Das trifft, was mich selbst angeht, den Nagel auf den Kopf. Die Annahme der Existenz synthetischer Urteile a priori hat mich im Interpretieren und Leben lange Zeit eingekerkert. Bis mich vor allem Vaihingers „Philosophie des Als Ob“ zurecht gebracht hat.
Samstag, 3. Oktober 2020
659
Ein lieber Freund in der Heimat (er wird diese Formulierung schmunzelnd zur Kenntnis nehmen) hat mich auf eine sehr schöne Anmerkung Einsteins aus dem Jahr 1918 hingewiesen: „Ich lese unter anderem Kants Prolegomena und fange an, die ungeheure suggestive Wirkung zu begreifen, die von diesem Kerl ausgegangen ist und immer noch ausgeht. Wenn man ihm nur die Existenz synthetischer Urteile a priori zugibt, ist man schon gefangen."
Das trifft, was mich selbst angeht, den Nagel auf den Kopf. Die Annahme der Existenz synthetischer Urteile a priori hat mich im Interpretieren und Leben lange Zeit eingekerkert. Bis mich vor allem Vaihingers „Philosophie des Als Ob“ zurecht gebracht hat.
Das trifft, was mich selbst angeht, den Nagel auf den Kopf. Die Annahme der Existenz synthetischer Urteile a priori hat mich im Interpretieren und Leben lange Zeit eingekerkert. Bis mich vor allem Vaihingers „Philosophie des Als Ob“ zurecht gebracht hat.
658
Zu Nr. 533, 540, 541: Überraschend, wohl aber erwartbar – meine nomadische Existenz hat gerade erst begonnen. Jeder Versuch, unter Rückgriff auf bürgerliche Bilder und Ideale irgendwo existenziell anzukommen (contradictio in adiecto), muss unvermeidlich scheitern. Noch überraschender jedoch, und dies war nicht offensichtlich erwartbar – meine Natur eilt mir zu Hilfe. Sie treibt mich zu dem, was meine Interpretation von mir fordert (immer die Gefahr mit bedacht, dass ich hier in eine selbst gestellte Falle laufe).
Mittwoch, 30. September 2020
657
Wir sollen Menschen sein, nicht Übermenschen. Der reservative Einspruch richtet sich auch gegen alle religiösen und nach-religiösen, gegen alle metaphysischen und nach-metaphysischen Überformungen unserer Natur. Die reservative Urteilskraft schafft – in lebenspraktischer, nicht in legitimatorischer Absicht – viel Raum auch dafür, natürlich sein und bleiben zu dürfen, das sein und bleiben zu dürfen, was und wie wir sind: Sünder.
Mittwoch, 23. September 2020
656
In jeder Verallgemeinerung äußert sich immer auch Hilflosigkeit. Vor den Überforderungen, die uns die Wirklichkeit zumutet, fliehen wir gerne in Universalismen. Kants kategorischer Imperativ lässt sich auch als resigniertes Schulterzucken lesen.
Donnerstag, 17. September 2020
655
Alles Leben ist vergebliches Warten auf die Pointe.
Donnerstag, 10. September 2020
654
Das Ideal moderner Demokratie: die Vielen zur einen Vernunft bringen. Das Ideal spätmoderner Demokratie: die Vielen zur Anerkennung der vielen Vernünftigkeiten bringen. Dieses wie jenes Ideal nötigt tendenziell zu Radikalität und Gewaltsamkeit.
653
Ich habe allzu lange nicht sehen können, dass es wichtig, bisweilen unverzichtbar ist, anderen Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, mich falsch zu verstehen, sich ein unzutreffendes Bild von mir zu machen, mich in eine unangemessene Erzählung hineinzuinterpretieren.
Freitag, 4. September 2020
652
In manchen, in nicht wenigen Beziehungen und Kontexten müssen wir eine gewisse Unaufrichtigkeit wahren. Sonst können wir hier nicht (mit)leben.
Donnerstag, 20. August 2020
651
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“ (Hermann Hesse). Die Wirklichkeit ist eine andere: Jeder Anfang trägt den Keim der Entzauberung in sich. Wer sich von Anfängen verzaubern lässt, der flieht vor dem Wirklichen in die Behausung des Mythos.
650
Weil er es noch für möglich hielt, hat Kant an Land gedacht, mit festem Boden unter den Füßen. Weil es ihm nicht mehr anders möglich war, hat Nietzsche sich auf ein Denken im Offenen, auf stürmischer abgründiger See einlassen müssen. Reservation ist der Versuch, sich im Offenen zu befestigen, auf hoher See so fest zu werden, als gäbe es weder Sturm noch Abgrund.