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Mittwoch, 21. November 2018

420

Bildung ist Erschließung einer möglichst großen Vielfalt von Interpretationen, dann aber auch Aufklärung über die Ungültigkeit dieser Interpretationen. Unbildung verleitet manche dazu, lediglich die eigene Interpretation und diese auch noch als (einzig) gültige wahrzunehmen. Andere lässt Unbildung glauben, irgendwo da draußen unter den vielen unbekannten Interpretationen gebe es noch eine gültige. Dummheit und Hochmut gehen gut zusammen, Dummheit und Wankelmut aber auch. Reservativer Bildung dagegen entwachsen Demut und innere Stabilität.

Freitag, 16. November 2018

419

Eine Selbstentlastung (zu Nr. 154, 199, 365): Es muss keine neue Sprache erfunden werden, um reservativ denken und leben zu können.

Donnerstag, 15. November 2018

418

Es ist wahr, dass das Alter gelegentlich seine Müdigkeit und Schwäche mit Weisheit verwechselt. Es ist aber auch wahr, dass sich in Müdigkeit und Schwäche des Alters durchaus Weisheit verbirgt.

Dienstag, 6. November 2018

417

Vor dem Winter kleinere Reparaturen am Fahrrad. Und es kommt, wie es immer kommt: Ein Augenblick der Unachtsamkeit, der Schraubenschlüssel rutscht ab, die Fingerrücken streifen kurz über den rauen Teer, die kalte gespannte Haut reißt auf. Kleine Verletzungen, die merkwürdig stark bluten und deren Heilung eine Weile dauern wird.

Montag, 5. November 2018

416

Die normative Erzählung von der Würde des Menschen verlangt von uns, Menschenleben nicht zu verrechnen. Die Zahl der Menschenleben darf unter den Vorgaben der Menschenwürde in normativen Entscheidungssituationen keine Rolle spielen. Warum aber erscheinen uns dann (ganz im Sinne eines zentralen christlichen Motivs) einzelne Menschen, die sich für viele Menschen (sagen wir: 100) opfern würden, als vorbildlich? Und warum würde es uns merkwürdig unangenehm aufstoßen, wenn ein einzelner Mensch, der viele Menschen (sagen wir: 100) durch sein Selbstopfer hätte retten können, die Unterlassung der rettenden Tat unter Berufung auf die Menschenwürde in seiner eigenen Person und auf die Unverrechenbarkeit dieser Würde rechtfertigen würde?

415

Jeder Sinn ist Rechtfertigung der Welt. Rechtfertigung aber nicht im Sinne einer Verungültigung, sondern im Sinne einer Behauptung des Daseins und Soseins der Welt. Insofern ist Sinn immer auch eine Erscheinungsform von Sünde. Das Christentum macht sich gemein mit dieser Erscheinungsform durch seine wirklichkeitslegitimierende Schöpfungstheologie und durch seine transformative Soteriologie.

Sonntag, 28. Oktober 2018

414

Nach vielen Jahren der Suche habe ich meine Interpretation gefunden. Oder in der Sprache der Matrix-Mystik: Meine Interpretation hat mich gefunden. Offener denn je stellt sich mir aber die Frage nach dem Sinn. Was bedeutet das alles, worauf soll es hinaus? Und meine Interpretation lacht. Sie lacht mich aus.

413

Den anderen anerkennen, wie er ist, fordert immer auch Verzicht auf das, was man von ihm erwartet und benötigt. Beziehungen, soziale Systeme, die im Primat der Anerkennung gründen, befördern unvermeidlich Differenz, Einsamkeit und Kompensation. Diese Bewegung lässt sich dann irgendwann nicht mehr ohne weiteres einfangen.

412

Zeiten, in denen man sich selbst Glauben schenkt (die Religiösen verwechseln diesen Zustand gerne mit Gottvertrauen), mögen angenehm sein. Es sind allerdings Zeiten höchster Naivität.

Sonntag, 30. September 2018

411

Wer schützt uns vor den Wissenden der Kompetenzgesellschaft, die annehmen, mit ihren zusammengegoogelten Informationen seien sie tatsächlich in der Lage, etwas Treffendes über die Wirklichkeit und ihren Lauf auszusagen?