Montag, 5. November 2018
416
Die normative Erzählung von der Würde des Menschen verlangt von uns, Menschenleben nicht zu verrechnen. Die Zahl der Menschenleben darf unter den Vorgaben der Menschenwürde in normativen Entscheidungssituationen keine Rolle spielen. Warum aber erscheinen uns dann (ganz im Sinne eines zentralen christlichen Motivs) einzelne Menschen, die sich für viele Menschen (sagen wir: 100) opfern würden, als vorbildlich? Und warum würde es uns merkwürdig unangenehm aufstoßen, wenn ein einzelner Mensch, der viele Menschen (sagen wir: 100) durch sein Selbstopfer hätte retten können, die Unterlassung der rettenden Tat unter Berufung auf die Menschenwürde in seiner eigenen Person und auf die Unverrechenbarkeit dieser Würde rechtfertigen würde?
415
Jeder Sinn ist Rechtfertigung der Welt. Rechtfertigung aber nicht im Sinne einer Verungültigung, sondern im Sinne einer Behauptung des Daseins und Soseins der Welt. Insofern ist Sinn immer auch eine Erscheinungsform von Sünde. Das Christentum macht sich gemein mit dieser Erscheinungsform durch seine wirklichkeitslegitimierende Schöpfungstheologie und durch seine transformative Soteriologie.
Sonntag, 28. Oktober 2018
414
Nach vielen Jahren der Suche habe ich meine Interpretation gefunden. Oder in der Sprache der Matrix-Mystik: Meine Interpretation hat mich gefunden. Offener denn je stellt sich mir aber die Frage nach dem Sinn. Was bedeutet das alles, worauf soll es hinaus? Und meine Interpretation lacht. Sie lacht mich aus.
413
Den anderen anerkennen, wie er ist, fordert immer auch Verzicht auf das, was man von ihm erwartet und benötigt. Beziehungen, soziale Systeme, die im Primat der Anerkennung gründen, befördern unvermeidlich Differenz, Einsamkeit und Kompensation. Diese Bewegung lässt sich dann irgendwann nicht mehr ohne weiteres einfangen.
412
Zeiten, in denen man sich selbst Glauben schenkt (die Religiösen verwechseln diesen Zustand gerne mit Gottvertrauen), mögen angenehm sein. Es sind allerdings Zeiten höchster Naivität.
Sonntag, 30. September 2018
411
Wer schützt uns vor den Wissenden der Kompetenzgesellschaft, die annehmen, mit ihren zusammengegoogelten Informationen seien sie tatsächlich in der Lage, etwas Treffendes über die Wirklichkeit und ihren Lauf auszusagen?
410
Das Verlangen ist stark, die Wirklichkeit möge der Interpretation lauthals widersprechen. Doch diesen Gefallen will sie mir nicht erweisen.
Sonntag, 23. September 2018
409
Die Religion beantwortet die Fragen der Weltwirklichkeit. Der Glaube dagegen ist Infragestellung der Weltwirklichkeit. Die religiöse Versuchung des Glaubens: Mit der Weltwirklichkeit zugleich die Gotteswirklichkeit infrage zu stellen. Damit fällt der Glaube allerdings in das Schema der Religion, in das Schema des Antwortens.
Mittwoch, 19. September 2018
408
Katechon und Anomos sind eins. Das ist der Schlüssel (Nr. 70). Das ist nicht zuletzt der Schlüssel zur Kritik der Moral und des Rechts, der Kritik auch jeder Metaphysik von Moral und Recht. Und das ist der Schlüssel zur Kritik des spezifisch christlichen Begriffs der Geschichte als Heilsgeschichte.
Donnerstag, 13. September 2018
407
Interpretationen, die aus Suche, nicht aus Neugierde geboren, die im engen Austausch mit der Existenz gewonnen, die geworden sind, lassen sich nicht wechseln oder ablegen wie Kleidungsstücke. Vor vielen Jahren hat mich ein alter katholischer Kirchenhistoriker vor meiner Weise, denkend zu leben und lebend zu denken, eindringlich gewarnt. Hinter bestimmte Erkenntnisse, so sagte er damals, kann man nicht mehr zurück. Er hat Recht behalten.