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Sonntag, 30. September 2018

411

Wer schützt uns vor den Wissenden der Kompetenzgesellschaft, die annehmen, mit ihren zusammengegoogelten Informationen seien sie tatsächlich in der Lage, etwas Treffendes über die Wirklichkeit und ihren Lauf auszusagen?

410

Das Verlangen ist stark, die Wirklichkeit möge der Interpretation lauthals widersprechen. Doch diesen Gefallen will sie mir nicht erweisen.

Sonntag, 23. September 2018

409

Die Religion beantwortet die Fragen der Weltwirklichkeit. Der Glaube dagegen ist Infragestellung der Weltwirklichkeit. Die religiöse Versuchung des Glaubens: Mit der Weltwirklichkeit zugleich die Gotteswirklichkeit infrage zu stellen. Damit fällt der Glaube allerdings in das Schema der Religion, in das Schema des Antwortens.

Mittwoch, 19. September 2018

408

Katechon und Anomos sind eins. Das ist der Schlüssel (Nr. 70). Das ist nicht zuletzt der Schlüssel zur Kritik der Moral und des Rechts, der Kritik auch jeder Metaphysik von Moral und Recht. Und das ist der Schlüssel zur Kritik des spezifisch christlichen Begriffs der Geschichte als Heilsgeschichte.

Donnerstag, 13. September 2018

407

Interpretationen, die aus Suche, nicht aus Neugierde geboren, die im engen Austausch mit der Existenz gewonnen, die geworden sind, lassen sich nicht wechseln oder ablegen wie Kleidungsstücke. Vor vielen Jahren hat mich ein alter katholischer Kirchenhistoriker vor meiner Weise, denkend zu leben und lebend zu denken, eindringlich gewarnt. Hinter bestimmte Erkenntnisse, so sagte er damals, kann man nicht mehr zurück. Er hat Recht behalten.

Freitag, 10. August 2018

406

Titelgeschichte der aktuellen GEO-Ausgabe: „Denk dich glücklich!“ Die sich selbst als solche bezeichnende Philosophin Rebekka Reinhard schreibt über Philosophie als wieder populär gewordene Lebenshilfe, als Kraftquelle, als Sinnstiftung in einer beschleunigten und sinnentleerten Zeit.

Mittwoch, 8. August 2018

405

Zu Nr. 397: Es ist entschieden. Abgabe, nicht Aufgabe. Nun liegen zwei Intuitionen im Streit, die repräsentative und die reservative. Auf dem Weg, den ich gegangen bin, habe ich mich zumindest dafür offen gehalten, dass der Weg sinnvoll sein, dass er und die mit ihm verbundenen Mühen sich lohnen könnten. Andererseits ist eine wesentliche Wirkung des beschrittenen Weges die radikale Dekonstruktion, zuletzt die Aufhebung und Überwindung von Sinn und Lohn. In gewissem Sinne kann die Konsequenz des Weges allein die Abkehr, die Freiheit von Sinn und Lohn sein. Dieser reservativen Intuition muss nun Raum, vielleicht sogar so etwas wie Lebensraum geschaffen werden.

404

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Versuch, sich selbst, wie man ist, zu handhaben, und dem Bemühen, aus sich selbst etwas zu machen, was man nicht ist.

403

Im Grunde genommen ist mein Denkweg nichts anderes als eine Auseinandersetzung mit der leitenden Hintergrundannahme des syllogismus practicus: Es gibt einen positiven Zusammenhang zwischen Glaube (im Sinne einer Interpretation) und Wirklichkeit (heute würde ich sagen: zwischen Evangelium und Gesetz). Das Geglaubte ist repräsentabel. Dass in einer bestimmten Weise geglaubt wird, hat bestimmte repräsentative Wirklichkeitswirkungen. Diese Annahme ist jedoch ebenso falsch, wie der syllogismus practicus selbst.

Dienstag, 7. August 2018

402

Seit gestern liegt eine Neuerscheinung auf meinem Schreibtisch, ein schmales Büchlein, in dem sich verschiedene Disziplinen auf einen Diskurs mit Otfried Höffe einlassen. Höffes Replik auf meinen eigenen Beitrag, eine (unausgesprochen) reservativ begründete Kritik des repräsentativen Liberalismus, ist respektvoll, zeugt aber deutlich von Unverständnis. Seine Gegenrede erinnert mich an Kuhns Idee des Paradigmenwechsels: Zwei Rationalitäten, die aus zwei sich ausschließenden Paradigmen geboren sind, sind inkommensurabel. Jeder Austausch muss misslingen, läuft unvermeidlich ins Leere, weil man sich in gewissem Sinne gar nichts (mehr) zu sagen hat. Verständigung unmöglich. Umso wichtiger erscheint es mir, sich selbst der Gefahren einer Abschließung der eigenen Rationalität bewusst zu bleiben und den Zugang offen zu halten für die immanenten Logiken alternativer Sprachspiele.