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Sonntag, 15. Dezember 2019

561

Die zahllosen Gültigkeitsschlammschlachten in den sogenannten sozialen Netzwerken: Symptom auch für die anonymisierende Vermassung in der späten Moderne. Selten geht es in den Schlachten um eine mögliche Relevanz der jeweiligen Gültigkeiten selbst. Es geht vielmehr um die panisch behauptete Relevanz derjenigen, die mit letztlich beliebigen Gültigkeiten um sich werfen. Mit Gültigkeiten um sich werfend verschaffen sie sich selbst den Eindruck von Relevanz, von Sinn, Aufmerksamkeit und Einfluss.

Samstag, 14. Dezember 2019

560

Boris Johnson gewinnt in Großbritannien die Wahlen. Absolute Mehrheit. Der tatsächliche Brexit rückt damit in greifbare Nähe. Dazu ein Gedanke (siehe auch Nr. 113 und 329).

Freitag, 13. Dezember 2019

559

Der reservativ Existierende hat keine Meinung, keine Position im Sinne einer gefestigten Gültigkeitsbehauptung. Der reservativ Existierende hält sich offen für die Wahl im Augenblick, für die not-wendige Entscheidung.

558

Gestern eine dieser ritualisierten Jahresabschlussreden. Darin ein immer wiederkehrender Leitspruch, der dem Porzellanfabrikanten und Politiker Philip Rosenthal zugeschrieben wird: „Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.“
Der Absicht des Zitierten kaum entsprechend, wurde dieser Leitspruch gestern im Sinne einer eher schlichten Motivations- und Selbstoptimierungsformel aus dem Coaching-Handbuch verwendet. Wird der Ausspruch Rosenthals tatsächlich so verstanden, dann kann man durchaus sagen: Die tragische (gerade auch christlich provozierte) Verirrung abendländischer Kultur in einem Satz. Der Höhepunkt dieser Verirrung dann am Ende der Rede: Dem Aufruf zum unausgesetzten Fortschritt folgte die Klage über die Rastlosigkeit gegenwärtiger Gesellschaft, die Klage darüber, dass kein Advent, kein Ankommen mehr möglich sei.
Wie kann man, wenn man halbwegs intellektuell redlich bleiben will, einerseits den unausgesetzten, letztlich sinnentleerten Fortschritt predigen, zugleich aber Kultur und Gesellschaft beschuldigen, nicht mehr innehalten zu können?

Sonntag, 8. Dezember 2019

557

Kein Ruf, der an den Einzelnen ergeht, lässt sich universalisieren. Es lässt sich jedoch so etwas wie eine Universalität des Gerufenseins denken, eine Universalität des aufhebenden und überwindenden, des verungültigenden Gerufenseins der Einzelnen. Die weltwirklich entscheidende Frage lautet: Ist diese unmögliche Möglichkeit politisierbar?

556

Es gibt keinen Fortschritt im Denken. Es gibt lediglich einen Verlust möglicher Interpretationen.

Samstag, 7. Dezember 2019

555

Derzeit halte ich mich häufig an Bahnhöfen und Flughäfen auf. Dabei streife ich in Wartezeiten gerne durch die dort ansässigen Bücher- und Zeitschriftenläden. Beim Blick über die Buchtitel und Überschriften fällt mir auf: Die apokalyptischen Zuspitzungen und Überzeichnungen haben Konjunktur, gleichzeitig die dramaturgisch aufbereiteten Rezepte und Konzepte. Zeichen der Zeit. Wie lässt sich in diese Krisen- und Lösungshysterie die reservative, nachhaltig beruhigende Hoffnung hineintragen? Ich weiß es nicht. Für Reservation gibt es keine Rezepte, keine Konzepte. Reservation geschieht, ereignet sich. Oder eben auch nicht.

554

Es ist wieder – gerade im beruflichen Kontext – die Zeit für Rückblicke und Ausblicke. Es ist nicht zuletzt auch wieder die Zeit für motivierende Belobigungen (ein Schelm, wer ökonomische Absichten dahinter vermutet).
Man kann immer nur hoffen, dass beide Seiten – die Belobigenden und die Belobigten – sehr genau wissen, dass hier nicht mehr geschieht, als ein Ritual zu pflegen. Man kann nur hoffen, dass niemand dem Glauben aufsitzt, hier ginge es um etwas Substanzielles, dem irgendetwas Verbindliches anhaften würde oder das man als verbindlich, als verbindend wahrnehmen dürfte.

Donnerstag, 5. Dezember 2019

553

Was hat mir die reservative Haltung, die reservative Interpretation, den reservativen Glauben ermöglicht: Die erschütternde Erfahrung des unendlichen Aufschubs der innerwirklichen Erfüllung einer messianischen Verheißung. Dann aber auch die ernüchternde Erfahrung der Ungenießbarkeit, ja der Nichtigkeit dessen, was sich mir als weltwirklicher Ersatz, als Surrogat des Verheißenen angeboten hat.
Beiden Erfahrungen, in denen sich ja im Grunde genommen die beiden zentralen geschichtlichen Erfahrungen des Christentums widerspiegeln, habe ich mich gestellt, weder der einen noch der anderen bin ich ausgewichen, aus beiden Erfahrungen habe ich die interpretatorischen und lebenspraktischen Konsequenzen gezogen. Dies allerdings im Unterschied zum Christentum und seinem modernen Säkularisat. Dies auch im Unterschied zu vielen religiösen und säkular-religiösen Mitmenschen, die mir bekannt und zum Teil vertraut sind. Wer reservativ denken und leben will, der muss beides lassen, loslassen: die mögliche Weltwirklichkeit messianischer Verheißungen, aber auch die mögliche Zuflucht zu weltwirklichen Surrogaten – welcher Art diese auch immer sein mögen.

Dienstag, 3. Dezember 2019

552

Wenn ich eine erste, nachdrückliche Erinnerung aus dem mitnehme, was nun meine Aufgabe ist, dann ist es wohl diese: Unser Wissen ist immer Bruchstück, ist immer Fragment. Nicht zuletzt unser Wissen über Menschen. Menschen sind wie die Wirklichkeit selbst: Sie bergen zahllose Überraschungen in sich. Manche Überraschungen sind erfreulich, viele aber auch erschreckend. Das bedeutet: Nicht nur unser Wissen, sondern damit zugleich auch unsere Urteile (über Menschen) sind immer bloß Bruchstück, können nie mehr sein.