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Mittwoch, 18. März 2020

599

Der Bundespräsident hat den Bürgern für ihren Weg durch die kommenden Tage eine Botschaft mitgegeben. Drei Sätze dieser Botschaft erscheinen mir bedenklich.

„Wir werden das Virus besiegen.“ Was dieser Satz eigentlich sagen soll: Wir haben die Wirklichkeit und den Lauf der Dinge im Griff. Ist aber nicht gerade dies die Vorstellung, die nun noch einmal nachdrücklich angegriffen wird? Nach dem Virus ist vor dem Virus. Und dann?

„Die Welt danach wird eine andere sein.“ Nein, die Wirklichkeit wird nach Corona – wenn es so etwas wie ein nach überhaupt geben kann – gerade so sein, wie vor Corona. Nur dem Anschein nach verfügbar. Nur dem Anschein nach formbar.

„In welcher Welt, in welcher Gesellschaft wir leben werden, hängt von uns ab.“ Ganz offensichtlich nicht. Was sich derzeit ereignet: Die Natur entzieht unseren (inzwischen globalisierten) Idealen politischer und sozialer Organisation die Voraussetzung. Offenbar ist es so: Leben geht vor Freiheit, Wohlergehen geht vor Offenheit. Wenn Leben und Wohlergehen bedroht sind (und dies nicht durch fremden Willen, sondern durch die Natur), dann sind Menschen sehr rasch bereit, ihre ideale Moralität über Bord zu werfen und stattdessen Unfreiheit und Abschließung geradezu einzufordern. Wer würde zum Beispiel in der gegenwärtigen Lage noch ernsthaft verlangen können, die Grenzen für Flüchtlinge offen zu halten?

Also: Zumindest beim Bundespräsidenten keine neue Demut, keine veränderte Interpretation von Welt in Sicht. Noch nicht.

Dienstag, 17. März 2020

598

Spannend zu beobachten, dass diejenigen, deren Beruf die Entscheidung ist, im Angesicht dessen, was wir Ereignis nennen können, sich als entscheidungsunfähig erweisen. Die einen verfügen, die anderen zögern sich zu Tode. Eine Entscheidung, die dem, was sich zeigt, angemessen wäre, wird so oder so verfehlt. Nimm den Entscheidern unserer Zeit die Sicherheiten ihrer sie üblicherweise stützenden Funktionalitäten (unter denen sie nur noch managen, nicht mehr entscheiden müssen), und sie stehen der Wirklichkeit unbeholfen gegenüber. Carl Schmitt sagt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. Tatsächlich, wirklich ist es anders: Im Ausnahmezustand zeigt sich, dass uns die Regel unserer Tage hat vergessen lassen, was souverän zu sein überhaupt meint. Wir haben die Souveränität verlernt.

597

Es gibt unhintergehbare Beschleunigungspunkte in der Eigendynamik politischer und sozialer Eskalation. Wenn diese Punkte einmal erreicht sind, dann ist es dem Einen nicht mehr möglich, sich der politischen und sozialen Verschärfung, die der Andere soeben beschlossen hat, noch zu verweigern. Dann ist das Entscheiden und Handeln des Einen nicht mehr durch die – wenn man so will – eigentlichen Reallagen geboten und gerechtfertigt, sondern durch die im Entscheiden und Handeln des Anderen subtil real gewordenen, eigentlich fiktionalen Reallagen. Jenseits derartiger Beschleunigungspunkte wird die Gefahr immer größer, dass sich anfängliche Menschenfreundlichkeit zur Menschenfeindlichkeit wendet.

Sonntag, 15. März 2020

596

Man darf nicht vergessen, wo die totalitäre Corona-Politik ihren Anfang genommen hat: in China. Dort, wo die Politik ein Interesse daran hat, ihre totalitäre Struktur mit dem Schein von Fürsorglichkeit und Wohltätigkeit zu umgeben.

