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Donnerstag, 25. Dezember 2025

1190

Wer einen empiristischen oder naturalistischen Fehlschluss diagnostiziert, setzt nicht selten voraus, dass sich unabhängig vom Seienden, unabhängig von der Natur, unabhängig vom Wirklichen tatsächlich so etwas wie ein Sollen ausfindig machen lässt. Nachreligiös und nachmetaphysisch kann dieses Sollen allerdings nichts anderes mehr sein als eine willentliche Selbstbindung, eine Selbstbindung des Willens. Ob und inwieweit diese als unabhängig von der Natur gelten kann, ist zumindest fragwürdig.

1189

Mit der Ethik verhält es sich wie mit dem militärischen Operationsplan. So, wie dieser mit dem ersten Feindkontakt nichtig wird, so wird jene nichtig, sobald sie sich dem Wirklichen aussetzt.

1188

Die grundlegende, messianische Bedingung für das paulinische als ob nicht ist der jesuanische, ontologisch begriffene Satz: Niemand ist gut als der eine Gott.

1187

Letztlich ist jeder – von außen betrachtet, in der Fremdwahrnehmung – immer bloß Klischee.

Dienstag, 23. Dezember 2025

1186

Mit Prinzipien, Normen, Werten verschaffen wir uns Orientierung, wir begrenzen uns aber immer auch in unseren Möglichkeiten. Moral und Recht haben ihren Zweck und ihre Zeit. Wenn sie uns jedoch hilflos machen in der Auseinandersetzung mit dem, was wir (innerwirklich) das Böse nennen können, spätestens dann erweisen sie sich für die Handhabung des Wirklichen als ungeeignet.
Moralisten und Juristen verweisen gerne darauf, dass wir uns unglaubwürdig machen würden, wenn wir in der Konfrontation mit dem Bösen Moral und Recht fahren ließen, und dass dann geradezu alles verloren wäre. In dieser Warnung verbirgt sich auch eine irreführende säkular-religiöse Hoffnung: die Hoffnung nämlich, dass Moral- und Rechtstreue zuletzt durch den Sieg des Guten belohnt würden. Diese Hoffnung war schon immer falsch, und sie kann heute angesichts dessen, was wir mittlerweile über das Wirkliche wissen, nicht einmal mehr gute Gründe anführen.

Sonntag, 21. Dezember 2025

1185

Meine neue Aufgabe stellt mich neu vor die Wirklichkeit des Krieges, neu auch vor die Frage, was Soldaten im Krieg hält, wie und woran sich Soldaten im Krieg halten können. Die deutschen Streitkräfte bereiten sich mittlerweile wieder auf das vor, was wir Landes- und Bündnisverteidigung nennen. Dabei richten sie sich auch an der Kriegswirklichkeit aus, die sich derzeit in der Ukraine beobachten lässt. Für mich sind hier zwei Wahrnehmungen wesentlich. Zunächst: Die Verantwortlichkeit in künftigen Kriegsszenarien wird sich (wieder) nach unten und nach vorne verlagern (müssen). Auch die normative Belastung des einfachen, im Gefecht eingesetzten Mannschaftssoldaten wird damit deutlich zunehmen. Hinzu kommt: Das Recht wird in künftigen Kriegen seine einhegende und schützende Rolle verlieren (wenn es diese überhaupt jemals hatte). Damit verliert es zugleich seine orientierende und bindende Kraft. Meine Folgerung: Wir müssen gerade auch Haltepunkte für unsere Mannschaften ausfindig machen, Haltepunkte so naheliegend und konkret wie möglich. Diese Haltepunkte müssen gerade dort halten, an ihnen muss man sich gerade dort festhalten können, wo das Recht weder schützt noch bindet.

