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Mittwoch, 4. Dezember 2024

1065

Wenn wir fordern, andere mögen unsere Interpretation des Wirklichen teilen, dann müssen wir uns immer in Erinnerung rufen, dass wir so und nicht anders interpretieren, auch weil wir so sind wie wir sind. Andere sind anders und interpretieren entsprechend anders. Die Annahme also, andere wären in der Lage, so zu interpretieren wie wir selbst, gründet stets in einem Irrtum. Und die Annahme, man wäre sich mit anderen in irgendeiner Interpretation einig, ist unter Umständen eine geradezu gefährliche Illusion.

Dienstag, 3. Dezember 2024

Mittwoch, 27. November 2024

1063

Gladiator II. Die tapfere Annahme, die heroische Verheißung des Helden vor dem Kampf: We are not where death is. Where death is, we are not.
Eindrückliches Symbol des verzweifelten aber verfehlten und folgenschweren Überlebenskampfes der Gattung Mensch.
Dagegen die messianische Revolution der Denkungsart, die Revolution von Sein und Nicht-Sein, von Leben und Tod: Wo wir sind, da ist Tod. Wo wir nicht sind, da ist Leben.
Daher die paulinische Fiktion: Lebt, als ob ihr nicht lebtet. Sterbt, als ob ihr nicht stürbet.

1062

Demokratie muss man aushalten wollen. Und können.

Donnerstag, 21. November 2024

1061

Der Begriff der Differenz scheint mir angemessener zu sein als Begriff der Vielfalt. Weil hier die immer auch enttäuschende Entzauberung des Anderen als unpassendes Anderes einbegriffen ist. Und weil der Begriff der Vielfalt immer auch kosmologischen Charakter hat, weil mit ihm immer auch die harmonisierende Idee möglicher Einheit behauptet ist.

1060

Der marxistische Begriff der Entfremdung geht aus von einer möglichen, aber gestörten Identität von Produzierendem und Produkt. Über die sogenannte Generation Z ließe sich sagen, dass in ihr der Prozess der Entfremdung gewissermaßen zum Höhepunkt und Abschluss kommt. Allerdings wird hier die Entfremdung nicht mehr als schmerzhaft, sondern vielmehr als Befreiung empfunden. Das Band zwischen Produzierendem und Produkt wird in selbstentlastender Absicht bewusst durchtrennt.
Anders gewendet könnte man allerdings auch sagen, dass in dieser Generation die Entfremdung durch eine neue Identität von Produzierendem und Produkt aufgehoben ist. Dies, indem der Produzierende sich selbst zum Produkt macht. Das Produkt des Produzierenden der Generation Z ist allein noch sein Selbst.

Samstag, 19. Oktober 2024

1059

Das wesentliche Merkmal der sogenannten Generation Z ist wohl nicht ihre Neigung zum Müßiggang. Ihr wesentliches Merkmal ist ihre Existenz unter dem Diktat der Authentizität. Unter diesem Diktat verliert sie die Fähigkeit, in den für den Fortbestand unserer Kultur und ihrer ausdifferenzierten Sachbereiche notwendigen Rollen zu funktionieren. Bei Max Weber galt noch: „Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, – wir müssen es sein.“ Heute gilt: Wir müssen noch Berufsmenschen sein, – die uns folgende Generation kann es nicht mehr sein. Wenn man eine große diagnostische Linie ziehen wollte, dann müsste man wohl sagen: Das Christentum frisst heute seine säkularisierten Kinder.

1058

Selbstbehauptung oder Selbstaufklärung. Entweder – Oder. Beides ist nicht zugleich zu haben.

Freitag, 11. Oktober 2024

1057

Eine Notiz zu Joker: Folie à Deux. Der Film ent-täuscht im besten Sinne des Begriffs. Als Realität entspricht er nicht den Bildern, die man sich von ihm entworfen hat.
Was an dieser Ent-Täuschung amüsiert: Gerade sie ist das, was der Film bezeichnet. Die ent-täuschende Differenz zwischen Sein und Schein. Der Film zeigt den Wahn dessen, was wir Liebe nennen. Er inszeniert den Zwang des Scheins, den die Liebe erzeugt. Und er inszeniert den Zwang zum Schein, dem uns die Liebe unterwirft. Wir lieben nie das Sein selbst, sondern immer nur unser Bild des Seins. Und wenn das Bild verweht, wenn es sich auflöst und die Realität erscheint, dann verweht zugleich die Liebe. Das Reale jenseits der Bilder kann man nicht lieben.
Als ent-täuschender Film ist Joker: Folie à Deux schlechtweg großartig. Großartig als Ent-Täuschende sind vor allem auch Joaquin Phoenix und Lady Gaga. Unerbittlich demaskieren sie die Liebe. Und unerbittlich demaskieren sie zugleich das ent-täuschte Publikum.

Freitag, 4. Oktober 2024

1056

Wenn wir annehmen, Wirklichkeit sei eine Mannigfaltigkeit unausgesetzt sich wandelnder Relationen (siehe Nr. 1013, 1017), dann stellt sich vor allem auch die Frage nach der geeigneten Handhabung des Wirklichen noch einmal neu und anders.
Es mag dann durchaus nach wie vor entlastend und entängstigend erscheinen, wenn wir uns Zuverlässigkeiten entwerfen, wenn wir in Denken und Praxis Behausungen errichten und aufsuchen. Es muss uns allerdings bewusst sein und bleiben, dass alle erschaffenen Beständigkeiten und Stabilitäten immer schon im Vergehen begriffen sind. Was wir in Denken und Praxis haben, können wir immer nur noch so haben, als hätten wir es nicht.