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Mittwoch, 19. Oktober 2022

872

Gerade noch einmal einen dieser Lebensmomente zwischen Widerstand und Ergebung durchschritten. Erneut die immer gleiche Beobachtung: Der Augenblick der Offenheit, in dem wir noch nicht wissen, was uns zu wollen bleibt, ist ein ängstigender Augenblick der Unentschiedenheit und der Unentscheidbarkeit. Es ist ein Augenblick der Vorbereitung darauf, so oder so wollen zu können. Jenseits dieses Augenblicks, wenn wir entschieden haben oder wenn entschieden ist, bleibt daher unvermeidlich immer beides: Verärgerung und Erleichterung.


Sonntag, 18. September 2022

871

Gelegentlich steht mir in der Erinnerung einer meiner militärischen Lehrgangsleiter vor Augen, der mich und meine Kameraden zu Beginn eines für unseren Werdegang entscheidenden Ausbildungsabschnitts mit einer schlichten aber folgenreichen Wahrheit konfrontiert hat: „Mit dem heutigen Tage“, so sagte er damals in seiner Begrüßungsansprache, „wechseln Sie die Seiten. Künftig sind Sie nicht mehr Arbeitnehmer. Von nun an sind Sie Arbeitgeber.“ Ich war damals gerade einmal 21 Jahre alt.
Was mein Lehrgangsleiter uns mit seiner Verbalnote schon früh hinter die Ohren schreiben wollte: Offiziere, militärische Führer, müssen einen Haltungswechsel vollziehen. Sie dürfen sich möglichst früh nicht mehr zu jenen zählen, die im Wesentlichen Ansprüche formulieren, die davon ausgehen, dass ihnen grundsätzlich oder aufgrund einer erbrachten Leistung irgendetwas zustünde. Sie müssen sich vielmehr zu jenen zählen, die im Wesentlichen Zumutungen formulieren, die vor allem sich selbst Leistung abverlangen – unabhängig davon, ob sie auf irgendetwas Anspruch haben, ob ihnen irgendetwas zusteht.
Die gegenwärtig nachwachsende Generation militärischer Führer ist nach meiner Beobachtung auf diesen notwendigen Haltungswechsel nicht oder nur schlecht vorbereitet. Und in Deutschland wird den jungen Offizieren dieser Wechsel inzwischen deutlich zu spät zugemutet. Das kann und wird nicht folgenlos bleiben.

Anmerkung: Ein altes römisches Prinzip formuliert die Freiheit des Herrschers von den Gesetzen. Princeps legibus solutus est. Calvin weist in seinen frühen juristischen Kommentaren darauf hin, dieses Freiheitsrecht sei nichts anderes als ein Recht auf erhöhte Pflichten. Eine durchaus geeignete Mahnung gerade auch für militärische Führer. Je höher die Stellung, je größer die Macht, desto geringer der Anspruch, desto größer die Zumutung.

Samstag, 17. September 2022

870

Die Moralischen und die Unmoralischen haben etwas gemeinsam: das Ungeschick in der Handhabung des Wirklichen. Und die falsche Annahme, ihre Weise der Welthandhabung würde ihre Zwecke früher oder später wirklich werden lassen.

Sonntag, 11. September 2022

869

Kürzlich fragt mich jemand nach meinem inneren Anker. Die Kurzfassung einer möglichen Antwort ist wohl diese: ein Gott, der nicht wirklich ist in einer Wirklichkeit, die nicht Gott ist.

Freitag, 2. September 2022

868

Reformation in einer Nussschale: Alle reformatorischen Versuche richten sich letztlich darauf, Gottes Präsenz im Wirklichen auf Einmaliges und Einzigartiges zu beschränken. Auf eine einmalige und einzigartige Person (Jesus Christus), auf einen einmaligen und einzigartigen Ort (Heilige Schrift), auf ein einmaliges und einzigartiges Ereignis (Gnade).
Mit diesem interpretatorischen Eindämmungsakt ist schon wieder viel gewonnen, aber er geht zu wenig weit. Er lässt noch allzu viel Raum für Repräsentationen, erweist sich daher auch dogmatisch wie moralisch als wesentlich restaurativ.

Donnerstag, 25. August 2022

867

Man kann sagen, dass Freiheit sich dort finden lässt, wo Müssen durch Wollen überwunden ist. Dabei hängt jedoch die Wahrheit dieses Satzes ganz davon ab, wie Form und Substanz von Müssen und Wollen bestimmt werden.

Mittwoch, 24. August 2022

866

Warum irritieren uns die Emanzipationsbewegungen derjenigen, die nach uns kommen? Auch wir selbst haben uns dem Überkommenen entrungen. Das, was wir dabei neu oder erstmals zu entdecken geglaubt haben, neigt in unserer Wahrnehmung allzu leicht zur Absolutheit. Und so können wir kaum anders, als uns über jene zu verwundern, die sich aus unseren eigenen Entdeckungen wiederum zu lösen versuchen.
Emanzipatorische Akte sind notwendig. Jeder emanzipatorische Akt hat jedoch immer seine Zeit und seinen Raum, substanziell wohnt ihm nichts Absolutes inne. Dieses wie jenes müssen wir uns gelegentlich in Erinnerung rufen. Uns und natürlich auch jenen, die nach uns kommen.

Dienstag, 23. August 2022

865

Habe mich im gegenwärtigen Urlaub noch einmal einer alten Landserregel unterstellt: Hat der Soldat keinen Auftrag, dann ruht er. Für mich ist diese Regel nicht Entlastung, sondern Selbstzumutung. Meine Natur und meine Prägung kennen keine auftragsfreien Zeiten und Räume. Ich muss mir also selbst den Auftrag geben, keinen Auftrag zu haben. In jedem Urlaub das gleiche zirkuläre Spiel gegen mich selbst.

Samstag, 6. August 2022

864

An sich lässt sich nicht zwischen richtigen und falschen Entscheidungen unterscheiden. Wir entscheiden oder wir entscheiden durch Entscheidungslosigkeit – und die Wirklichkeit nimmt nach uns bekannten und unbekannten, nach uns zugänglichen und unzugänglichen Kausalitäten ihren entsprechenden Lauf. Unterscheiden lässt sich aber vielleicht zwischen fruchtbaren und unfruchtbaren Entscheidungen, dies im Blick auf unsere Willensbildung. Nur jene Entscheidungen sind fruchtbar, von denen wir – den Lauf des Wirklichen aufmerksam beobachtend – einen unseren Willen bildenden und festigenden Gebrauch machen.

863

Denken heißt: in ägyptischer Finsternis einen Interpretationsgraben ziehen für die je eigene Existenz. Voraussetzungen, Bedingungen und Mittel dieses Unterfangens sind uns nicht verfügbar, sie sind verfügt. Entscheidend ist allerdings, welcher Fiktion, welchem Glauben wir grabend folgen. Wobei sich selbstverständlich die Frage stellt, ob nicht auch unsere leitende Fiktion schon immer verfügt ist.