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Sonntag, 10. April 2022

832

Lese gerade den Selbstnachruf von Harald Welzer, Buchgeschenk eines lieben mitdenkenden Freundes. Darin, grob gesagt, der Versuch, eine Kultur des Aufhörens vom Tod, vom Nichts her zu begründen. Ich empfinde große Sympathie für diesen Ansatz, so, wie ich auch große Sympathie empfinde für Agambens eschatologisch begründete Politik der Stilllegung.
Und doch will mir der jeweils angebotene Grund für Aufhören oder Stilllegung nicht wirklich überzeugend, nicht wirklich schlagend erscheinen. Von einem wie auch immer begriffenen Ende her denkend eröffnen sich grundsätzlich zwei Wege: der Weg der Askese und der Weg des Exzesses. Aber weder der eine noch der andere Weg (oder eine wie auch immer geartete Mischform) scheint mir vom Ende her unbedingt geboten zu sein. Welchen Weg wir präferieren und beschreiten, hängt wohl nicht zuletzt an unserer intellektuellen und emotionalen Gestimmtheit. Und nebenbei bemerkt: Auch diejenigen, die vom Ende her gedacht aufzuhören oder stillzulegen versuchen, bleiben letztlich doch negativ abhängig von dem, wovon sie eigentlich frei werden wollen: von der Welt selbst.
Nach wie vor bleibe ich daher bei meiner Annahme, dass das Nichts nicht ausreicht, um uns aus unserer funktionalistischen Weltgebanntheit herauszulösen. Wir brauchen die Fiktion einer zweiten Wirklichkeit (die nicht die christliche sein darf), eine Fiktion, auf die Welzer (und natürlich auch Agamben) ausdrücklich verzichten.

831

Das Übel jener Zeit, die wir in der christlichen Dramaturgie als Endzeit begreifen, ist weniger der Krieg, ist weniger das Kriegsgeschrei. Kriege und Kriegsgeschrei hat es immer und überall gegeben. Das Übel dieser Zeit liegt vielmehr in einer totalen Weltgebanntheit der Massen – ein Übel, für das in der spezifischen okzidentalen Erscheinungsform vor allem auch das Christentum selbst verantwortlich ist.

Montag, 28. März 2022

830

Jede Gleich-Gültigkeit frisst früher oder später ihre Kinder.

In jedem Recht, Individuum zu sein, verbirgt sich die Pflicht, anders zu sein, als andere.

In jeder Pflicht, anders zu sein, als andere, verbirgt sich das Verbot, so zu sein, wie andere.

Noch verbietet uns unsere Gleich-Gültigkeit lediglich die kulturelle Aneignung. Doch das ist erst der Anfang. Früher oder später wird sie versuchen, uns die individuelle Aneignung zu verbieten.

Spätestens dann werden wir nicht mehr wissen, was wir noch dürfen.

Das Recht auf Individualität entpuppt sich als das, was es im Kern ist: Seinsverbot.

Donnerstag, 17. März 2022

829

Zum Wahlsieg Donald Trumps habe ich im November 2016 formuliert (Nr. 206): „In Deutschland sind die Reaktionen auf Trumps Wahlsieg noch weitgehend von der säkularen Rationalität der Moderne und der darin gegebenen Fortschrittsannahme bestimmt. ‚Wir dachten, dass wir so etwas schon längst überwunden hätten, dass so etwas nicht mehr möglich wäre.‘ Nun – der deutschen Politik muss man wohl sagen: Haltet euch fest, woran auch immer. Das ist erst der Anfang.“
Nicht wenige gingen damals davon aus, dass es schlimmer kaum kommen könne. Der 24. Februar 2022 hat uns eines Anderen belehrt.

828

Kürzlich eine Frau in Nischni Nowgorod: Unbewegt und still hält sie ein weißes unbeschriftetes Plakat in die Höhe. Ein Nichts, das unübersehbar und unmissverständlich sein Urteil spricht. Unüberbietbares messianisches Symbol. Selbstverständlich wird die Frau verhaftet und abgeführt.

827

Eine Erinnerung: Wir sind nicht die Guten. Wir sind die Erfolgreichen, und wir sind die Wohlständigen. Aber weder dieses noch jenes sagt etwas aus über unsere Güte. Im Gegenteil. Erfolg und Wohlstand haben wir teuer erkauft. Durch ein Höchstmaß an Weltgebanntheit, durch ein Höchstmaß an Bosheit im ontologischen Sinne. Und dabei kommt diese Bosheit höchst moralisch daher. Unser Höchstmaß an Moral rechtfertigt unser Höchstmaß an Bosheit.

Sonntag, 13. März 2022

826

Sofern man sich überhaupt auf so etwas wie Werte stützt, sofern man sich überhaupt an etwas weltwirklich Substanzielles bindet, dem man – aus welchen Gründen auch immer – absolute Gültigkeit beizumessen bereit ist, so tut man gut daran, diese Gültigkeit weder zu universalisieren noch sie zu globalisieren. Sonst wird man sich spätestens an irgendeinem scharfen politischen Ende dieser Gültigkeit vor die Frage gestellt sehen, welchen Preis man dafür zu zahlen bereit ist, dass man ihr treu bleibt. Und der Preis für jede absolut gesetzte Gültigkeit kann streng genommen immer nur dieser sein: alles. Vom scharfen Ende her angeschaut, wird der Wahnwitz jeder Absolutsetzung von Gültigkeiten überdeutlich sichtbar. Auch der Wahnwitz eines absolut gesetzten Menschenrechts im Sinne einer geopolitischen Agenda.

