahme und verungültigenden Gebrauch des hier und jetzt Vorfindlichen zugleich. Der Glaube, den diese Annahme und dieser Gebrauch voraussetzen, ist dem prefer not to fremd. Hinter dem Schein der revolutionären Theatralik des prefer not to verbergen sich Hoffnungs- und Hilflosigkeit.

391

Durch die normativen Rationalitäten, denen wir uns im modernen Rechtsstaat unterwerfen, wollen wir nicht zuletzt der dezisionistischen Politik entkommen. Wir wollen, dass Politik rational beschränkt und berechenbar, dass sie nicht despotisch und willkürlich ist.
Nun wird das Netzwerk der zahlreichen normativen Rationalitäten unter den Bedingungen des modernen Rechtsstaates allerdings immer dichter. Alles läuft darauf hinaus, dass alles schon entschieden ist. Alles ist rational entschieden, allerdings nicht angemessen, sondern allgemein. Alles ist rational entschieden, allerdings nicht kongruent, sondern widersprüchlich. Der rechtsstaatliche Dezisionismus will mittlerweile despotischer und willkürlicher erscheinen als jener Dezisionismus, den der Rechtsstaat zu überwinden versucht. Es gibt eine Despotie, es gibt eine Willkür der modernen Rationalisierung von Politik.

Sonntag, 27. Mai 2018

390

Bei Adrian McKinty gefunden: Trauern heißt Wissen. Wer am meisten weiß, muss am tiefsten trauern. Der Baum der Erkenntnis ist kein Baum des Lebens.
Der Mann hat nicht umsonst in Oxford Philosophie studiert. Alte biblische Weisheiten: Denn wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämen, und wer viel lernt, der muss viel leiden (Koh 1,18).

Samstag, 26. Mai 2018

389

Überzeugungen sind zumeist bloß Kenntnisdefizite.

Freitag, 25. Mai 2018

388

Überzeugend hat mir noch niemand erklären können, wie eine theologisch begründete Nachhaltigkeitsforderung und ein jesuanischer Verzicht auf die Sorge für den nächsten Tag (Mt 6,34) zusammen gedacht werden können. Nachhaltigkeit scheint mir eher Flucht zu sein. Nachhaltigkeit ist (wie vieles andere auch) ein positives christliches Surrogat für die (reservative) Interpretation und Handhabung der Welt durch die Annahme des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit hindurch (Mt 6,33). Es soll repräsentativ hergestellt werden, was reservativ gewissermaßen als Abfallprodukt zufallen würde.

387

Evangelische Theologie und Kirche (in Deutschland) verstehen ihr Verhältnis zum modernen bürgerlichen System gerne als kritische Solidarität. Kritik meint nun aber nicht, dass eine theologisch begründete existenzielle Distanz gewahrt wird zu diesem System – wie zu jedem anderen gesellschaftlichen und politischen System auch. Kritik meint vielmehr, dem bürgerlichen System in der Dramaturgie seiner Rationalitäten immer einen Schritt voraus zu sein, ihm in seinen Verengungen und Zuspitzungen gewissermaßen vorauseilend zu gehorchen. Theologie und Kirche sind heute also eher gelehrige Schüler des Systems, weniger dessen kritische Wächter.

Samstag, 19. Mai 2018

386

Kürzlich habe ich mich bei einer Einrichtung beworben, die für einen mir besonders fremden und heute wenig hilfreich erscheinenden Typus protestantischen Christentums steht. Und man hat mich tatsächlich eingeladen. Der Grund ist mir unbekannt, aber gewinnen wollte man mich sicher nicht. Das Bewerbungsgespräch war für mich eher unangenehm, was auch an meiner für alle spürbaren Zögerlichkeit und Oberflächlichkeit lag. In der Rückschau sehe ich immer deutlicher den Grund dafür: Ich bin grundsätzlich kein Meister der spontan treffenden Formulierung. Mein Denken benötigt immer Zeit. In diesem Falle aber musste ich mich auf nahezu jede Frage hin spontan innerlich verbiegen. Und so schnell, wie es nötig gewesen wäre, wollten mir die konkreten Halbwahrheiten und Verdrehungen einfach nicht in den Sinn kommen.

Freitag, 18. Mai 2018

385

Es gibt Menschen, die ihre äußere und innere Unansehnlichkeit durch überhebliches Gehabe zu tünchen versuchen. Das kann nicht gelingen. Ihr Dünkel macht sie bloß hässlicher.