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Sonntag, 8. März 2020

592

In der zunehmenden Kontingenz und Aufgeregtheit unserer Gegenwart: Wo bleibt das beruhigende erschreckt nicht der Kirchen, die Erinnerung daran, dass dies unter Wirklichkeitsgesetzen alles so geschehen muss, dass es gar nicht anders geschehen kann (Mk 13)? Stattdessen aus dem Mund der Kirchenrepräsentanten nichts andere als wirklichkeitsverfallene Moralität.

591

Das Corona-Phänomen: In den vergangenen Tagen immer wieder Verärgerung über die öffentliche Panik, auch Verhöhnung der aufgescheuchten Massen. Dahinter steckt die in der Moderne ins gesellschaftliche und politische System integrierte irrige Annahme, das Einzelne und das Allgemeine ließen sich synchronisieren. Menschen folgen jedoch anderen Gesetzen als Menschenmassen. So etwas wie eine reflektierte Öffentlichkeit gibt es nicht (siehe auch Nr. 117, 267, 313).

Mittwoch, 4. März 2020

590

Ein vertrautes, auch mir vertrautes Phänomen, das ich nun, unter veränderten, wieder alten, alt bekannten Bedingungen, noch einmal intensiv wahrnehme: Die mir bisweilen geradezu bedrohlich erscheinende Dämpfung, Betäubung, Lähmung des Denkens durch das Leben. Ist es tatsächlich so: Wer lebt, kann nicht denken, wer denkt, kann nicht leben? Gerade für unsere funktionalistisch beschleunigte Existenz scheint das zuzutreffen.
Drei Wege bieten sich an. Zunächst: Rückzug aus dem Leben, Flucht ins Denken. Dann: Denkende Dauerrevolte gegen das Leben. Beide Wege haben sich mir selbst aus verschiedenen Gründen immer verschlossen. Mir ist immer nur ein dritter Weg geblieben: Die Suche nach einem Denken, das im Angesicht des jeweils gegebenen Lebens, das mitten im Leben stille halten und zugleich stille machen kann. Ein Denken, das im jeweils gegebenen Leben verharren kann und zugleich im Leben zu verharren, auszuharren befähig, ermächtigt.

Erster Nachgedanke: Nietzsche hat wohl recht deutlich gespürt, dass seine Lehrstücke vom Übermenschen, von der ewigen Wiederkehr und dem Willen zur Macht gerade dies nicht zu leisten vermögen – Denken und Leben zueinanderzuführen. Vor allem ein gestilltes Denken, das Stille mitten im Leben eröffnet, sucht man bei Nietzsche vergeblich.

Zweiter Nachgedanke: Der denkende Mensch mitten im Leben, und dies als allgemeine Erscheinung – das ist die vielleicht größte Illusion der aufgeklärten Moderne. Wer kann unter (spät)modernen Bedingungen überhaupt noch denken, ohne dafür vom Leben bestraft zu werden?

Mittwoch, 12. Februar 2020

589

Ein immer wieder irritierender und beunruhigender Gedanke: die Grenze unserer Sprache, oder allgemeiner: die Grenze unserer Bezeichnungen und Symbolisierungen könnte die Grenze des Wirklichen sein. All unser Wissenschaffen ist letztlich nichts anderes als der panische, auf Bemächtigung ausgerichtete Versuch, nichts, was wirklich sein könnte, im Unwirklichen (weil nicht bezeichneten, nicht symbolisierten) zu belassen. Was uns unser Wissenschaffen allerdings vor Augen stellt, ist nicht etwa Fülle des Wirklichen und möglich Macht über das Wirkliche, sondern Nichtigkeit des Wirklichen und tatsächliche Ohnmacht angesichts des Wirklichen.

588

Unsere jeweilige Moral ist (auch, vielleicht sogar ausschließlich) Ausdruck unserer jeweiligen Triebstruktur. Der Zweck dieses Ausdrucks kann grundsätzlich sein: Rechtfertigung oder Überwindung. Mit unserer Moral mühen wir uns (bewusst oder unbewusst) darum, unsere je eigene Triebstruktur zu entschuldigen oder zu bekämpfen.

Sonntag, 2. Februar 2020

Sonntag, 26. Januar 2020

586

Die Wirklichkeit kann in unserer Wahrnehmung zu einer quasi-metaphysischen Größe heranwachsen, sie kann sich – je nach Interpretation – zu einer negativen oder positiven, zu einer beängstigenden oder beglückenden Gottheit aufblähen. Davor muss man sich aufmerksam hüten.

585

Von Bewusstsein kann man erst dann sprechen, wenn das Bewusstseins sich seiner selbst bewusst wird, wenn es anfängt, sich von sich selbst zu distanzieren und sich kritisch anzuschauen. Vorher ist Bewusstsein eher ein (manchmal überaus wach erscheinender) Schlummer.

Mittwoch, 22. Januar 2020

584

Nietzsche, der Radikalnominalist, ist (wie später etwa auch Derrida) vernarrt, geradezu verliebt in Sprache. Nominalistische Entzauberung kann mit Sprachvergötterung einhergehen. Nach der reservativen Entzauberung von Sprache ist auch diese letzte repräsentative Tollheit vorbei. Reservativ bleibt zuletzt allein noch das Verstummen. Aber dann sogleich die Frage: Wie reservativ sprechen? „Wie nicht sprechen“ (Derrida), wie nicht sprechend sprechen? Auch hier: Es gibt keinen Ausweg aus dem repräsentativen Zirkel menschlich-bewusster Existenz. Es bliebt allein die reservative Handhabung des Repräsentativen, auch die reservative Handhabung von Sprache.

Sonntag, 19. Januar 2020

583

Darwins Entwicklungsidee: eine dieser säkularen Spätgeburten des Christentums. Schöpfung aus dem Nichts und prozesshaft errungene Weltheilung durch das Chaos der Sünde hindurch – das gleiche Schema, nur etsi deus non daretur. Auf einer bestimmten Abstraktionsebene der genealogischen Ideendiagnostik ist der Streit zwischen Kreationisten und Evolutionisten geradezu lächerlich.