Sonntag, 29. Dezember 2019
568
Benoît Peeters hat im Blick auf Derrida einmal bemerkt, dass Menschen, deren Denken starke emanzipatorische Impulse aussendet, sich in ihrer Rolle als Eltern durchaus sehr konservativ gebärden können. Ich selbst beobachte bei mir gelegentlich eine gewisse Sorge vor der Freiheit, die ich meinen eigenen Kindern denkend eröffnen musste. Vermutlich sorge ich mich deshalb, weil ich einen zu selbstverständlichen und zu sorglosen Gebrauch dieser Freiheit befürchte, weil ich sehr genau weiß, dass der angemessene Gebrauch dieser Freiheit sehr viel Achtsamkeit und sehr viel Übung voraussetzt.
Mittwoch, 25. Dezember 2019
567
Noch einmal – nach der erneuten Erfahrung eines erschreckend naiven, evangelikal katholisierenden Gottesdienstes am sogenannten Heiligen Abend (welcher Abend kann überhaupt heilig, welcher kann nicht heilig sein?): Stark verkürzt gesagt, ist die Weltwirklichkeit in sich widersprüchlich. In dieser Widersprüchlichkeit ist sie selbstdestruktiv. Die Widersprüchlichkeit der Weltwirklichkeit lässt sich nicht auflösen, das Ende ihrer Selbstdestruktivität lässt sich nicht abwenden. Wenn dem messianischen Ereignis – von der Krippe bis zum Grab – überhaupt ein repräsentativer Gehalt gegeben werden darf, dann ist dies nicht etwa die (christliche) Leugnung, sondern die ursprünglich jesuanische Bekräftigung dieser Einsicht.
Die Widersprüchlichkeit der Weltwirklichkeit lässt sich nicht auflösen, das Ende ihrer Selbstdestruktivität lässt sich nicht abwenden. Widersprüchlichkeit und Selbstdestruktivität des Weltwirklichen lassen sich allenfalls im Übergang handhaben. Handhabung meint jedoch nicht, Gesetze, also etwa Moral und Recht zu exekutieren – also gerade das nicht, was auch in evangelikal katholisierenden Gottesdiensten gerne eingefordert wird (oft verbunden mit der Illusion eines als Möglichkeit behaupteten gelingenden Lebens). Der Exekution von Gesetzen ist eigentümlich, dass sie die Wirklichkeit unter Harmonisierungsdruck setzt und damit letztlich nichts anderes bewirkt als die Dynamisierung und Beschleunigung der Selbstdestruktion. Handhabung meint reservativen Gebrauch von Wirklichkeit, meint weltunabhängige Weltlichkeit. Handhabung in diesem Sinne rettet die Welt nicht, löst nichts auf und wendet nichts ab. Und doch kann man sagen, dass wir der Welt in ihrer Widersprüchlichkeit und Selbstdestruktivität nichts besseres zukommen lassen können, als ihren reservativen Gebrauch.
Frohe Weihnachten!
Sonntag, 22. Dezember 2019
566
Ein Freund berichtet mir von der Entsorgung seiner durch intensiven Gebrauch zerlesenen, geradezu zerfledderten Bibel. Er berichtet mir von der inneren Hemmung, von der natürlichen Besorgnis, der eigene Glaube werde mit der entsorgten Bibel zugleich entsorgt.
Eine schöne Repräsentation für den Moment, in dem die repräsentative Interpretation entsorgt werden und der reservativen Interpretation weichen muss. Wenn repräsentative Werkzeuge (wie etwa die Bibel) ihr Werk verrichtet haben, dann dürfen, dann müssen sie in gewissem Sinne sogar beiseite- und abgelegt werden (siehe Nr. 461).
565
Gestern Star Wars IX angeschaut. Die quasi-christlich-religiöse Botschaft des Films: Deine Herkunft ist nicht bindend für das, was Du bist. Oder anders: Was Du bist ist nicht bindend für das, was Du sein kannst.
Eine pathetische und anrührende Botschaft, in der unsere westliche Kultur gründet. Die entzaubernde weltwirkliche Wahrheit ist jedoch: Die religiöse Gründungsbotschaft der westlichen Kultur als mögliche Gültigkeit ist schlechtweg falsch. Und gerade im Blick auf die bevorstehenden Weihnachtsfeierlichkeiten muss auch gesagt werden: Das messianische Ereignis ist gerade nicht Ermöglichungsgrund der Gründungsbotschaft westlicher Kultur, sondern deren endgültige Destruktion. Aber für wen wäre das schon ein Grund zu feiern?
564
In unserer weltanschaulich und moralisch sich neu aufladenden Zeit scheint mir die Erinnerung an den alten paulinischen Gedanken neu relevant zu werden: die Erinnerung daran, dass jene, die sich in weltanschauliche und moralische Sicherheiten flüchten, die mit weltanschaulichen und moralischen Sicherheiten aufwarten (und sei es mit der Sicherheit weltanschaulicher und moralischer Gleich-Gültigkeit), nicht etwa zu den Starken, sondern zu den Schwachen zu rechnen sind. Die Schwachheit dieser Schwachen gilt es zu handhaben (siehe Nr. 186, 205, 394). Wehe uns aber (und darauf steuern wir zu), wenn die Schwachen mit ihren weltanschaulichen und moralischen Sicherheiten das Zepter an sich reißen. Wehe uns, wenn die Schwachen zu herrschen beginnen.
563
Heute früh beim Bäcker. Auf der Theke eine Sammlung kleiner Marzipanfiguren. Daneben ein Aufsteller mit der Aufschrift: „Glücksbringer. Eigene Herstellung.“ Ein nicht intendierter Pleonasmus. Unschlagbar.
Sonntag, 15. Dezember 2019
562
Das messianische Ereignis ist ein repräsentativ erscheinendes Zeichen für eine nicht repräsentierbare Sache selbst. Der vielleicht entscheidende Fehler des Christentums liegt darin, die Sache selbst als repräsentierbar zu behaupten, das Repräsentierte mit dem Zeichen zu identifizieren und somit über das Zeichen unmittelbar zugänglich zu machen. Das ist der Grund dafür, dass alle christliche Predigt letztlich in die Irre gehen und in die Irre führen muss.
561
Die zahllosen Gültigkeitsschlammschlachten in den sogenannten sozialen Netzwerken: Symptom auch für die anonymisierende Vermassung in der späten Moderne. Selten geht es in den Schlachten um eine mögliche Relevanz der jeweiligen Gültigkeiten selbst. Es geht vielmehr um die panisch behauptete Relevanz derjenigen, die mit letztlich beliebigen Gültigkeiten um sich werfen. Mit Gültigkeiten um sich werfend verschaffen sie sich selbst den Eindruck von Relevanz, von Sinn, Aufmerksamkeit und Einfluss.
Samstag, 14. Dezember 2019
560
Boris Johnson gewinnt in Großbritannien die Wahlen. Absolute Mehrheit. Der tatsächliche Brexit rückt damit in greifbare Nähe. Dazu ein Gedanke (siehe auch Nr. 113 und 329).
Freitag, 13. Dezember 2019
559
Der reservativ Existierende hat keine Meinung, keine Position im Sinne einer gefestigten Gültigkeitsbehauptung. Der reservativ Existierende hält sich offen für die Wahl im Augenblick, für die not-wendige Entscheidung.