Seiten

Montag, 12. Februar 2024

1013

Physiker sagen uns, es gäbe keine Zeit. Es gäbe lediglich Veränderung im Raum. Das macht unseren Begriff von Wirklichkeit wankend. Was aber, wenn wir noch weiter gehen müssten? Was, wenn es auch keinen Raum gäbe? Wie ließe sich Wirklichkeit dann noch begreifen? Wirklichkeit wäre dann vielleicht noch dies: eine Mannigfaltigkeit unausgesetzt sich wandelnder Relationen. Damit ließe sich Wirklichkeit aber allenfalls noch bezeichnen, nicht mehr begreifen.

Anmerkung eins: Spätestens seit Kant wissen wir, dass es Zeit und Raum nicht an sich gibt. Es gibt sie nur für uns. Zeit und Raum sind (a priori) gegeben mit der menschlichen Vernunft. Zeit und Raum sind (reine) Formen der Anschauung und damit Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt. Man könnte auch sagen: Zeit und Raum sind a priori gegebene, unvermeidliche und notwendige Fiktionen unseres Bewusstseins. Irreführend, gar gefährlich ist allerdings erstens: die Vorstellung, Zeit und Raum als Fiktionen unseres Bewusstseins seien einfältig, unwandelbar und identisch. Zweitens: die Vorstellung, Zeit und Raum als Fiktionen unseres Bewusstseins seien Bedingungen der Möglichkeit wahrer Erkenntnis. Irreführend und gefährlich sind diese Vorstellungen, weil sie Universalität und Wirklichkeitsmächtigkeit als Möglichkeit verheißen.

Anmerkung zwei: Ist die Bezeichnung der Wirklichkeit als Mannigfaltigkeit unausgesetzt sich wandelnder Relationen halbwegs angemessen, dann müssen Versuche, der so bezeichneten Wirklichkeit natürliche oder moralische Gesetze zu entnehmen, die so bezeichnete Wirklichkeit mit Hilfe natürlicher oder moralischer Gesetze zu handhaben, früher oder später unvermeidlich scheitern. Derartige Versuche haben allenfalls eine mittlere Kraft und Reichweite.

Donnerstag, 8. Februar 2024

1012

Es gibt lebensältere Menschen, von denen man noch nicht einmal sagen kann, sie hätten sich so etwas wie Kindlichkeit bewahrt. Damit würde man ihnen fälschlicherweise zugestehen, sie hätten im Werden ihrer inneren Haltung eine aktive Rolle gespielt. Diese Menschen sind von Natur aus kindlich, sie sind natürlicherweise Kosmologen – Menschen also, die nicht anders können als anzunehmen, alles sei gefügt, alles würde, alles ließe sich fügen. Diesen Menschen fehlt die natürliche Anlage zur Entzauberung. Sie sind nicht selten grundgestimmt heiter. Frei jedoch werden sie nie sein.

1011

Es heißt, die Wahrheit werde uns frei machen (Joh 8,32). Wenn wir frei hören, denken wir glücklich gerne hinzu. Von Glück war messianisch jedoch nie die Rede.

Samstag, 3. Februar 2024

1010

Im Dickicht der Rationalitäten fliehen manche in die Eindeutigkeit, andere fliehen in die Unbestimmtheit. Manche müssen sich festlegen, andere können sich nicht festlegen. So oder so – unsere Rationalitäten gehen unserer Natur unvermeidlich in die Falle.

Mittwoch, 31. Januar 2024

1009

Irgendwann im Lauf unseres Lebens müssen wir bereit werden, die Verantwortung auch für das zu übernehmen, was andere in unsere Existenz hineingelegt, was andere in uns hinterlassen haben.

Donnerstag, 18. Januar 2024

1008

Bewusstsein ist die Illusion möglicher Freiheit. Vernunft ist die Illusion einer möglichen Einheit des Bewusstseins, zugleich auch die Illusion einer möglichen Einheit der Freiheit. Bewusstsein ist also vor allem die Selbsttäuschung des Bewusstseienden über sich selbst.

Sonntag, 14. Januar 2024

1007

Manche unserer Entscheidungen legen wir in unser Leben wie vereinzelte Puzzleteile auf einen leeren Tisch – von nichts getragen als der gewagten Hoffnung, die übrigen Teile ließen sich noch irgendwo finden und fehlende, unverfügbare Teile würden von wem auch immer noch rechtzeitig hinzugefügt.

1006

Wenn sich die Alten über die Jungen beklagen, dann verweist man gerne auf Sokrates. Er soll die Nachwachsenden seiner eigenen Zeit schon ganz ähnlich beurteilt haben, wie die Alten jeder beliebigen Zeit: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“
Mittlerweile wissen wir, dass dieser Ausspruch Sokrates fälschlicherweise zugeschrieben wird. Die irreführende Formulierung geht auf eine studentische Arbeit Anfang des 20. Jahrhunderts zurück. Relevant ist an dem Pseudo-Sokrates aber auch lediglich, was damit zum Ausdruck gebracht werden soll. Man will in relativierender Absicht sagen, dass jede Klage über den Zustand der jeweiligen Jugend überflüssig sei. Diese Klage habe es schon immer gegeben, diese Klage sei schon immer gleichen Inhalts gewesen, und bislang habe sich noch immer alles, was man beklagt habe, im Laufe des Alterns verflüchtigt.
Das mag richtig sein. Was aber, wenn dem Altern und dem Alter die klärende und vereinigende Metaphysik abhandenkommt? Was also, wenn das, was man aufgeklärte Mündigkeit nennen könnte, keine halbwegs sichere Größe mehr ist? Mehr noch: Was, wenn das, was der Jugend eigentümlich ist – die Suche des Eigenen, damit zugleich auch die Kritik des Alten – was, wenn diese Eigentümlichkeit zur Eigentümlichkeit auch der Alten wird, wenn sich die Alten dem Primat der Jugend unterwerfen, wenn die Alten ewig Suchende bleiben?

Freitag, 12. Januar 2024

1005

In dieser Woche wieder einem dieser Menschen begegnet, die Wissen mit Wahrheit verwechseln. Sie häufen Wissen an wie Kapital und sind davon überzeugt, damit auch in Wahrheitsfragen zahlungsfähig zu sein. Ein Irrtum.

Samstag, 6. Januar 2024

1004

Eine These: Erst der reformatorische Gnadenbegriff eröffnet ein eher funktionales Verständnis des Menschen.