Freitag, 4. März 2022

825

Es ist wieder Krieg in Europa. Was in dieser Lage auch gesagt werden muss, was derzeit leider nur von jenen gesagt wird, mit denen ich interpretatorisch und politisch nichts gemein habe: Die Politik des Westens ist wesentlich mitverantwortlich für die Bedingungen, unter denen sich dieser Krieg anbahnen konnte. Ursachen haben Wirkungen, und Wirkungen sind Ursachen für weitere Wirkungen. Russlands Krieg gegen die Ukraine ist auch eine Wirkung der moralgesättigten Expansionspolitik des Westens in den vergangenen 30 Jahren, einer globalen Genesungspolitik, die den Westen immer wieder in die selbst gestellte normative Falle hat tappen lassen, die zugleich aber in ihrer Selektivität immer auch merkwürdig und unübersehbar verwoben war mit handfesten Absichten nicht-normativer Art. 

Wenn sich nun, angesichts des Krieges in Europa, tatsächlich an unserer Sicherheits- und Verteidigungspolitik etwas ändern soll, dann scheint es mir geboten, nicht zuletzt von dieser Weltgenesungspolitik Abstand zu nehmen. Es wäre zuträglich, den interpretatorischen Zugang zu einer Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu suchen, die sich deutlich zurückzunehmen verstünde, die sich allein noch den Zweck setzen würde, die Existenz derjenigen defensiv zu sichern, für deren Existenzsicherung ihr unmittelbar Verantwortung übertragen wurde. Existenzsicherung müssten diese Politik und die dafür aufgestellten Streitkräfte dann aber auch robust und professionell gewährleisten können.
Eine Politik der defensiven Existenzsicherung hätte erhebliche Konsequenzen bis hinein in die Strukturen, nicht zuletzt auch bis hinein in das Selbstverständnis der Streitkräfte. Letztlich, darauf weise ich seit Jahren hin, wäre der Abschied von Bürgerarmee und Bürgersoldat unvermeidlich. Dieser Weg scheint mir derzeit jedoch noch versperrt zu sein. Gerade auch in der Führung der deutschen Streitkräfte finden sich noch allzu viele Köpfe, die die politische Welt durch eine im Kalten Krieg vorgezeichnete bürgerliche Schwarz-Weiß-Folie anschauen.

Ergänzender Hinweis: Es gibt Leid in dieser Welt, für das wir (militärisch) nicht zuständig sind, für das wir (militärisch) nicht allein deshalb verantwortlich sind, weil wir davon wissen und weil wir über die Mittel verfügen, es zu lindern.


Montag, 28. Februar 2022

824

Seit einigen Tage ist wieder Krieg in Europa. Russische Truppen haben die Ukraine auf breiter Front angegriffen und dringen tief in ukrainisches Staatsgebiet ein. Zu dem politischen Schauspiel, dem wir vor dem Hintergrund dieses Krieges beiwohnen dürfen, ließe sich manches sagen. Zum deutschen Schauspiel nur so viel: Nein, wir erleben gerade keine Zeitenwende. Und die Welt wird künftig keine andere sein, als sie es immer schon war. Es ist nur so, dass bei allzu vielen politischen Spielfiguren, gerade auch in Deutschland, die Entzauberung der Welt erst spät einsetzt, dies dann aber naturgemäß nur oberflächlich und flüchtig.

Zur vermeintlichen Kehrtwende der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik: Erneut ist die deutsche Politik darum bemüht, dem langsamen Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß (Max Weber) durch die Aufstockung von Etats auszuweichen. Was vor Jahren schon notwendig war, ist ein Neuansatz, der diesen Namen verdient. 2014 habe ich im Blick auf die Bundeswehr dazu einige Vorschläge formuliert (wiederholt und zusammengefasst in Nr. 285). Wir haben wichtige Jahre verloren.

Freitag, 18. Februar 2022

823

Nach wie vor arbeite ich an der paulinischen Konstellation von Katechon, Anomos und Messias in 2 Thess 2. Darauf verwende ich derzeit jede freie Minute – und davon gibt es leider nicht allzu viele. Der Text, den ich hier zusammenzufügen versuche, wird zunehmend das, was ich von ihm erwartet habe: eine weitere wichtige Aufklärung meiner Sache. Nicht zuletzt verschaffe ich mir neue Begriffe, die noch treffender bezeichnen, was ich anzeigen will. So kann ich nun endlich meine Christentumskritik auf einen einzigen Begriff bringen: Vergegenwärtigungsneigung. Das Wesen, zugleich das Verhängnis des Christentums ist seine Vergegenwärtigungsgeneigtheit. Was damit gemeint ist – dazu hier und an anderer Stelle später mehr.