Mittwoch, 12. Juni 2019
488
Mit einem lieben muslimischen Freund bei Tee und Shisha das mögliche Verhältnis von Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis ausgelotet. In Calvins Bestimmungsversuch, in seinem berühmten Auftakt zur Institutio finden wir zueinander (was viel aussagt über die strukturelle Analogie zwischen calvinischem und muslimischem Denken). Der für mich entscheidende Satz Calvins: Erst dann fangen wir an, uns nach Gott, nach dem wirklichen Gott, nach der Gotteswirklichkeit auszustrecken, „wenn wir angefangen haben, uns selber zu missfallen“. Ein Satz, der im gerade auch christlich mitverursachten und christlich (nicht zuletzt protestantisch) nach wie vor beförderten „Zeitalter der Authentizität“ (Charles Taylor), im Zeitalter der Gier nach uneingeschränktem Gefallen am Selbst und nach unregulierter Realisierung des Selbst nicht deutlich genug in Erinnerung gerufen werden kann.
487
Nach einem Kurzbesuch in Tunis: Wer tatsächlich annimmt, (theologische oder philosophische) Interpretationen und deren öffentliche Verbreitung könnten (heute noch) den Lauf der Welt, den Gang der Dinge, die Interpretationsbewegungen von Menschen und Menschheit wirklich bewegen oder gar entscheidend steuern, dem empfehle ich einen längeren aufmerksamen Beobachtungsaufenthalt im Terminal eines gut frequentierten internationalen Flughafens. Wer hier halbwegs sensibel wahrnimmt, was da kommt, was da ist, was da unbeeindruckt und unbeeindruckbar weiterzieht, dem wird jede missionarische Illusion rasch vergehen.
486
Eintrag unter der Rubrik „Man begegnet sich immer zweimal im Leben“ (zu Nr. 301). Heute früh auf meiner Laufrunde, einige Kilometer liegen noch vor mir. Schon von Weitem sehe ich einen Mann auf mich zukommen. Es wird sich herausstellen, dass es der Unbekannte von damals ist. Als wir uns fast erreicht haben, lüftet er seinen Hut, strahlt mich fröhlich an und ruft mir erneut zu: „Wer an Christus glaubt, der hat das ewige Leben!“
„So ist es“, gebe ich, kurz bevor sich unsere Wege wieder trennen, lächelnd zurück – wohl wissend, dass sein und mein Verständnis der von ihm gebrauchten Formel nach wie vor inkompatibel ist. Aber nach wie vor scheint er seine Straße fröhlich (und für andere unschädlich) zu ziehen. Warum also über Interpretationen streiten?
Donnerstag, 6. Juni 2019
485
Zu Nr. 480: Der Begriff der Entscheidung ist diskreditiert – gerade auch in Deutschland. Entscheidungen werden verachtet, weil sie pflichtbestimmt sind, also einer rationalen Mechanik folgen. Entscheidungen werden verachtet, weil sie triebbestimmt sind, sich also nicht rational universalisieren lassen. Oder Entscheidungen werden verachtet, weil sie gar nicht bestimmt erscheinen, also willkürlich im Sinne von beliebig getroffen werden.
Jenseits des Nihilismus wird es eine der größten (politischen) Herausforderungen sein, einen Entscheidungsbegriff jenseits von Pflichtbestimmtheit, Triebbestimmtheit und Unbestimmtheit ausfindig zu machen – und diesen dann praktisch einzuüben.
484
Idealisten, auf ihre Weise oft auch Universalisten, kritisieren das Tun oder Unterlassen Einzelner gerne mit dem Alle-Argument: Wenn alle dieses oder jenes tun oder unterlassen würden, dann! Dann ließe sich die Katastrophe verhindern. Dann wäre das Heil wirklich möglich. Das Alle-Argument der Idealisten ist zumindest in dreifacher Hinsicht problematisch:
Es stützt sich auf eine ideale (gedachte) Wirklichkeit, die nicht und niemals Wirklichkeit ist.
Es birgt die Gefahr der unduldsamen Gewaltsamkeit gegenüber allen, die nicht alle sind oder sein wollen.
Es kann nicht wirklich darüber Auskunft geben, was tatsächlich Wirklichkeit würde, wenn alle dieses oder jenes tun oder unterlassen würden.
483
In unseren Interpretationen äußern sich auch unsere neuronalen Strukturen, auch – so könnte man vielleicht sagen – die neuronalen Abdrücke, die besonders unsere eindrücklichen Erfahrungen hinterlassen haben. Und nicht selten ist es wohl der Fall, dass wir mit unseren Interpretationen gerade unsere größten inneren Feinde zu bekämpfen versuchen.
Dienstag, 4. Juni 2019
482
Neulich einen Radiobeitrag gehört über Steve Jobs, insbesondere auch über seine spirituelle Beheimatung im Be Here Now von Ram Dass. Dieses Sein im Hier und Jetzt hat mit der reservativen Gegenwärtigkeit nichts gemeinsam. Im Gegenteil. Es ist totale Wirklichkeitsfunktion, totale Wirklichkeitsgefangenschaft, verborgen hinter dem Heiligenschein (pseudo)religiöser Transformationsverheißungen. Nicht zufällig gehört Jobs zu jenen Menschen, deren verlockende und faszinierende Wirklichkeitsschöpfungen uns kaum noch Alternativen, kaum noch Auswege lassen.
Montag, 3. Juni 2019
481
Auch in unserer eigenen, westlichen Kulturgeschichte gab es Zeiten, in denen Menschen in mehr oder weniger ritualisierter Weise sichtbar markiert wurden. Nicht selten waren damit Mündigkeit, (kriegerische) Leistungsfähigkeit oder soziale Stellung symbolisiert. Das, was heute als Piercing oder Tattoo modern ist, ist also wahrhaftig kein neues Phänomen. Es scheinen sich allerdings die Vorzeichen geändert zu haben. Mit dem sichtbaren Symbol soll wohl etwas kompensiert oder zumindest verborgen werden. Gelegentlich drängt sich geradezu der Verdacht auf: Je mehr äußerlich dranhängt, desto weniger ist drin. Je großflächiger und martialischer das sichtbare Symbol auf der Haut, desto dürftiger und enttäuschender der (zunächst) unsichtbare Mensch unter der Haut.
Sonntag, 2. Juni 2019
480
Jenseits des Nihilismus gibt es keine Gründe mehr. Nur noch Entscheidungen. Selbst der einzige mögliche Grund, der noch bleibt, selbst die Fiktion der Ungültigkeit, wird zum Grund allein durch Entscheidung. Durch Entscheidung, nicht durch Wahl. Jenseits des Nihilismus bleibt uns keine Wahl.
Samstag, 1. Juni 2019
479
Es ist vollbracht? Nichts ist jemals vollbracht im Wirklichen. Die Wirklichkeitsgeschichte, die Geschichte des Wirklichen, die Geschichte des Vorletzten geht weiter. Immer.