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Sonntag, 17. November 2019

548

In dieser Woche noch einmal der alten salomonischen Weisheit begegnet: „Wo viele Worte sind, da geht’s ohne Sünde nicht ab. Wer aber seine Lippen im Zaum hält, ist klug“ (Spr 10,19). Diese Weisheit in nicht-moralischer Interpretation: Wo viele Worte, da viele kaum beherrschbare Kausalitäten. Wenige bedachte Worte dagegen sind in der Lage, die eine oder andere Kausalität aufzufangen, ihr Einhalt zu gebieten. Was nicht vergessen werden darf: Es gibt auch eine Schweigsamkeit, es gibt auch eine Stille des Bösen.

547

Das moderne, funktionalisierte Leben fordert von uns, in vielen verschiedenen Räumen des Lebens viele verschiedene Rollen zu bedienen, vielen verschiedenen Rollenbildern zu entsprechen. Und es ist wohl die reservative Interpretation, die in kaum zu überbietender Weise dazu befähigt, die modernen Selbstdifferenzierungen (oder auch: Selbstentfremdungen) zu handhaben. Und doch müssen wir sensibel bleiben dafür, dass jede Selbstdifferenzierung immer auch Grenzen hat, die wir nicht überschreiten können, manchmal auch nicht überschreiten dürfen. Grenzen der Natur und Grenzen der Interpretation (wobei, um es noch einmal zu betonen, jede Interpretation immer auch abhängt von der jeweiligen Natur).

546

Es ist durchaus nicht so, dass ich derzeit – unter veränderten Umständen – nicht denken würde, nicht denken müsste. Gefordert ist von mir allerdings nun wieder ein radikales Mit-Denken, eine über den Tag nahezu unterbrechungsfreie funktionale Rationalität. Und für diese Art des Denkens ist dieser Blog nicht der rechte Ort.

Samstag, 9. November 2019

545

Die Gaukelei des mathematisch-logischen Ideals: Es gibt Lösungen. Im Wirklichen gibt es jedoch keine Lösungen. Es gibt nur Entscheidungen. Und entscheidungsinduzierte Kausalitäten.

Samstag, 26. Oktober 2019

544

Es gibt unterschiedliche – wie soll ich sagen – Ausdrucksformen dessen, was wir Denken nennen. Mir erscheint folgende grobe Differenzierung halbwegs treffend:

Sonntag, 13. Oktober 2019

543

Eine Mühe des Denkens, der man sich stellen muss, wenn man das, was man da tut, tatsächlich Denken nennen will: viele mögliche Wege des Denkens bis zu ihren Voraus-Setzungen zurück und bis zu ihren Konsequenzen hin voraus verfolgen, um zu entdecken, dass die jeweiligen Voraus-Setzungen und Konsequenzen grundsätzlich nicht (mehr) gewollt sein können, oder dass wir selbst die jeweiligen Voraus-Setzungen und Konsequenzen nicht wollen können, dass also die verfolgten Wege des Denkens nicht die eigenen sind.

Samstag, 12. Oktober 2019

542

Die Entscheidung für Abel gegen Kain ist die Entscheidung für das Fragment gegen das Universale, die Entscheidung für das Einzelne gegen die Masse, die Entscheidung für die Pilgerschaft gegen die Verwurzelung, die Entscheidung für die Demut gegen die Selbstbehauptung, die Entscheidung für die Ungültigkeit gegen die Gültigkeit. Wer Kain wählt und nicht Abel, der wählt unvermeidlich Abels Tod.

Gedanke nach dem Besuch des Münchener Oktoberfestes: Massen lassen sich bändigen allein durch massive Kanalisierung. Die politische Entscheidung für die Demokratie ist keine Entscheidung für den Einzelnen, sondern für die Masse. Die politische Neigung zur Radikaldemokratisierung ist die Neigung zur Vermassung ohne Kanalisierung. Ein gewagtes Experiment.

541

Es ist skurril: Unter veränderten Bedingungen bin ich herausgefordert, die Figur des als ob nicht noch einmal neu zu wenden. Gewissermaßen gegen sich selbst. Es gilt, ein als ob nicht des als ob nicht zu – ja was eigentlich? Zu realisieren? Wenn ja, dann aber nicht im Sinne eines subversiv und destruktiv sich einschleichenden und durchsetzenden als ob (wie etwa im werdenden römischen Christentum), sondern im Sinne einer Suche nach dem Besten der Stadt in quasi-babylonischer Gefangenschaft (Jer 29,7).

Samstag, 5. Oktober 2019

540

Der reservativ Interpretierende ist, wo auch immer er ist, unvermeidlich der Andere. Die Anderen sind dort, wo er jeweils ist, lediglich anders anders. Es ist also letztlich gleich-ungültig, wo er ist. Es gilt lediglich, im jeweiligen Hier und Jetzt ein jeweils anderes Anderes reservativ zu handhaben.

539

Reservative Interpretation eröffnet in der chaotischen Vielfalt des Wirklichen eine neue Einfältigkeit, eine neue Einfalt des Entscheidens.