Anmerkung: In der Rationalität moderner Vertragstheorien beendet das Recht den Krieg. Dort, wo Recht ist, treten Institutionen und Verfahren an die Stelle der Gewalt. Es liegt also ein (moderner) Widerspruch darin, Krieg und Recht vereinen oder zusammenhalten zu wollen. Und es ist eine geradezu unmenschliche Überforderung, die Handhabung dieses Widerspruchs ausgerechnet dem Soldaten an der Front zuzumuten. Anders gesagt: Wenn Krieg ist, dann ist kein Recht oder das Recht hat versagt. Krieg ist nicht Ausübung und Fortsetzung, sondern Abwesenheit oder Ende des Rechts. Wenn nun die Politik, die den Krieg, die Abwesenheit oder Ende des Rechts verantwortet, vom Soldaten fordert, ausgerechnet dort dem Recht treu zu bleiben, wo kein Recht ist, wo vermeintliches Recht weder schützt noch bindet (und abgesehen davon in taktischer Hinsicht nicht selten hinderlich ist), dann ist die in dieser Forderung sich verbergende Heuchelei unübersehbar und geradezu unverschämt.

Freitag, 19. Dezember 2025

1184

Die andrängende Macht künstlicher Intelligenz (LLM) fordert von uns in sich verschärfender Weise, unsere Ethik, unsere kritische Überprüfung normativer Gültigkeiten aus der Umklammerung durch das Gesetz, aus der Verzahnung mit dem Gesetz zu lösen.

1183

Gerade auch beruflich, gerade auch in Ausbildung und Lehre sehe ich mich nun neu und mehr denn je genötigt, mich in der messianischen Kunst zu üben, in der Kunst der Untergrabung von Rationalität mit den ihr eigenen Mitteln (siehe Nr. 1154).

Sonntag, 14. Dezember 2025

1182

Liberaler Rechtsstaat und liberale Demokratie sind mittlerweile gefährdeter denn je. In dieser Lage muss vielleicht noch einmal daran erinnert werden, dass die Idee dieser Form und Organisation menschlichen (politischen) Beieinanderseins in einer Zeit geboren und entfaltet wurde, in der von Massengesellschaften im heutigen Sinne noch keine Rede war. Liberaler Rechtsstaat und liberale Demokratie sind nicht für die Masse gemacht. Rousseau hatte beim Entwurf seines Contrat Social eine Stadt wie Genf vor Augen.
Auch wenn wir in der Moderne repräsentative Strukturen, Institutionen und Verfahren etabliert haben, die uns zumindest den Eindruck vermitteln, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie seien massentauglich, so scheint sich doch zunehmend offenzulegen: Die liberale Idee der Freiheit ist unter Massenbedingungen nicht dauerhaft überlebensfähig. Auch das drängt uns heute dazu, nach anderen Formen freiheitlichen Lebens Ausschau zu halten. Gerade auch im Angesicht der offensichtlich verlockenden autoritären Alternativen.

1181

Eine meiner wesentlichen beruflichen Herausforderungen der nächsten Jahre wird darin liegen, der Neigung zur Absolutsetzung dieser oder jener Rationalität entgegenzuwirken. Die Flucht ins Absolute ist eine gerade in Deutschland beliebte Form der Komplexitätsreduktion, die durchaus intellektuell beeindruckend daherkommen kann, in der sich jedoch tatsächlich nichts anderes vollzieht, als ein archaischer, evolutionsbiologisch erklärbarer Mechanismus unserer Natur.

1180

Im Rahmen meiner neuen Aufgabe, setze ich mich mit einer möglicherweise kommenden Realität der gegenwärtigen und nächsten Soldatengeneration auseinander. Aktuell sind die Prognosen finster, und wir sind gut beraten, jenen, die betroffen sein werden, dabei zu helfen, der sich wieder aufklärenden wirklichen Wirklichkeit nüchtern ins Auge zu blicken.
Menschen wie ich, die nun an der Schwelle des Alters stehen, erinnern sich vielleicht noch an die in den 1980ern geführte Debatte zum Satz von der Gnade der späten Geburt. Über uns, über meine Generation wird man einst vielleicht sagen, sie habe die Gnade der frühen Geburt erfahren dürfen. Die Gnade des Zufalles eines Geburtsdatums, das uns in einer Übergangszeit des Scheins wohlbehütet und wohlständig hat leben lassen.