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Montag, 23. März 2020

606

Kaum ein Text vermag uns deutlicher vor Augen zu führen, was künftig von uns gefordert sein könnte, als der gestern kurz zitierte Rechenschaftsbericht Bonhoeffers Nach zehn Jahren. Deshalb habe ich ihn hier nun in voller Länge hinterlegt.
Bonhoeffer schließt den Text mit der Frage: Sind wir noch brauchbar? Die Frage, die sich uns nun aufdrängt: Werden wir uns als brauchbar erwiesen haben?

Sonntag, 22. März 2020

605

Bonhoeffer in seinem Rechenschaftsbericht Nach zehn Jahren an der Wende zum Jahr 1943: „Die große Maskerade des Bösen hat alle ethischen Begriffe durcheinander gewirbelt. Daß das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist für den aus unserer tradierten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend; für den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Bestätigung der abgründigen Bosheit des Bösen.“

Abgründig sind vor allem jene Bösen, die das Gute zu exekutieren glauben. Wir werden in der nächsten Zeit begabte und mutige Apokalyptiker brauchen. Begabt sind nicht jene, die Katastrophen prophezeien und sich daran ergötzen. Begabt sind jene, die das Böse hinter dem Schleier des Guten zu entdecken und aufzudecken vermögen. Heute, in Zeiten globaler Infektion, verbirgt sich das Böse hinter dem Schleier des Überlebensnotwendigen.

Samstag, 21. März 2020

604

Zwei kurze Beobachtungen zu den öffentlichen Auftritten von Kirchenrepräsentanten in diesen Tagen.

Das stille Gebet dieser Repräsentanten scheint zu sein: Gott, erhalte mir mein Gottesbild! Und sorge bitte dafür, dass niemand merkt, wie dürftig dieses Bild doch im Grunde ist.

Und: Kirche und Kirchenrepräsentation sind tatsächlich nichts anderes mehr als Funktion. Man funktioniert mit. Wie alle anderen auch.

603

In der NZZ mittlerweile online verfügbar: der Kommentar Agambens zur Lage in Italien (hier hinter Paywall) Der Text formuliert – bei aller Frag- und Kritikwürdigkeit – einige meiner eigenen Anfragen, gerade an das, worauf wir nun politisch und gesellschaftlich zusteuern. Daher gebe ich ihn hier ungekürzt wieder:

Freitag, 20. März 2020

602

Heute zwei kurze Gedanken – unmittelbar vor den nun doch beschlossenen Ausgangsbeschränkungen in Bayern.

Zunächst: Man mag die übereilte politische Eskalation der vergangenen Tage befragen, man mag sie sogar als totalitären Akt begreifen. Und doch gilt es in diesem Moment, die nun not-wendige Rolle zu spielen und in der not-wendigen Rolle auszuharren. Derzeit verlangt die ins Totalitäre abkippende Politik ja lediglich, vorübergehend in unseren Wohnräumen zu verbleiben.

Dann: Von allen Seiten wird nun Solidarität eingefordert. Repräsentativ aufgeladene Begriffe wie dieser sind mir fremd. Reservatives Füreinanderdasein im Hier und Jetzt meint etwas anderes. Dazu habe ich hier schon Vieles angedeutet. In unserer konkreten Lage meint reservative Praxis vor allem, die eigene Existenz der Existenz des Anderen nicht zur Last werden zu lassen, den anderen Existierenden, soweit unter Wirklichkeitsbedingungen möglich, nicht durch die eigene Existenz zu belästigen. Das gilt für die Begegnung im öffentlichen Raum, noch viel mehr aber wohl für die Begegnung im eigenen Wohnraum – dort, wo wir jetzt alle mehr oder weniger zusammengepfercht sind.

Donnerstag, 19. März 2020

601

Nachtrag zu Nr. 593: In der NZZ kürzlich (hier hinter Paywall) eine treffende Replik Slavoj Žižeks auf den Totalitarismus-Vorwurf Giorgio Agambens gegenüber der italienischen Corona-Politik. Mit guten Gründen klagt Žižek notwendige Differenzierungen ein. Das ist richtig und wichtig. Genauso richtig und wichtig, wie der Verzicht auf voreilige Böswilligkeitsannahmen. Aber: Wir müssen uns künftig sorgfältiger denn je davor hüten, uns an die schützend-kuscheligen Behaglichkeiten totalitärer Politik zu gewöhnen.

600

Der wahre Feind der offenen, gerade auch der ins Globale hinaus offenen Gesellschaft: das sind nicht jene, die uns heute wieder an muffige Gültigkeiten binden wollen, die keine Bindungskraft mehr haben und deren Verbindlichkeiten wir gar nicht mehr wollen können. Gegen die Stumpfheit dieses Feindes haben wir geeignete Mittel in der Hand.
Der wahre Feind der offenen Gesellschaft: das ist das unsichtbar bedrohlich Unverfügbare, das der Wirklichkeit als Natur innewohnt, das uns, wenn es erscheint, in unserer Hilflosigkeit zusammenzucken und in übertriebene, weil schutzverheißende Schließungen zurückweichen lässt. Besonders gefährlich sind jene Unverfügbarkeiten, die sich nicht unmittelbar moralisieren lassen – wie einst das HI-Virus. Hier fehlt uns selbst die normative Handhabe.

