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Dienstag, 18. August 2020

649

In unsrer Moral verbirgt sich immer auch sehr viel Missgunst. Was wir anderen untersagen, ist nicht selten das, wonach wir uns sehnen, worauf wir jedoch – aus welchen Gründen auch immer – zu verzichten genötigt sind.

Freitag, 7. August 2020

648

Als mit Bewusstsein begabte und belastete Wesen halten wir uns im Wirklichen durch die Geschichten, die wir uns selbst erzählen. Manchmal passt die Erzählung nicht mehr zum Wirklichen, manchmal passt das Wirkliche nicht mehr zur Erzählung. Ich bin mir noch nicht sicher, was uns mehr fordert. In diesem wie in jenem Falle aber müssen wir unsere Geschichte umerzählen. Etwas anderes bleibt uns nicht. Das Wirkliche geht seinen Gang. Letztlich unabhängig von unserer Erzählung.

Erste Anmerkung: Nicht wenige wissen nicht um ihre eigene Erzählung. Dessen ungeachtet haben sie eine.

Zweite Anmerkung: Nicht wenige unserer Erzählungen sind in unserer Natur verankert. Da helfen auch keine Umerzählungsbemühungen.

Montag, 13. Juli 2020

647

Das Böse verbirgt sich gerade auch dort, wo die Masse das Gute wähnt. Vorsicht also vor jeder (zur Absolutheit neigenden) Moral. Allerdings auch vor jeder Gegenmoral. Denn die heranwachsende Gegenmoral von heute ist bekanntlich nicht selten die Moral von morgen.

Anmerkung: Die jesuanische Bergrede ist keine Moralrede. Sie ist vielmehr Ermutigung zu unausgesetzter Unter- und Durchbrechung jeder Moral. Daher ist das, was diese Rede fordert, massenuntauglich.

Freitag, 10. Juli 2020

646

Wie kann man unter den werdenden, sich aufheizenden politischen und sozialen Bedingungen noch öffentlich ideologiekritisch sein? Zumal dann, wenn man die gegenwärtigen politischen und sozialen Systeme, sofern sie als Ideologien, als sich selbst verabsolutierende Heilslehren auftreten, in seine Kritik einschließt?
Auf ganz unterschiedlichen Interpretationswegen kann man sich in analogen Diagnosen begegnen – und sich dann wieder, in den jeweiligen Folgerungen, weit voneinander entfernen. In Momentaufnahmen kann also Ungleiches gleich erscheinen. Beispiel: die Kritik des Apokalyptikers und die Kritik des Verschwörungsmythologen. Nun kennt aber das fiktive Subjekt, das wir Öffentlichkeit nennen, in Zeiten von Social Media kaum noch etwas anderes als Momentaufnahmen. Es fragt nicht nach Herkunft und Zukunft, nicht nach Gründen und Schlüssen. Es differenziert nicht, es verallgemeinert. Es macht aus Ungleichem Gleiches.

Wie also noch öffentlich kritisieren, ohne durch das Subjekt Öffentlichkeit mit Ungleichen verglichen zu werden? Das „flieht in die Berge“ wird tatsächlich zur verlockenden Option.

Dienstag, 30. Juni 2020

645

Mangelnde Aufklärung über sich selbst ist immer auch ein Schutz, vor allem ein Schutz vor sich selbst. Diesen Schutz zu verlieren – dafür muss die Zeit reif, dafür muss man vorbereitet und bereit sein. Aufklärung über sich selbst kann allzu leicht überfordern, kann hilflos machen. Und diese Hilflosigkeit kann gefährlich sein, gefährlicher noch als Naivität und Unmündigkeit.

Freitag, 19. Juni 2020

644

Traurig – wie viele kluge, zum Denken fähige Menschen wir nach wie vor an Ideale, Idealismen oder gar Ideologien verlieren. Und natürlich auch an die Feinde des Ideals.
Meine eigenen Ideale, durch die ich hindurchgegangen bin, waren eher Experimente als Überzeugungen. Experimente, die stets am Wirklichen gescheitert sind.

Sonntag, 7. Juni 2020

643

Zu Nr. 636: Gott – das Nichts, das das Nichtige nichtet. Mit diesem Satz ist tatsächlich alles gesagt, von diesem Satz ausgehend lässt sich alles sagen. Nicht zuletzt dies: Wenn wir von Gott reden wollen, müssen wir vom Menschen reden (Bultmann). Oder besser: Von Gott reden heißt vom Weltwirklichen reden. Und diese Rede kann nur zwei Absichten haben: Entzauberung des Wirklichen und Entmächtigung des Wirklichen. Damit zugleich: Selbstentzauberung des Menschen und Selbstentmächtigung des Menschen.

642

Auch so lässt sich Weltwirklichkeit interpretieren: Jeder Augenblick, in dem sich das Wirkliche für uns fügt, ist Anlass zu Dankbarkeit und Demut. Seitdem wir an Newton, seitdem wir an eine gesichert funktionierende und dienstbare Wirklichkeit glauben, haben wir Dankbarkeit und Demut verlernt.
Aber auch: Seitdem wir an Newton glauben, sind wir selbst nichts anderes mehr als Funktionäre und Diener des Wirklichen. In der gegenwärtig zu beobachtenden Sehnsucht nach der Ausnahme, gerade auch in der Sehnsucht nach politischer Willkür, könnte sich die tiefer liegende Sehnsucht Ausdruck verschaffen, nicht länger bloß funktionieren und dienstbar sein zu müssen.

641

Der Fehler reformatorischer Gottesverflüchtigung: Neben dem unsichtbar werdenden Gott wird ein wirklicher Gott behauptet, der von sich das zu offenbaren beschlossen hat, was uns fassbar und zu wissen notwendig ist. Dieser Gott ist jedoch eine sich selbst destruierende Gültigkeitsfiktion (ein Schelm wer behauptet, die Selbstdestruktion des offenbarten Bildes sei die verborgene Absicht des Offenbarenden).

640

Vorhersehbarkeit gibt es immer nur im Nachhinein.