Samstag, 14. März 2020

595

Ernst-Wolfgang Böckenförde hat den modernen Rechtsstaat bekanntlich als gewagtes Experiment begriffen: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist“. In einem meiner früheren Texte habe ich aus verschiedenen Gründen die Annahme formuliert, Böckenfördes Diktum müsse neu gefasst werden: Der freiheitliche säkulare Rechtsstaat vernichtet die Voraussetzungen, von denen er lebt und deren Wirklichkeit er zu ermöglichen vorgibt.
Das scheint sich mir gegenwärtig zu bestätigen. Die gesellschaftliche, politische, ökonomische Wirklichkeit, in der wir leben, hat sich ihrer Voraussetzungen längst entledigt. Wenn nun die Kulturmaschine, der wir inzwischen dienen, in die Krise gerät, wenn sie auseinanderzufliegen droht, dann sind wir vollständig ins Leere geworfen. Wir haben keine Rückfallposition mehr, wir haben nichts mehr, worauf wir uns zurückziehen könnten. Weder die Einzelnen noch die Vielen.

594

Die Deutschen neigen (herkunftsbedingt) zu zwei existenzbestimmenden Absolutismen: zur Systemhörigkeit und zur Selbsthörigkeit. Die unter Nachkriegsbedingungen noch mögliche Atmosphäre des moderierenden Ausgleichs löst sich auf. Und nun taumeln wir einem neuen Krieg der Absolutismen entgegen. Noch ist es lediglich ein Krieg um Toilettenpapier und Seife.

Donnerstag, 12. März 2020

593

Die coronainduzierte politische Entmündigungspraxis, die wir gegenwärtig beobachten und deren Wirkungen wir zunehmend spüren, wird uns künftig alltäglich, wird uns selbstverständlich werden. Wir rutschen mit zunehmender Geschwindigkeit in die politische Ausnahme als Regel (Agamben). Und dies nicht etwa, weil böse Absichten dahinter stünden. Im Gegenteil. Die Motive sind aller Ehren wert.

Sonntag, 8. März 2020

592

In der zunehmenden Kontingenz und Aufgeregtheit unserer Gegenwart: Wo bleibt das beruhigende erschreckt nicht der Kirchen, die Erinnerung daran, dass dies unter Wirklichkeitsgesetzen alles so geschehen muss, dass es gar nicht anders geschehen kann (Mk 13)? Stattdessen aus dem Mund der Kirchenrepräsentanten nichts andere als wirklichkeitsverfallene Moralität.

591

Das Corona-Phänomen: In den vergangenen Tagen immer wieder Verärgerung über die öffentliche Panik, auch Verhöhnung der aufgescheuchten Massen. Dahinter steckt die in der Moderne ins gesellschaftliche und politische System integrierte irrige Annahme, das Einzelne und das Allgemeine ließen sich synchronisieren. Menschen folgen jedoch anderen Gesetzen als Menschenmassen. So etwas wie eine reflektierte Öffentlichkeit gibt es nicht (siehe auch Nr. 117, 267, 313).

Mittwoch, 4. März 2020

590

Ein vertrautes, auch mir vertrautes Phänomen, das ich nun, unter veränderten, wieder alten, alt bekannten Bedingungen, noch einmal intensiv wahrnehme: Die mir bisweilen geradezu bedrohlich erscheinende Dämpfung, Betäubung, Lähmung des Denkens durch das Leben. Ist es tatsächlich so: Wer lebt, kann nicht denken, wer denkt, kann nicht leben? Gerade für unsere funktionalistisch beschleunigte Existenz scheint das zuzutreffen.
Drei Wege bieten sich an. Zunächst: Rückzug aus dem Leben, Flucht ins Denken. Dann: Denkende Dauerrevolte gegen das Leben. Beide Wege haben sich mir selbst aus verschiedenen Gründen immer verschlossen. Mir ist immer nur ein dritter Weg geblieben: Die Suche nach einem Denken, das im Angesicht des jeweils gegebenen Lebens, das mitten im Leben stille halten und zugleich stille machen kann. Ein Denken, das im jeweils gegebenen Leben verharren kann und zugleich im Leben zu verharren, auszuharren befähig, ermächtigt.

Erster Nachgedanke: Nietzsche hat wohl recht deutlich gespürt, dass seine Lehrstücke vom Übermenschen, von der ewigen Wiederkehr und dem Willen zur Macht gerade dies nicht zu leisten vermögen – Denken und Leben zueinanderzuführen. Vor allem ein gestilltes Denken, das Stille mitten im Leben eröffnet, sucht man bei Nietzsche vergeblich.

Zweiter Nachgedanke: Der denkende Mensch mitten im Leben, und dies als allgemeine Erscheinung – das ist die vielleicht größte Illusion der aufgeklärten Moderne. Wer kann unter (spät)modernen Bedingungen überhaupt noch denken, ohne dafür vom Leben bestraft zu werden?