Samstag, 23. März 2024
1017
Wirklichkeit als Mannigfaltigkeit unausgesetzt sich wandelnder Relationen (siehe Nr. 1013): eine Bezeichnung, mit deren Hilfe sich vieles klären und aufklären lässt. Etwa der messianische Gedanke der Vergängnis, die Wahrnehmung und Interpretation des Wirklichen als etwas, das im Vergehen begriffen ist. Dieser Gedanke verliert unmittelbar seinen finalen, damit auch seinen katastrophischen Charakter.
1016
Wissenschaft kann regressiv wirken, wenn sie nicht eingebettet ist in eine aufgeklärte Interpretation. Wissenschaft und Aufklärung sind nicht identisch.
1015
Nicht alles, was ist, muss auch bezeichnet werden.
Samstag, 2. März 2024
1014
Die Idee, die Hoffnung der AI: Annäherung an das Göttliche durch künstliche Optimierung menschlichen Bewusstseins, durch künstliche Perfektionierung menschlicher Rationalität. Eine alte, gerade auch eine christliche Verirrung: die Verirrung in die Analogie. Als habe Gott Bewusstsein, als sei Gott rational, als sei er irgendwie sonst dem Menschen ähnlich oder vergleichbar. Wir kommen Gott oder dem Göttlichen nicht näher durch Optimierung oder gar Perfektionierung des Menschen. Wir optimieren und perfektionieren lediglich die ontologische Differenz. Das gilt schon für den gesamten Prozess okzidentaler Rationalisierung, das gilt nun insbesondere für den kommenden vorläufigen Höhepunkt dieses Prozesses: AGI.
Montag, 12. Februar 2024
1013
Physiker sagen uns, es gäbe keine Zeit. Es gäbe lediglich Veränderung im Raum. Das macht unseren Begriff von Wirklichkeit wankend. Was aber, wenn wir noch weiter gehen müssten? Was, wenn es auch keinen Raum gäbe? Wie ließe sich Wirklichkeit dann noch begreifen? Wirklichkeit wäre dann vielleicht noch dies: eine Mannigfaltigkeit unausgesetzt sich wandelnder Relationen. Damit ließe sich Wirklichkeit aber allenfalls noch bezeichnen, nicht mehr begreifen.
Anmerkung eins: Spätestens seit Kant wissen wir, dass es Zeit und Raum nicht an sich gibt. Es gibt sie nur für uns. Zeit und Raum sind (a priori) gegeben mit der menschlichen Vernunft. Zeit und Raum sind (reine) Formen der Anschauung und damit Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt. Man könnte auch sagen: Zeit und Raum sind a priori gegebene, unvermeidliche und notwendige Fiktionen unseres Bewusstseins. Irreführend, gar gefährlich ist allerdings erstens: die Vorstellung, Zeit und Raum als Fiktionen unseres Bewusstseins seien einfältig, unwandelbar und identisch. Zweitens: die Vorstellung, Zeit und Raum als Fiktionen unseres Bewusstseins seien Bedingungen der Möglichkeit wahrer Erkenntnis. Irreführend und gefährlich sind diese Vorstellungen, weil sie Universalität und Wirklichkeitsmächtigkeit als Möglichkeit verheißen.
Anmerkung zwei: Ist die Bezeichnung der Wirklichkeit als Mannigfaltigkeit unausgesetzt sich wandelnder Relationen halbwegs angemessen, dann müssen Versuche, der so bezeichneten Wirklichkeit natürliche oder moralische Gesetze zu entnehmen, die so bezeichnete Wirklichkeit mit Hilfe natürlicher oder moralischer Gesetze zu handhaben, früher oder später unvermeidlich scheitern. Derartige Versuche haben allenfalls eine mittlere Kraft und Reichweite.
Donnerstag, 8. Februar 2024
1012
Es gibt lebensältere Menschen, von denen man noch nicht einmal sagen kann, sie hätten sich so etwas wie Kindlichkeit bewahrt. Damit würde man ihnen fälschlicherweise zugestehen, sie hätten im Werden ihrer inneren Haltung eine aktive Rolle gespielt. Diese Menschen sind von Natur aus kindlich, sie sind natürlicherweise Kosmologen – Menschen also, die nicht anders können als anzunehmen, alles sei gefügt, alles würde, alles ließe sich fügen. Diesen Menschen fehlt die natürliche Anlage zur Entzauberung. Sie sind nicht selten grundgestimmt heiter. Frei jedoch werden sie nie sein.
1011
Es heißt, die Wahrheit werde uns frei machen (Joh 8,32). Wenn wir frei hören, denken wir glücklich gerne hinzu. Von Glück war messianisch jedoch nie die Rede.
Samstag, 3. Februar 2024
1010
Im Dickicht der Rationalitäten fliehen manche in die Eindeutigkeit, andere fliehen in die Unbestimmtheit. Manche müssen sich festlegen, andere können sich nicht festlegen. So oder so – unsere Rationalitäten gehen unserer Natur unvermeidlich in die Falle.
Mittwoch, 31. Januar 2024
1009
Irgendwann im Lauf unseres Lebens müssen wir bereit werden, die Verantwortung auch für das zu übernehmen, was andere in unsere Existenz hineingelegt, was andere in uns hinterlassen haben.
Donnerstag, 18. Januar 2024
1008
Bewusstsein ist die Illusion möglicher Freiheit. Vernunft ist die Illusion einer möglichen Einheit des Bewusstseins, zugleich auch die Illusion einer möglichen Einheit der Freiheit. Bewusstsein ist also vor allem die Selbsttäuschung des Bewusstseienden über sich selbst.