Meine Ethik – noch einmal – steht immer unter dem in Nr. 1183 und früher angedeuteten Vorbehalt: Ich bediene mich einer mir fremden Rationalität in dekonstruktiver, letztlich messianischer Absicht. Insofern ist meine Ethik nicht messianisch (im herkömmlichen Sinne kann es eine messianische Ethik auch gar nicht geben). Sie ist aber das, was ich mit dem Begriff enthaltsam anzudeuten und zu befördern versuche (siehe Nr. 1165, 1192). Dazu weitere Klärungen.
Aus epistemischen und therapeutischen Gründen löst sich enthaltsame Ethik von der Behauptung eines unbedingten Gutes, auch von der Verwirklichung idealer Zustände. Sie lässt den Gedanken des Absoluten und den Gedanken des Heils fallen. Damit lässt sie auch das los, was angesichts unablässiger Differenzerfahrung unzufrieden sein lässt und unter Druck setzt, was zu Haltungen, Handlungen und Unterlassungen verleiten kann, die nicht wirklichkeitsangemessen und potenziell verletzend sind.
Aus epistemischen und therapeutischen Gründen beschränkt sich enthaltsame Ethik nicht auf die kritische Reflexion moralischer Normen. Sie distanziert sich vielmehr kritisch prüfend von jedem beliebigen Sollen, von jedem beliebigen natürlichen oder normativen Anspruch – er sei äußerer (Moral, Recht, Befehl) oder innerer Natur (Wert, Gewissen, Bedürfnis). Damit schützt enthaltsame Ethik vor Komplexitätsreduktion und Sollensfunktion, zugleich wiederum vor Haltungen, Handlungen und Unterlassungen, die nicht wirklichkeitsangemessen und potenziell verletzend sind.
Enthaltsame Ethik ist damit ein Ort, an dem wir zunächst – in den Grenzen dessen, was uns zugänglich und überschaubar ist – möglichst nüchtern ermitteln und anschauen, was der Fall ist, was wirklich ist. Dann versuchen wir hier zu formulieren, was zu tun, was wirklichkeitsangemessen ist. Dabei wird das Sollen, dabei werden die natürlichen und normativen Ansprüche nicht ignoriert. Das wäre unangemessen und ungeschickt. Auch alle äußeren und inneren Ansprüche sind das, was der Fall ist. Zu allem, was der Fall ist, bringt uns enthaltsame Ethik allerdings auf Distanz. Alles, was der Fall ist, wird angeschaut und eingeordnet. Um das vorzubereiten und zu ermöglichen, was als unabhängige und verantwortliche Entscheidung bezeichnet werden kann.
Unabhängige und verantwortliche Entscheidungen, die auf diese Weise zu unterscheiden und zu scheiden bemüht sind, lassen sich zugleich auch als mündige Entscheidungen begreifen. Diese Entscheidungen treffen wir nicht, weil wir sie aus diesen oder jenen Gründen treffen sollen. Wir treffen sie, weil wir sie als angemessene Antwort auf das, was der Fall, was wirklich ist, treffen wollen. Was zu tun ist, ist nicht mehr Antwort auf die Frage: Was soll ich tun? Was zu tun ist, antwortet vielmehr auf die Frage: Was will ich tun? Enthaltsame Ethik ist nicht mehr Ethik des Sollens, sondern Ethik des Wollens. Das Wollen dieser Ethik meint dabei nicht irgendein allgemeines, sondern das konkrete Wollen des Einzelnen. Enthaltsame Ethik ist nicht Ethik des Allgemeinen, sondern ausdrücklich Ethik des Einzelnen.
Unabhängige und verantwortliche Entscheidungen, die auf diese Weise zu unterscheiden und zu scheiden bemüht sind, lassen sich zugleich auch als mündige Entscheidungen begreifen. Diese Entscheidungen treffen wir nicht, weil wir sie aus diesen oder jenen Gründen treffen sollen. Wir treffen sie, weil wir sie als angemessene Antwort auf das, was der Fall, was wirklich ist, treffen wollen. Was zu tun ist, ist nicht mehr Antwort auf die Frage: Was soll ich tun? Was zu tun ist, antwortet vielmehr auf die Frage: Was will ich tun? Enthaltsame Ethik ist nicht mehr Ethik des Sollens, sondern Ethik des Wollens. Das Wollen dieser Ethik meint dabei nicht irgendein allgemeines, sondern das konkrete Wollen des Einzelnen. Enthaltsame Ethik ist nicht Ethik des Allgemeinen, sondern ausdrücklich Ethik des Einzelnen.
Als Kriterium eines mündigen vereinzelten Wollens erweist sich jedes der Kriterien der herkömmlichen Ethiken des Sollens als ungeeignet. Einer enthaltsamen Ethik angemessen ist eher ein möglichst schlichtes, bescheidenes und vor allem wirklichkeitsnahes Kriterium. Ich selbst bevorzuge und prüfe derzeit das Kriterium des Weiterlebens. Dabei verstehe ich dieses Kriterium weniger als harten Maßstab, mehr als unablässige Selbsterinnerung. Was auch immer ich tue oder unterlasse: Danach will ich weiterleben können. Ich will mit mir selbst weiterleben können. Ich will auch mit anderen weiterleben können, vor allem mit denen, die mir nahe sind. Ich will, dass gerade auch sie mit mir weiterleben können. Die unablässige Selbsterinnerung enthaltsamer Ethik könnte also diese sein: Ich will so handeln, dass mir ein Weiterleben möglich bleibt. Weiterleben meint hier ausdrücklich kein allgemeines, sondern mein eigenes Weiterleben. Und erwartet ist hier ausdrücklich kein gutes, sondern lediglich ein irgendwie mögliches Weiterleben.
Enthaltsame Ethik und ihr Kriterium wirken therapeutisch zunächst entlastend und vorbeugend. Die einer anspruchsvollen Ethik des Sollens systemisch innewohnende Differenz zwischen Erwartung und Erfahrung ist minimiert, entsprechend reduzieren sich die mit dieser Differenz verbundenen Spannungen und Risiken. Enthaltsame Ethik und ihr Kriterium wirken aber auch deutlich ernüchternd. Hier wird kein (vermeintlich) sicheres normatives Geländer geboten, an dem man sich festhalten, auf das man sich berufen könnte. Hier wird weder das Böse bekämpft noch das Gute realisiert. Die Verantwortung, die wir uns mit einer enthaltsamen Ethik aufbürden, kann sich nicht auf ein rechtfertigendes Drittes berufen, sie kommt auch nie und nirgendwo an. Die Verantwortung, die wir mit einer enthaltsamen Ethik von uns erwarten, ist unteilbar und unendlich.
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