Dienstag, 21. Dezember 2021
808
Endlich sitze ich noch einmal denkend am Schreibtisch. Meine mir selbst gestellte Aufgabe: Annäherung an einen eigenständigen, vor allem an Schmitt und Agamben anknüpfenden und sich zugleich von ihnen absetzenden Begriff des Katechon. Wenn irgendein Begriff der Tradition zuhanden ist, in den ich nahezu alles hineinlegen kann, was ich in therapeutischer und politischer Hinsicht zu sagen habe, dann ist es wohl dieser.
807
Entscheidend ist nicht, welche Bedeutung Begriffe haben. Entscheidend ist, welchen Gebrauch wir von ihnen machen.
Samstag, 18. Dezember 2021
806
Das Eigentümliche unseres Bewusstseins, insofern es Vernunft ist, liegt darin, dass es sich unausgesetzt etwas vornimmt, was unmöglich ist und unvermeidlich scheitern muss. Als Bewusstseinswesen können wir jedoch nicht hinter unsere Vernunft zurück, vielmehr sind wir auf sie geradezu angewiesen.
Das Klügste, was wir daher tun können, ist dies: die Vernunft unausgesetzt mit ihren eigenen Mitteln schlagen, sie unausgesetzt auch gegen sich selbst wenden. Kurz: nicht vernünftig sein, sondern Vernunft vernünftig handhaben.
Dienstag, 14. Dezember 2021
805
Ein lieber Mensch überreicht mir heute überraschend ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk: Groot aus dem 3D-Drucker. Da hat wohl jemand im Verlauf des Jahres irgendwann einmal aufmerksam zugehört.
Der kleine Kerl hat bereits seinen Platz auf meinem Schreibtisch eingenommen. Gleich neben der schwarzen Luther-Figur von Playmobil (siehe Nr. 193). Groot soll mich hier künftig an zweierlei erinnern (siehe Nr. 803). Zum einen: Jeder Begriff, den wir uns aneignen oder verschaffen, kann im Grunde genommen alles und nichts repräsentieren. Unseren Begriffen wohnt nichts Wesentliches inne. Zum anderen: Kommunizierend erzählen und interpretieren wir uns unablässig aneinander vorbei. Es gibt jedoch einige wenige Menschen, deren Gewordensein und Sosein die Voraussetzungen dafür mitbringen, dass wir uns ungeachtet aller unüberwindlichen Differenz kommunizierend nicht nur verständigen, sondern sogar annähern können. Diese Menschen gilt es zu hüten wie ein Kleinod.
Samstag, 11. Dezember 2021
804
In den vergangenen Wochen bin ich immer wieder durch Momente der Verärgerung hindurchgegangen. Verärgert war ich vor allem über mich selbst. Wer seiner Natur Raum lässt im Wirklichen, der wird nicht verhindern können, dass sich diese Natur hier und da verselbständigt, dass sie sich den Zügeln der Interpretation entzieht, dass sie ihren je eigenen Kausalitäten Folge leistet. Mit entsprechenden Folgen.
Was ich mir nun noch einmal dringend aneignen muss, ist Luthers robuste Gelassenheit. Pecca fortiter, sed fortius fide! Unter diesem Diktum lebend, müsste auch jeder Ärger über das sich Ereignende und über das daraus Werdende überwunden sein (siehe auch Nr. 140).
803
Kommunikation ist wichtig, unverzichtbar geradezu. Wir dürfen uns jedoch nicht täuschen: Auch kommunizierend nähern wir uns nicht dem an, was insbesondere nach Kant als Ding an sich bezeichnet wird. Wir können auch kommunizierend nicht das Wesen und damit die wesensmäßige Einheit der Dinge freilegen. Nicht, weil wir nicht dazu in der Lage sind, nicht, weil wir eine (göttliche) Grenze nicht zu überschreiten vermögen. Vielmehr deshalb, weil es so etwas wie das Ding an sich schlechtweg nicht gibt. Es gibt kein Wesen des Dings oder der Dinge, es gibt keine Einheit des Dings oder der Dinge. Das Wesen der Dinge, so müsste man uneigentlich sagen, ist nicht die Einheit, sondern die unendliche Differenz.