Erster Nachgedanke: Der neu zu beobachtende Versuch der Religiösen, in der gegenwärtigen Krise Parallelen herzustellen zur frommen Pest-Literatur des Mittelalters, kann heute nicht mehr verfangen. Wir können nicht mehr anders, als die Corona-Ausbreitung als tatsächliche Kausalität wahrzunehmen. Nicht als metaphysische.

Zweiter Nachgedanke: Zweifellos werden wir Idee und Praxis global geöffneter Gesellschaften überdenken müssen. Das Jenseits darf aber keine wieder geschlossene Gültigkeitsgesellschaft sein. Anempfehlen können sich möglicherweise neue, quasi-nomadische Existenzformen, neue Überschaubarkeiten und Beweglichkeiten (siehe auch Nr. 339). Mit allen Wohlfahrts- und Wohlstandsverlusten, die damit verbunden sein werden (was sich aus der Behaglichkeit unserer eigenen Lage allzu leicht anschauen und zumuten lässt).

Mittwoch, 18. März 2020

599

Der Bundespräsident hat den Bürgern für ihren Weg durch die kommenden Tage eine Botschaft mitgegeben. Drei Sätze dieser Botschaft erscheinen mir bedenklich.

„Wir werden das Virus besiegen.“ Was dieser Satz eigentlich sagen soll: Wir haben die Wirklichkeit und den Lauf der Dinge im Griff. Ist aber nicht gerade dies die Vorstellung, die nun noch einmal nachdrücklich angegriffen wird? Nach dem Virus ist vor dem Virus. Und dann?

„Die Welt danach wird eine andere sein.“ Nein, die Wirklichkeit wird nach Corona – wenn es so etwas wie ein nach überhaupt geben kann – gerade so sein, wie vor Corona. Nur dem Anschein nach verfügbar. Nur dem Anschein nach formbar.

„In welcher Welt, in welcher Gesellschaft wir leben werden, hängt von uns ab.“ Ganz offensichtlich nicht. Was sich derzeit ereignet: Die Natur entzieht unseren (inzwischen globalisierten) Idealen politischer und sozialer Organisation die Voraussetzung. Offenbar ist es so: Leben geht vor Freiheit, Wohlergehen geht vor Offenheit. Wenn Leben und Wohlergehen bedroht sind (und dies nicht durch fremden Willen, sondern durch die Natur), dann sind Menschen sehr rasch bereit, ihre ideale Moralität über Bord zu werfen und stattdessen Unfreiheit und Abschließung geradezu einzufordern. Wer würde zum Beispiel in der gegenwärtigen Lage noch ernsthaft verlangen können, die Grenzen für Flüchtlinge offen zu halten?

Also: Zumindest beim Bundespräsidenten keine neue Demut, keine veränderte Interpretation von Welt in Sicht. Noch nicht.

Dienstag, 17. März 2020

598

Spannend zu beobachten, dass diejenigen, deren Beruf die Entscheidung ist, im Angesicht dessen, was wir Ereignis nennen können, sich als entscheidungsunfähig erweisen. Die einen verfügen, die anderen zögern sich zu Tode. Eine Entscheidung, die dem, was sich zeigt, angemessen wäre, wird so oder so verfehlt. Nimm den Entscheidern unserer Zeit die Sicherheiten ihrer sie üblicherweise stützenden Funktionalitäten (unter denen sie nur noch managen, nicht mehr entscheiden müssen), und sie stehen der Wirklichkeit unbeholfen gegenüber. Carl Schmitt sagt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. Tatsächlich, wirklich ist es anders: Im Ausnahmezustand zeigt sich, dass uns die Regel unserer Tage hat vergessen lassen, was souverän zu sein überhaupt meint. Wir haben die Souveränität verlernt.

597

Es gibt unhintergehbare Beschleunigungspunkte in der Eigendynamik politischer und sozialer Eskalation. Wenn diese Punkte einmal erreicht sind, dann ist es dem Einen nicht mehr möglich, sich der politischen und sozialen Verschärfung, die der Andere soeben beschlossen hat, noch zu verweigern. Dann ist das Entscheiden und Handeln des Einen nicht mehr durch die – wenn man so will – eigentlichen Reallagen geboten und gerechtfertigt, sondern durch die im Entscheiden und Handeln des Anderen subtil real gewordenen, eigentlich fiktionalen Reallagen. Jenseits derartiger Beschleunigungspunkte wird die Gefahr immer größer, dass sich anfängliche Menschenfreundlichkeit zur Menschenfeindlichkeit wendet.