Montag, 23. Dezember 2024
1075
Nicht wenige Ereignisse haben paradoxe Wirkungen. Im Angesicht dessen, was sich derzeit für mich fügt, was über mich verfügt ist, stehe ich vor einer mir überraschend erscheinenden Frage: Lässt sich die messianische Erzählung, die im Reich der Gültigkeiten eher reaktiv auf Depositionierung aus ist, möglicherweise auch positionell wenden? Ist reservativer Messianismus auch als aktive Positionierung möglich – und dies ohne Rückfall in die dem Gültigkeitsdenken eigentümlichen Schließungen? Noch vermag ich hier keine Antwort zu geben. Sollte allerdings eine positive Antwort möglich werden, so würde diese wohl im Ereignis der Tempelreinigung einen ersten messianischen Anhalt finden.
Sonntag, 22. Dezember 2024
1074
Aktuell erfolgreich im Kino: Wicked – ein verfilmtes Musical, das die Vorgeschichte des Wizard of Oz erzählt. Der Film beeindruckt durch seine Bildgewalt, er ist farbenprächtig und symbolgeladen. Die Erzählung hat eine sozialkritische, für mich vor allem aber auch eine religionskritische Pointe. Mit Hilfe ihrer Symbole und symbolischen Wendungen lässt sich der individuelle wie ideengeschichtliche Prozess der Entzauberung und des Gottesschwundes unter den Kulturbedingungen des römischen Christentums nachzeichnen (Randbemerkung: Wicked bezeichnet ja nicht nur das Böse, sondern eben auch das Gottlose). Besonders eindrücklich: Im Moment, in dem sich Gott, der große Zauberer, als Popanz entpuppt, verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse. Gerade in diesem Moment wählt das grüne Wesen Elphaba jenen Weg, den auch die säkulare Moderne gewählt hat und den wir in zugespitzter, weiter individualisierter Form bis heute wählen: den Weg der Selbstbehauptung. Und bezeichnenderweise wird Elphaba eben durch diese Wahl zur bösen Hexe des Westens. Auch wenn die damit grob angedeutete Analogie nicht beabsichtigt sein sollte, so drängt sie sich doch unmittelbar auf und bietet sich zum Gebrauch geradezu an.
Samstag, 21. Dezember 2024
1073
Zeitenwende, Kriegstüchtigkeit – und politische wie militärische Führung wiederholen die Fehler der 1990er Jahre. Wir stehen in und vor einem Umbruch in den deutschen Streitkräften, der qualitativ und in seiner Reichweite vergleichbar ist mit dem Umbruch nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes vom 12. Juli 1994. Und wie damals transformieren wir Strukturen, Gerät und Ausrüstung. Was wir dagegen erneut nicht transformieren ist unser Verständnis dessen, was Streitkräfte und Soldaten überhaupt sind, was sie sein sollen. Hier halten wir vielmehr erneut – die einen nostalgisch, die anderen trotzig – an der alten großen Erzählung der Inneren Führung und ihrem Bürgersoldaten fest, die immer schon von brüchigen Voraussetzungen gelebt haben, die sie selbst nicht garantieren können, von Voraussetzungen, die mittlerweile längst verloren sind. Nostalgie und Trotz werden uns früher oder später auf die Füße fallen. Und dieser Fall hat jetzt schon begonnen.
Freitag, 20. Dezember 2024
1072
Seit geraumer Zeit spricht man in Deutschland von Kriegstüchtigkeit. Ich halte diesen Begriff für unglücklich. Er verleitet zu viele Zeitgenossen mit fragwürdigen Motiven dazu, Morgenluft zu wittern. Ich selbst hielte den Begriff der Abwehrfähigkeit für angemessener. Er würde das, worauf wir uns vorbereiten müssen, nicht auf die militärische Option verengen. Und diesem Begriff fehlt die grimmige Konnotation, aus der sich propagandistisch allzu leicht aggressive Absichten ableiten lassen.
Sonntag, 15. Dezember 2024
1071
Jene, die nicht glauben können, mit Hilfe der ihnen verfügbaren und vertrauten Mittel des Unglaubens zu dem zu bewegen, was allein der Glaube eröffnet und ermöglicht – das ist die Kunst messianischer Führung. Es ist die Kunst der Führung durch Gleichnis.
1070
Sesshaftigkeit als Haltung ist der Versuch, sich dem Wirklichen nicht zu stellen.
1069
Jede idealistische Erzählung ist, wie jedes Märchen auch, noch nicht einmal im Kern wahr.
1068
Zu Nr. 1018: Die Antwort auf die Frage, ob sich Fügung fügen lässt, ist immer schon gegeben. Sie lautet: Ja und Nein. Und weder Ja noch Nein sind verfügbar. Alles, was wir ausrichten, ist bereits für uns getan (Jes 26,12) – unabhängig davon, ob wir tatsächlich wollen, was wir da ausgerichtet (oder angerichtet) haben. Am Ende muss sich unser Wille immer dem sich Fügenden fügen. Denn das, was sich fügt, ist nie das, was unser fügender Wille vor Augen hatte.
Samstag, 7. Dezember 2024
1067
Dem Christentum gerade auch in seiner protestantischen Gestalt wohnt eine radikale Forderung inne, die sich regelrecht als lebensfeindlich erweisen kann: die radikale Forderung nach Identität von Erkenntnis und Lebensweise. Dem stellt sich die anders-radikale messianische Forderung entgegen: die Forderung nach fiktiver Annullierung jeder beliebigen Erkenntnis und jeder beliebigen Lebensweise. Unter dieser Annullierung ist grundsätzlich jede Erkenntnis und jede Lebensweise möglich, solange sie zugleich fiktiv als annulliert angeschaut und gehandhabt wird. Messianisch darf ich also sein und bleiben, wer und wie ich bin (was auch immer das meint), bleibe aber immer zugleich auch unabhängig von mir selbst. Und es ist diese Unabhängigkeit, die den Raum für das eröffnet, worauf die messianische Forderung innerwirklich hinaus will: Liebe.
1066
Die okzidentale Kultur auch in ihren modernen Funktionalisierungen und Ausdifferenzierungen gründet in der Idee der Repräsentation. In ernsthafte Schwierigkeiten gerät diese Kultur erst dann, wenn niemand mehr repräsentieren will oder kann. In gerade diese kommende Wirklichkeit rutschen wir derzeit hinein.