Was uns also kommunizierend gelingen kann, ist nicht etwa die Herstellung von Annäherung und Einheit, sondern allen- und bestenfalls die Moderation und Kanalisierung von Differenzen. Schon die Einsicht, dass niemand von uns mit seinen Interpretationen einem Ding an sich näher stehen kann als andere, dass wir uns in kommunikativer Begegnung lediglich interpretierend durch die Wirklichkeit bewegen können, im Wirklichen aber nie bei irgendeinem einigenden Ding oder Wesen ankommen werden – schon diese Einsicht müsste uns, so sollte man meinen, in ausreichendem Maße demütigen.
Freitag, 26. November 2021
802
In der vergangenen Woche wurde ich unfreiwilligerweise in eine dieser für mich so befremdlichen Gender-Debatten hineingezogen. Und weil sich meine (!) Gegenüber bislang noch nicht einmal im Ansatz mit meinem Denken beschäftigt hat, wurde mir meine Distanz zum populären Gender-Diskurs rasch als Selbstimmunisierung eines alten weißen Mannes ausgelegt, der seine abstrakten Anfragen nur deshalb formulieren kann, weil er aus einem privilegierten Status heraus argumentiert, den ihm vor allem sein Geschlecht ermöglicht hat. Aus guten Gründen habe ich das Gespräch möglichst rasch leer laufen lassen. Ich hätte meiner Gegenüber wohl sagen können: Tolle, lege! Aber das hätte ihr zu viel zugemutet. Noch.
In mir hinterlässt der kleine Disput vor allem zwei Wahrnehmungen: Zunächst ist mir der Kampfmodus völlig fremd, in dem derartige Debatten geführt werden. Ich streite nicht mehr über Gültigkeiten. Wie und warum auch? Und: In meiner Interpretation bleibt die durch Gleich-Gültigkeit hergestellte Gleichheit der Geschlechter weit hinter der Gleichheit zurück, die durch den Zugang der Gleich-Ungültigkeit möglich würde. Der Gleich-Gültigkeits-Gleichstellungsdiskurs verharrt im Schema der konfrontativen Anspruchsbehauptung. Der Gleich-Ungültigkeits-Gleichheitsdiskurs dagegen würde das eröffnen, was der aktuelle Gender-Krieg keinesfalls und niemals ermöglichen wird: eine veränderte Form der willentlichen Zuwendung und Gemeinschaft ganz unabhängig auch vom Geschlecht.
801
Zu Nr. 779: So unangenehm wie Wertschätzung und Dankbarkeit, so unangenehm sind mir Geschenke. Sowohl in der Rolle des Gebenden, noch viel mehr aber in der Rolle des Empfangenden.
In meiner Interpretation repräsentiert ein Geschenk eine willentliche personale Beziehung. Ohne willentliche personale Beziehung ist ein Geschenk überflüssig oder gar unpassend, irreführend oder heuchlerisch ausgehändigter Repräsentant des Nichts.
Soll sich dagegen im Geschenk willentliche personale Beziehung ausdrücken, dann kann das Geschenk, wenn ich Gebender bin, nur völlig unzureichend darstellen, was ich geben will. Bin ich Empfangender, dann ist mir das Geschenk immer bloß kümmerliches Symbol für das, was ich an willentlicher personaler Beziehung erwarte. Erinnerung daran, dass ich nicht empfangen werde, was ich zu empfangen erhoffe.
Geschenke sind mir also unangenehm, weil sie für mich vor allem Repräsentanten des Schmerzes sind, den mir die unvermeidliche und unüberbrückbare personale Differenz zwischen Menschen bereitet. Geschenke bereiten mir Schmerzen, nicht Freude. Ausnahmen sind sehr selten.
800
Die Denkimpulse eines lieben muslimischen Freundes zu Nr. 798 veranlassen mich zu einigen kurzen ergänzenden Sätzen.
Samstag, 20. November 2021
799
Zu Nr. 729: Die in den vergangenen Monaten vollzogene Abkehr meines Denkens und Lebens vom Motiv der Postsäkularität, die gleichzeitige Hinwendung zum Motiv der Präkulturalität, lasst sich auch beschreiben als Abkehr vom Politischen bei gleichzeitiger Hinwendung zum Therapeutischen.
Nicht, dass damit das Politische irrelevant würde. Es bleibt relevant und zentral, jedoch bloß noch mittelbar.