Seiten

Mittwoch, 21. Dezember 2022

891

Ein junger Kamerad, es ist einer von den wenigen guten, fragt mich in seinen Worten um Rat, wie die Differenz zwischen vorgestellter und vorgefundener Wirklichkeit zu ertragen sei.
Auch wenn das Fass groß ist, dass er damit geöffnet hat, habe ich mich zunächst um eine kurze Antwort bemüht. Was ich zu sagen hatte, konnte er wohl so nicht erwarten, hat er vielleicht auch so gar nicht hören wollen. Unter anderem habe ich ihm geraten, etwas gegen seinen Idealismus zu unternehmen. Gerade auch dieser Rat hat sich für mich so angefühlt, als würde ich von ihm fordern, alles zu verkaufen, was er hat. Und mein junger Kamerad ist reich an dem, was er zu verkaufen hätte. Er ist reich an Idealismus.


Dienstag, 20. Dezember 2022

890

Bin in diesen Tagen, was selten geschieht, an einer Netflix-Mini-Serie hängen geblieben: „Ein Sturm zu Weihnachten“.

889

Kürzlich eine kleine Beobachtung in der samstäglichen Warteschlange beim Bäcker. Eine der Fachverkäuferinnen redet, etwas abseits der Theke stehend, lautstark auf eine ihrer Kolleginnen ein. Offenbar hatte es zuvor Beschwerden gegeben. Andere Kolleginnen scheinen nicht allzu gut mit ihr auszukommen. Mit Nachdruck und erhobener Stimme weist die Dame allerdings jeden Wunsch nach Änderung ihres Verhaltens zurück. Auch unter Verweis auf die unmöglichen Forderungen ihres Ex-Freundes (!) pocht sie darauf, sie sei nun einmal so, und sie wolle und werde sich auch nicht ändern.

Schon mehrfach ist mir die Dame – sie ist vielleicht 40 Jahre alt – an den vergangenen Samstagen aufgefallen, dann jedoch jeweils durch ihren unmittelbaren Umgang mit Kundinnen und Kolleginnen. Immer wieder ist sie mir unangenehm laut, aufdringlich, raumgreifend, übermäßig zuvorkommend oder übermäßig abweisend erschienen. Kurz bin ich nun versucht, sie darauf hinzuweisen, dass ihre Natur und ihre unbedingte Naturbehauptung sie unvermeidlich in die Einsamkeit hineintreiben werden. Angesichts des Wortgewitters, das mich ziemlich sicher erwarten würde, wähle ich jedoch das Schweigen.

Grundsätzlich erinnert mich die kleine Samstagsbeobachtung noch einmal daran, dass jeder Versuch, das Beieinander von Menschen auf Gültigkeiten zu gründen, immer nur misslingen kann. Gültigkeiten sind raumfordernd und raumgreifend, nötigen uns in Gemeinschaft immer und überall dazu, Räume abzustecken, zu behaupten oder gar konfrontativ zu erweitern. Die Folge: unendlicher Streit oder unendliche Einsamkeit.


Freitag, 16. Dezember 2022

888

Für mich ist meine Existenz interpretierte Wahrnehmung, für andere ist sie interpretierte Geschichte. Zwischen Wahrnehmung und Geschichte, zwischen dieser und jener Interpretation liegt ein unüberbrückbarer garstiger Graben.


Samstag, 10. Dezember 2022

887

Es ist ein Fehler zu denken, die öffentlich engagierten Egozentriker unserer Tage seien öffentlich engagierte Bürger. Idee und Wirklichkeit des Bürgerlichen stehen im Phänomen des öffentlichen Egozentrikers vor ihrem Ende. Jede repräsentative Idee bringt selbst auch jene Wirklichkeitsbedingungen hervor, die ihren Untergang befördern.



886

Kultur als Fortschritt im technischen Sinne hat uns vor allem physisch von der Natur entfremdet. Indem wir uns technischer Mittel bedienen, um Natur (leichter) zu bearbeiten, verlieren wir zahlreiche physische Fertigkeiten und Kräfte, derer wir zum Zwecke unmittelbarer Naturbearbeitung bedürfen. In einem nächsten technischen Fortschritt, im Bemühen um die Entwicklung künstlicher Intelligenz, arbeiten wir nun vor allem an einer (letzten) Entfremdung des Geistes von der Natur. Die eigentliche Bedrohung liegt dabei nicht darin, dass uns dieses Projekt über den Kopf wachsen, dass sich am Ende die Maschinen autonomisieren und die Herrschaft antreten könnten. Die eigentliche Bedrohung liegt darin, dass kostbare und unverzichtbare Fertigkeiten und Kräfte unseres Bewusstseins verkümmern werden. Durch die Entwicklung künstlicher Intelligenz werden wir nicht zu Sklaven der Maschinen, wir werden endgültig und unumkehrbar Sklaven des Wirklichen.


Mittwoch, 7. Dezember 2022

885

Nach einem erstaunlich erfreulichen Blockseminar mit Master-Studierenden zum Verhältnis von Glauben und Wissen, auf der Suche nach der möglicherweise haarfeinen Linie, die beide voneinander unterscheidet.

Dienstag, 6. Dezember 2022

884

Realisten, unabhängig davon, ob sie Wahrheit an der Oberfläche oder in der Tiefe, im Sichtbaren oder Unsichtbaren wähnen, folgen ihrem repräsentativen Glauben an Substanzen. Nominalisten dagegen erscheinen auf den ersten Blick aufgeklärter, nüchterner. Allerdings folgen auch Sie einem Glauben, dem nicht weniger repräsentativen Glauben an Kausalitäten und Funktionen. Beide Glaubensweisen sind auf unterschiedliche Weise gleichermaßen bindend erdverhaftet.

Montag, 5. Dezember 2022

883

In einem Buch von Don Winslow einem Satz von Stephen King begegnet: „If you don‘t have time to read, you don't have the time (or the tools) to write. Simple as that.“ Wer ausatmen will, muss zuvor einatmen.

Donnerstag, 1. Dezember 2022

882

Gelegentlich fragt man mich, ob ich glücklich sei. Mich irritiert diese Frage stets aufs Neue. Glück als Wirklichkeit verstehe ich als die auf Dauer gestellte Identität von vorgestellter und wahrgenommener Wirklichkeit. Angesichts der prinzipiellen Unmöglichkeit dieser Identität, angesichts der prinzipiellen Differenz von vorgestellter und wahrgenommener Wirklichkeit, ist mir das, was Glück genannt werden könnte, als Möglichkeit, als mögliche Wirklichkeit noch nicht einmal vorstellbar.