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Freitag, 16. Oktober 2020

661

Eine vertiefte, existenziell provozierte Beobachtung: Als Wesen, in denen die Natur die Augen aufschlägt (Schelling), ist es uns unmöglich, den drei Zirkeln der innerwirklich-ewigen Wiederkunft zu entkommen: dem Zirkel der Kausalität, dem Zirkel der Finalität und dem Zirkel des Sinns oder Werts. Wir interpretieren das Wirkliche (mehr oder weniger bewusst hoffend) als eine Abfolge von Ursache und Wirkung, wir interpretieren diese Abfolge als zielgerichtet, und wir interpretieren die jeweiligen Ziele der Kausalitäten als bedeutsam (als gut oder böse). Diese drei Akte der Interpretation setzen uns in einer unausgesetzten Wiederkehr gefangen, die an sich eitel, nichtig ist.

Viele Bewusstseinswesen scheinen diese Nichtigkeit nicht zu bemerken. Sie wiederholen ihre zirkuläre Interpretation alltäglich und schlüpfen so weitgehend unbelastet durch die Wirklichkeit hindurch. Andere suchen entlastende Zuflucht in Religion oder Metaphysik, wieder andere in Verzweiflung oder Selbstüberhebung. Sie alle bleiben auf ihre Weise Sklaven des Zirkels (was nicht zuletzt für Nietzsches Übermenschen gilt).

Wie, im nichtigen Zirkel der Wiederkehr gefangen, den Zirkel selbst auf- und durchbrechend handhaben, ohne ihm zu entfliehen (was nicht möglich ist) und ihm damit letztlich verschärft anheim zu fallen. Das ist die wohl größte Aufgabe des Denkens.

Freitag, 9. Oktober 2020

660

Existenzielle Denker muss man durch ihre Existenz hindurch interpretieren. Das relativiert das jeweilige Denken nicht, es bekräftigt vielmehr die jeweilige existenzielle Wahrheit.

Religiöse und metaphysische Denker muss man auch durch ihre Existenz hindurch interpretieren. Das relativiert das jeweilige Denken und die jeweilige Wahrheit.

Samstag, 3. Oktober 2020

659

Ein lieber Freund in der Heimat (er wird diese Formulierung schmunzelnd zur Kenntnis nehmen) hat mich auf eine sehr schöne Anmerkung Einsteins aus dem Jahr 1918 hingewiesen: „Ich lese unter anderem Kants Prolegomena und fange an, die ungeheure suggestive Wirkung zu begreifen, die von diesem Kerl ausgegangen ist und immer noch ausgeht. Wenn man ihm nur die Existenz synthetischer Urteile a priori zugibt, ist man schon gefangen."
Das trifft, was mich selbst angeht, den Nagel auf den Kopf. Die Annahme der Existenz synthetischer Urteile a priori hat mich im Interpretieren und Leben lange Zeit eingekerkert. Bis mich vor allem Vaihingers „Philosophie des Als Ob“ zurecht gebracht hat.

658

Zu Nr. 533, 540, 541: Überraschend, wohl aber erwartbar – meine nomadische Existenz hat gerade erst begonnen. Jeder Versuch, unter Rückgriff auf bürgerliche Bilder und Ideale irgendwo existenziell anzukommen (contradictio in adiecto), muss unvermeidlich scheitern. Noch überraschender jedoch, und dies war nicht offensichtlich erwartbar – meine Natur eilt mir zu Hilfe. Sie treibt mich zu dem, was meine Interpretation von mir fordert (immer die Gefahr mit bedacht, dass ich hier in eine selbst gestellte Falle laufe).

Mittwoch, 30. September 2020

657

Wir sollen Menschen sein, nicht Übermenschen. Der reservative Einspruch richtet sich auch gegen alle religiösen und nach-religiösen, gegen alle metaphysischen und nach-metaphysischen Überformungen unserer Natur. Die reservative Urteilskraft schafft – in lebenspraktischer, nicht in legitimatorischer Absicht – viel Raum auch dafür, natürlich sein und bleiben zu dürfen, das sein und bleiben zu dürfen, was und wie wir sind: Sünder.

Mittwoch, 23. September 2020

656

In jeder Verallgemeinerung äußert sich immer auch Hilflosigkeit. Vor den Überforderungen, die uns die Wirklichkeit zumutet, fliehen wir gerne in Universalismen. Kants kategorischer Imperativ lässt sich auch als resigniertes Schulterzucken lesen.

Donnerstag, 17. September 2020

655

Alles Leben ist vergebliches Warten auf die Pointe.

Donnerstag, 10. September 2020

654

Das Ideal moderner Demokratie: die Vielen zur einen Vernunft bringen. Das Ideal spätmoderner Demokratie: die Vielen zur Anerkennung der vielen Vernünftigkeiten bringen. Dieses wie jenes Ideal nötigt tendenziell zu Radikalität und Gewaltsamkeit.

653

Ich habe allzu lange nicht sehen können, dass es wichtig, bisweilen unverzichtbar ist, anderen Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, mich falsch zu verstehen, sich ein unzutreffendes Bild von mir zu machen, mich in eine unangemessene Erzählung hineinzuinterpretieren.

Freitag, 4. September 2020

652

In manchen, in nicht wenigen Beziehungen und Kontexten müssen wir eine gewisse Unaufrichtigkeit wahren. Sonst können wir hier nicht (mit)leben.