Samstag, 15. März 2025
1122
Wenn wir für uns in Anspruch nehmen, das Überkommene und Gewohnte überdenken und verlassen zu müssen, dann fordern wir dies ja zugleich auch für jene, die nach uns kommen. Für sie ist das, was wir hinterlassen, das Überkommene, also das, was überdacht und verlassen werden muss. Hoffen können wir lediglich, dass jene, die uns folgen, nicht dem Paradigma des Fortschritts, sondern dem der Entzauberung folgen.
1121
Das Prinzip ist der Feind des Möglichen.
Freitag, 14. März 2025
1120
Ich lese (über) Blumenberg und werde dabei unablässig an Derrida erinnert. Ob die beiden einander gelesen haben, weiß ich nicht. Ihr Denken ist jedoch vergleichbar entgründend. In diesem wie in jenem Denken öffnet sich ein sprachlicher Hiatus, Blumenberg und Derrida öffnen durch Sprache einen Hiatus. Blumenbergs Hiatus unterscheidet sich jedoch fundamental von dem Derridas. Wenn ich diesen Unterschied beschreiben sollte, dann würde ich wohl sagen: Blumenbergs und Derridas Denken und Sprechen folgt je unterschiedlichen Paradigmen. Blumenberg blickt (noch) auf das, was nie (mehr) ankommen kann. Derrida dagegen blickt (schon) auf das, was (noch) im Ankommen begriffen ist. Man könnte vielleicht auch sagen: Zwischen Blumenberg und Derrida kippt das (verbleibende) Metaphysische endgültig ins (vorläufige) Messianische.
1119
Die religiöse (existenzielle) Innenwahrnehmung beobachtet erwartungsloses Vertrauen. Die nicht-religiöse (diagnostische) Außenwahrnehmung beobachtet Fatalismus.
Donnerstag, 13. März 2025
1118
Gegen Blumenberg: Selbstbehauptung, in welcher Form auch immer sie gedacht wird oder in Erscheinung tritt, ist nicht Wirklichkeitsdistanzierung. Als Gültigkeit, als Gültigkeitsbehauptung ist Blumenbergs Selbstbehauptung selbst Wirklichkeit, ist sie eine Erscheinungsform des Wirklichen. Mit den vor allem sprachlichen Mitteln, die Blumenberg bereitstellt, ist es nicht möglich, sich dem Absolutismus des Wirklichen zu entziehen oder sich gar über das Wirkliche zu erheben.
1117
Kürzlich wurde ich nach meiner Stärke gefragt, nach dem, worin ich besonders gut sei. Wenn ich hier überhaupt etwas zu benennen bereit wäre, dann würde ich wohl sagen: Meine Stärke liegt im Ausharren, im Verharren, im Dasein – und dies ausdrücklich im messianischen Sinne. Diese Stärke ist keine Eigenschaft, schon gar keine Gabe. Es ist ein durch unausgesetzte messianische Interpretation und Erinnerung angeeignetes, wenngleich immer auch brüchiges Können.
Mittwoch, 5. März 2025
1116
Die hellenische Wirklichkeitsdistanzierung, damit zugleich die christliche, ist eine andere als die messianische. Die eine ist geboren aus dem erstaunten Bemühen, das als harmonische Einheit wahr- und angenommene Wirkliche zu durchschauen, es zu rationalisieren, ihm zu entsprechen oder gar sich seiner zu bemächtigen. Die andere ist geboren aus dem ernüchterten Bemühen, sich dem als fragmentierte Differenz wahr- und angenommenen Wirklichen zu entziehen, ihm nicht mehr zu entsprechen, seine Bemächtigung zu durchbrechen.
1115
Wer seine eigene Erzählung nicht kennt, wem überdies gleichgültig ist, wie diese Erzählung geworden ist, der darf sich nicht wundern, wenn er sich selbst nicht oder falsch versteht.
Sonntag, 2. März 2025
1114
Was als Freiheit bezeichnet werden könnte: ein Wille ohne Geschichte.
Samstag, 1. März 2025
1113
Die Frage nach dem Selbstverständnis ist Symptom für das fragwürdig gewordene Selbstverständliche (Blumenberg).