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Sonntag, 17. Oktober 2021

786

Notiz im Anschluss an Röm 7. Wir können uns darüber, was Ursache, was Wirkung ist, nie sicher sein. Ohne Zweifel ist es meine reservative Erzählung, die mich zum unbedingten Dasein, zum bedingungslosen Geben im Wirklichen bewegt. In der kritischen psychoanalytischen Außenansicht lässt sich aber auch anderes behaupten. In meinem Dasein, in meiner Haltung des Gebens könnte sich auch etwas anderes äußern: Kompensation und Vermeidung.

Mittwoch, 13. Oktober 2021

785

Zu Nr. 719 und 734: In den vergangenen Monaten habe ich mich meiner Angst gestellt. Mittlerweile kann ich sie benennen, kann sie bezeichnen, kann darauf zeigen:

Nicht haben dürfen.

Das ist meine existenzielle Angst.
Und vielleicht ist das eine der wesentlichen existenziellen Ängste, eine Angst des Existierenden schlechthin.
Alles Denken, alles Tun ist der Versuch, auch dieser Angst zu entkommen.


Sonntag, 10. Oktober 2021

784

Als was auch immer sich meine gegenwärtige Lebensstation erwiesen haben wird: Es wird auch die Zeit gewesen sein, in der ich begonnen habe, so zu leben wie ich denke. In der ich, tätig wartend, mein Leben meinem Denken anzunähern begonnen habe. Diese Zeit wird als eine gefährliche und schmerzhafte in Erinnerung bleiben. Aber auch als eine unverzichtbare.

Freitag, 1. Oktober 2021

783

Gebunden im Sein müssen wir der Freiheit Raum verschaffen.
Der Freiheit verbunden müssen wir der Bindung im Sein Raum geben.
Im Handgemenge zwischen Sein und Freiheit schreiten wir als Existierende durch die Wirklichkeit.

Die gefährlichsten Irrtümer, denen wir verfallen und erliegen können:
Sein als einzige Wirklichkeit behaupten.
Freiheit als mögliche Wirklichkeit vorstellen.
Sein und Freiheit verwechseln oder vermischen.

Freitag, 17. September 2021

782

Wer trägt, wer hält mich? Niemand.
Was trägt, was hält mich? Nichts.
Lediglich meine Interpretation, meine Fiktion, mein Glaube.
Der Augenblick dieser Entdeckung ist der Augenblick zwischen Verzweiflung und Mündigkeit.

781

Wir sind Produkte und halten uns für Konstrukteure.
Wir können nicht anders als anzunehmen, wir seien Konstrukteure.
Beides gilt zugleich.

Sonntag, 12. September 2021

780

Wer bin ich? Der, der ich jeweils für den anderen sein muss. Oder will.

779

Es befremdet mich, es stößt mich ab, wenn ich von Menschen als Reaktion auf meine Praxis, die ihnen zugute kommt, Wertschätzung oder Dankbarkeit erfahre. Zumindest dann, wenn Wertschätzung oder Dankbarkeit von jenen geäußert wird, die mir unmittelbar nahe sind, denen ich mich unmittelbar verbunden habe. Zum einen fühle ich mich damit fälschlicherweise in die übliche Gültigkeitsmechanik von Geben und Nehmen einsortiert. Zum anderen haben Wertschätzung oder Dankbarkeit immer etwas funktional Steriles an sich. Und diese Sterilität wird der willentlichen Personalität meiner Praxis in keiner Weise gerecht. Sie liegt mit ihr geradezu im Streit.

778

Eine weitere Beobachtung zum Böckenförde-Diktum (siehe Nr. 21 und 595). Zunächst: Nie zuvor in der Geschichte des modernen Staates war die Präsenz des Öffentlichen unmittelbarer, nie zuvor war die einflussnehmende Macht des Öffentlichen größer als heute. Dann: Nie zuvor war das Öffentliche unabhängiger vom Staat, nie zuvor war es der Kontrolle und Steuerung durch den Staat so deutlich entzogen. Und schließlich: Nie zuvor war das Öffentliche flüchtiger, nie zuvor war seine Bewegung so unberechenbar wie heute.
Im Angesicht dessen meine Frage: Wo um alles in der Welt sollen die Kinder dieser Öffentlichkeit das noch hernehmen, worüber sie um der Existenz des modernen Staates Willen verfügen müssen? Die Kraft des Nicht-Öffentlichen vermag hier zweifellos kaum noch etwas auszurichten. Zumal das Nicht-Öffentliche immer auch ein Produkt des Öffentlichen ist und zunehmend sein wird.

Mittwoch, 8. September 2021

777

An sich ist alles Wirkliche bedeutungslos. Das heißt aber nicht, dass es uns nichts mehr zu sagen hätte. Vor Jahren habe ich in der Auseinandersetzung mit der Matrix-Trilogie formuliert, der Glaubende müsse ein Meister des Gesetzes werden. Es gilt, das Wirkliche in seiner Verfügbarkeit, vor allem aber auch in seiner Unverfügbarkeit gebrauchen zu lernen. In diesem Sinne, zu diesem Zweck muss uns das Wirkliche unausgesetzt Aufklärung und Belehrung sein.