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Dienstag, 6. Januar 2026

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Habe mich zuletzt ein wenig im moralpsychologischen Diskurs orientiert, mir auch einen groben Überblick verschafft über das, was man mittlerweile unter dem Dach einer empirischen Ethik oder einer experimentellen Philosophie betreibt.

Hier hat sich seit der Jahrtausendwende eindrücklich viel bewegt. Und ungeachtet aller notwendigen Vorbehalte gegenüber dem Evidenz- oder gar Wahrheitsanspruch empirischer Wissenschaften (siehe Nr. 342, 349, 843), kann man doch vorsichtig und zumindest als Zwischenergebnis festhalten: Die sicheren Grundlagen oder Voraussetzungen dessen, was wir Moral nennen, auch dessen, was wir als Theorie der Moral, als Ethik begreifen, lassen sich kaum noch als solche behaupten. So deutet etwa vieles darauf hin, dass unsere eher deontologischen oder eher konsequentialistischen Präferenzen in der Ethik von zahlreichen nicht-moralischen Dispositionen, Prägungen oder Kontexten abhängen, die zufällig, vorgegeben und unverfügbar sind. Ethik erscheint so nicht mehr als Reflexionstheorie der Moral, sondern eher als Rechtfertigungsstrategie unseres gegebenen und gewordenen (moralischen) Selbst (was übrigens Kierkegaards Annahme bestätigt und zugleich subtil untergräbt, dass eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist – siehe Nr. 12, 449). Nicht weniger spannend ist die Beobachtung, dass Moral und Ethik keine verlässlichen Menschen hervorbringen, dass also eine bestimmte Moral oder eine bestimmte Ethik keine über die Zufallswahrscheinlichkeit hinausgehende Sicherheit dafür bieten, wie Menschen in konkreten Situationen tatsächlich handeln. Dabei unterscheiden sich Profis nicht von Laien. Moralisch gebildete und ethisch orientierte Menschen agieren nicht zuverlässiger nach moralischen oder ethischen Standards, als moralisch oder ethisch weniger aufgeklärte oder geübte Zeitgenossen.
Nun sehe ich bislang nicht, dass die moralpsychologische Forschung oder die empirische Ethik sich selbst der Gegenwartsgebanntheit ihres Blicks und der Gegenwartsbestimmtheit, damit der Relativität ihrer Forschungsergebnisse wirklich bewusst sind. Aber wie dem auch sei: Insgesamt lässt sich im Blick auf diese Ergebnisse aktuell und vorläufig sagen, dass die Moral, dass vor allem aber auch die Ethik als deren Reflexionstheorie nicht mehr als unabhängig gelten können von unzähligen Bedingungen und Bedingtheiten der jeweiligen Existenz. Das bedeutet zunächst: Moral und Ethik sind und bieten keine allgemeinen und verlässlichen Sicherheiten. Sie sind vielmehr höchst kontingent. Das bedeutet vor allem auch: Mit Moral und Ethik bemächtigen wir uns nicht der, vor allem nicht unserer eigenen Natur. Sie sind vielmehr selbst Erscheinungs- und Ausdrucksformen der, unserer Natur. Damit aber sind sie nicht Teil der Lösung, sondern vielmehr Teil unseres Problems.

Anmerkung: Die traditionelle Moralphilosophie, die professionelle normative Ethik kann versuchen, sich gegen die empirische Aufklärung durch die Moralpsychologie zu immunisieren. Und das tut sie selbstverständlich auch, indem sie sich in ihre geschlossenen und schlüssigen, zweifellos beeindruckenden Erzählungen zurückzieht. Damit demonstriert sie aber letztlich nichts anderes, als dass sie keinen Ausweg findet aus dem Gefängnis ihres je eigenen Sprachspiels. Damit bleibt sie aber vor allem auch irrelevant. Für den konkreten Menschen wie für das konkrete Hier und Jetzt.

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