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Mittwoch, 12. Februar 2020

589

Ein immer wieder irritierender und beunruhigender Gedanke: die Grenze unserer Sprache, oder allgemeiner: die Grenze unserer Bezeichnungen und Symbolisierungen könnte die Grenze des Wirklichen sein. All unser Wissenschaffen ist letztlich nichts anderes als der panische, auf Bemächtigung ausgerichtete Versuch, nichts, was wirklich sein könnte, im Unwirklichen (weil nicht bezeichneten, nicht symbolisierten) zu belassen. Was uns unser Wissenschaffen allerdings vor Augen stellt, ist nicht etwa Fülle des Wirklichen und möglich Macht über das Wirkliche, sondern Nichtigkeit des Wirklichen und tatsächliche Ohnmacht angesichts des Wirklichen.

588

Unsere jeweilige Moral ist (auch, vielleicht sogar ausschließlich) Ausdruck unserer jeweiligen Triebstruktur. Der Zweck dieses Ausdrucks kann grundsätzlich sein: Rechtfertigung oder Überwindung. Mit unserer Moral mühen wir uns (bewusst oder unbewusst) darum, unsere je eigene Triebstruktur zu entschuldigen oder zu bekämpfen.

Sonntag, 2. Februar 2020

Sonntag, 26. Januar 2020

586

Die Wirklichkeit kann in unserer Wahrnehmung zu einer quasi-metaphysischen Größe heranwachsen, sie kann sich – je nach Interpretation – zu einer negativen oder positiven, zu einer beängstigenden oder beglückenden Gottheit aufblähen. Davor muss man sich aufmerksam hüten.

585

Von Bewusstsein kann man erst dann sprechen, wenn das Bewusstseins sich seiner selbst bewusst wird, wenn es anfängt, sich von sich selbst zu distanzieren und sich kritisch anzuschauen. Vorher ist Bewusstsein eher ein (manchmal überaus wach erscheinender) Schlummer.

Mittwoch, 22. Januar 2020

584

Nietzsche, der Radikalnominalist, ist (wie später etwa auch Derrida) vernarrt, geradezu verliebt in Sprache. Nominalistische Entzauberung kann mit Sprachvergötterung einhergehen. Nach der reservativen Entzauberung von Sprache ist auch diese letzte repräsentative Tollheit vorbei. Reservativ bleibt zuletzt allein noch das Verstummen. Aber dann sogleich die Frage: Wie reservativ sprechen? „Wie nicht sprechen“ (Derrida), wie nicht sprechend sprechen? Auch hier: Es gibt keinen Ausweg aus dem repräsentativen Zirkel menschlich-bewusster Existenz. Es bliebt allein die reservative Handhabung des Repräsentativen, auch die reservative Handhabung von Sprache.

Sonntag, 19. Januar 2020

583

Darwins Entwicklungsidee: eine dieser säkularen Spätgeburten des Christentums. Schöpfung aus dem Nichts und prozesshaft errungene Weltheilung durch das Chaos der Sünde hindurch – das gleiche Schema, nur etsi deus non daretur. Auf einer bestimmten Abstraktionsebene der genealogischen Ideendiagnostik ist der Streit zwischen Kreationisten und Evolutionisten geradezu lächerlich.

582

Der sichtbare Gott erhört Gebet so zufällig und unberechenbar, dass der Sinn des Gebets überhaupt in Frage stehen muss. Der von mir erbetene Gang der Wirklichkeit tritt ein – oder nicht. Ob ich nun bete – oder nicht.

581

Vorhin beim winterlichen Spaziergang. Auf einem kleinen dunklen Auto ein kleiner schwarzer Schriftzug: Odin statt Jesus. Zunächst ein Kategorienfehler. Hier die Gottesidee Odin, dort die historische Person Jesus. Eine vergleichende Gegenüberstellung kann da nur ins Leere laufen. Gemeint ist wohl eher: Odin statt Christus. Also lieber die Gottesidee Odin als die Gottes(sohn)idee Christus. Nun. Dass die Gottes(sohn)idee des christlichen Christus nicht dauerhaft tragfähig ist und eine angemessene Handhabung des Weltwirklichen eher hindert als fördert – das würde ich durchaus unterschreiben. Aber die Gottesidee Odin als Alternative? In die damit geforderte Anschauung der Welt und in die praktischen Wirkungen dieser Anschauungen können wir doch heute nicht ernsthaft zurück wollen.

Freitag, 17. Januar 2020

580

Was mich zu Nietzsche auf Distanz bringt – einige wenige Sätze.

Nietzsche ist in seinem Vorstoß zu wirklichkeitsinterpretatorischer Redlichkeit und Nüchternheit allzu pathetisch, nicht selten euphorisch.

Nietzsche ist in seinem Streit wider die Metaphysik noch ganz Metaphysiker, in seinem Kampf wider den Idealismus noch ganz Idealist.

Nietzsche will letztlich nichts anderes, als die Tradition: die Um- und Überformung, die Transformation und Erneuerung der Natur, insbesondere der eigenen Natur. Dabei ist er bisweilen geradezu abstoßend selbstzentriert und selbstfixiert.

Insgesamt wird Nietzsche das Christentum, sein eigenes Christentum nicht los. Er bleibt ganz im Schema seines ärgsten Feindes.