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Sonntag, 14. November 2021

796

Bei der traurig-resignierten Beobachtung eines an Gott, letztlich an sich selbst leidenden Menschen noch einmal zwei (reformatorische) Erinnerungen.
Zum einen: (Repräsentative) Disziplin und (reservative) Freiheit – sie sind analog in dem, was wir uns von ihnen versprechen, durchaus hier und da auch in dem, wie sie sich praktisch auswirken. In ihrer Begründung und in ihrer inneren Wirkung könnten sie jedoch nicht ferner auseinander stehen. Hier Gültigkeit, dort Ungültigkeit. Hier Kampf, dort Frieden. Hier Qual, dort Aufatmen.
Zum anderen: Wer an Gott, wer letztlich an sich selbst leidet, der wird, wenn er sich wirksame Linderung verschaffen und vielleicht sogar so etwas wie Befreiung erfahren will, bereit werden müssen, aus jenem inneren Schema auszubrechen, das ihn im Leiden an Gott und an sich selbst gefangen gesetzt hat. Wer zu dieser Bereitschaft nicht durchringt, dem ist sein Leiden letztlich lieber als die Freiheit.

795

Beim Blick auf den Ort, an dem ich lebensgeschichtlich derzeit stehe, drängt sich mir eine Analogie auf: Ich bewege mich durch jene Spanne, durch die sich das werdende Christentum zwischen dem zweiten und fünften Jahrhundert bewegt hat. Jenseits des messianischen Ereignisses gilt es, sich dem andauernden In-Der-Welt-Sein zu stellen, ein auf Dauer gestelltes messianisches Weltverhältnis zu leben.
Die Herausforderung liegt dabei darin, ganz in der Welt, sogar ganz Welt zu sein, dem Schema der Welt jedoch nicht zu folgen, sich vom Schema der Welt nicht assimilieren zu lassen. An dieser Herausforderung ist das Christentum grandios gescheitert. Gerade in seiner Grandiosität äußert sich sein Scheitern.

Freitag, 12. November 2021

794

Mitten in seiner Enttäuschung an Gott und Welt, an der Wirklichkeit des Göttlichen in der realen Welt, bleiben dem existenziell Gottsuchenden letztlich nur drei Auswege: der Kompromiss, die Mystik oder die Entzauberung.

Samstag, 6. November 2021

793

Was heißt es, prä-religiös, prä-metaphysisch, prä-moralisch, prä-kulturell zu leben? Es heißt, diesseits aller entlastenden Erklärungs- und Bindungserzählungen anzuschauen, auszuwählen und zu entscheiden. Als Einzelner, ohne Allgemeines.
Allerdings: Heute ist dies allein unter den Bedingungen der je vorgefundenen Kultur möglich. Das ist das Gefängnis des Allgemeinen, in dem und mit dem wir als Einzelne unvermeidlich leben müssen.

792

Denke Dein Leben. Und dann lebe, was Du denkst. Nimm Dir für beide Schritte ausreichend Zeit. Gehe den zweiten Schritt nicht vor dem ersten. Bedenke aber auch, dass Du das unentdeckte Land Deines Denkens nicht denkend, sondern nur lebend entdecken kannst.

791

Von verschiedenen Seiten wird mir gespiegelt, meine jüngsten Blog-Einträge seien allzu düster. Ich selbst nehme das nicht wahr. Sicher: Dass ich nun, nach vielen Jahren des Denkens, damit beginne, so zu leben, wie ich denke, erfordert ein hohes Maß an Nüchternheit und Wachsamkeit. Und doch ist dieser Beginn ein Grund zur Freude.

790

Ich muss fragmentarisch leben, um das sein zu können, was ich bin. Dabei gilt es, aufmerksam und behutsam zu bleiben. In der Zahl, der Qualität und dem Maß der Widersprüchlichkeit der Fragmente des Lebens liegt eine stets bedrohliche Überlastung und Sprengkraft.

789

Im als ob nicht leben heißt, sich an die Wirklichkeit wirklich zu binden, ohne von ihr wirklich gebunden zu sein.

Samstag, 30. Oktober 2021

Samstag, 23. Oktober 2021

787

Wessen Weg mein eigener Weg auch immer kreuzt: Der andere Weg, der Weg des anderen ist immer zu anders und zu lang, um ihn mitgehen zu können. Es bleibt der Hauch flüchtiger, zumeist wirkungsloser Begegnung. Und der im Hauch immer mitwirksame Abschiedsschmerz. Der Schwerz angesichts unmöglicher Begleitung und unmöglicher Wirkung.