Sonntag, 15. März 2020
596
Man darf nicht vergessen, wo die totalitäre Corona-Politik ihren Anfang genommen hat: in China. Dort, wo die Politik ein Interesse daran hat, ihre totalitäre Struktur mit dem Schein von Fürsorglichkeit und Wohltätigkeit zu umgeben.
Samstag, 14. März 2020
595
Ernst-Wolfgang Böckenförde hat den modernen Rechtsstaat bekanntlich als gewagtes Experiment begriffen: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist“. In einem meiner früheren Texte habe ich aus verschiedenen Gründen die Annahme formuliert, Böckenfördes Diktum müsse neu gefasst werden: Der freiheitliche säkulare Rechtsstaat vernichtet die Voraussetzungen, von denen er lebt und deren Wirklichkeit er zu ermöglichen vorgibt.
Das scheint sich mir gegenwärtig zu bestätigen. Die gesellschaftliche, politische, ökonomische Wirklichkeit, in der wir leben, hat sich ihrer Voraussetzungen längst entledigt. Wenn nun die Kulturmaschine, der wir inzwischen dienen, in die Krise gerät, wenn sie auseinanderzufliegen droht, dann sind wir vollständig ins Leere geworfen. Wir haben keine Rückfallposition mehr, wir haben nichts mehr, worauf wir uns zurückziehen könnten. Weder die Einzelnen noch die Vielen.
594
Die Deutschen neigen (herkunftsbedingt) zu zwei existenzbestimmenden Absolutismen: zur Systemhörigkeit und zur Selbsthörigkeit. Die unter Nachkriegsbedingungen noch mögliche Atmosphäre des moderierenden Ausgleichs löst sich auf. Und nun taumeln wir einem neuen Krieg der Absolutismen entgegen. Noch ist es lediglich ein Krieg um Toilettenpapier und Seife.
Donnerstag, 12. März 2020
593
Die coronainduzierte politische Entmündigungspraxis, die wir gegenwärtig beobachten und deren Wirkungen wir zunehmend spüren, wird uns künftig alltäglich, wird uns selbstverständlich werden. Wir rutschen mit zunehmender Geschwindigkeit in die politische Ausnahme als Regel (Agamben). Und dies nicht etwa, weil böse Absichten dahinter stünden. Im Gegenteil. Die Motive sind aller Ehren wert.
Sonntag, 8. März 2020
592
In der zunehmenden Kontingenz und Aufgeregtheit unserer Gegenwart: Wo bleibt das beruhigende erschreckt nicht der Kirchen, die Erinnerung daran, dass dies unter Wirklichkeitsgesetzen alles so geschehen muss, dass es gar nicht anders geschehen kann (Mk 13)? Stattdessen aus dem Mund der Kirchenrepräsentanten nichts andere als wirklichkeitsverfallene Moralität.
591
Das Corona-Phänomen: In den vergangenen Tagen immer wieder Verärgerung über die öffentliche Panik, auch Verhöhnung der aufgescheuchten Massen. Dahinter steckt die in der Moderne ins gesellschaftliche und politische System integrierte irrige Annahme, das Einzelne und das Allgemeine ließen sich synchronisieren. Menschen folgen jedoch anderen Gesetzen als Menschenmassen. So etwas wie eine reflektierte Öffentlichkeit gibt es nicht (siehe auch Nr. 117, 267, 313).
Mittwoch, 4. März 2020
590
Ein vertrautes, auch mir vertrautes Phänomen, das ich nun, unter veränderten, wieder alten, alt bekannten Bedingungen, noch einmal intensiv wahrnehme: Die mir bisweilen geradezu bedrohlich erscheinende Dämpfung, Betäubung, Lähmung des Denkens durch das Leben. Ist es tatsächlich so: Wer lebt, kann nicht denken, wer denkt, kann nicht leben? Gerade für unsere funktionalistisch beschleunigte Existenz scheint das zuzutreffen.
Drei Wege bieten sich an. Zunächst: Rückzug aus dem Leben, Flucht ins Denken. Dann: Denkende Dauerrevolte gegen das Leben. Beide Wege haben sich mir selbst aus verschiedenen Gründen immer verschlossen. Mir ist immer nur ein dritter Weg geblieben: Die Suche nach einem Denken, das im Angesicht des jeweils gegebenen Lebens, das mitten im Leben stille halten und zugleich stille machen kann. Ein Denken, das im jeweils gegebenen Leben verharren kann und zugleich im Leben zu verharren, auszuharren befähig, ermächtigt.
Erster Nachgedanke: Nietzsche hat wohl recht deutlich gespürt, dass seine Lehrstücke vom Übermenschen, von der ewigen Wiederkehr und dem Willen zur Macht gerade dies nicht zu leisten vermögen – Denken und Leben zueinanderzuführen. Vor allem ein gestilltes Denken, das Stille mitten im Leben eröffnet, sucht man bei Nietzsche vergeblich.
Zweiter Nachgedanke: Der denkende Mensch mitten im Leben, und dies als allgemeine Erscheinung – das ist die vielleicht größte Illusion der aufgeklärten Moderne. Wer kann unter (spät)modernen Bedingungen überhaupt noch denken, ohne dafür vom Leben bestraft zu werden?
Mittwoch, 12. Februar 2020
589
Ein immer wieder irritierender und beunruhigender Gedanke: die Grenze unserer Sprache, oder allgemeiner: die Grenze unserer Bezeichnungen und Symbolisierungen könnte die Grenze des Wirklichen sein. All unser Wissenschaffen ist letztlich nichts anderes als der panische, auf Bemächtigung ausgerichtete Versuch, nichts, was wirklich sein könnte, im Unwirklichen (weil nicht bezeichneten, nicht symbolisierten) zu belassen. Was uns unser Wissenschaffen allerdings vor Augen stellt, ist nicht etwa Fülle des Wirklichen und möglich Macht über das Wirkliche, sondern Nichtigkeit des Wirklichen und tatsächliche Ohnmacht angesichts des Wirklichen.
588
Unsere jeweilige Moral ist (auch, vielleicht sogar ausschließlich) Ausdruck unserer jeweiligen Triebstruktur. Der Zweck dieses Ausdrucks kann grundsätzlich sein: Rechtfertigung oder Überwindung. Mit unserer Moral mühen wir uns (bewusst oder unbewusst) darum, unsere je eigene Triebstruktur zu entschuldigen oder zu bekämpfen.